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Ist natürlich schon gemein, wenn man sich gerade ein neues Rad angeschafft
hat - in meinem Fall das Delite Black - und parallel dazu auf ein anderes
Fortbewegungskonzept aufmerksam wird, nämlich auf das Liegerad. Beim
Stöbern nach Reiseberichten gelange ich zufällig auf die Website
"Agence
Future" und das Rad mit dem die beiden Globetrotter dort
unterwegs sind, die HP
Velotechnik Streetmachine, geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Was
man so über Liegeräder unkt, ist ziemlich eindeutig: man kommt
den Berg nicht hinauf und sie sind gefährlich, weil man im Strassenverkehr
dauernd übersehen wird. Wie machen das aber dann die beiden von Agence
Future? Die sind mit Tonnen von Ausrüstung unterwegs, radeln um den
Globus, über Pässe hinweg und mitten durch Kairo oder Delhi.
Und die scheinen damit keine Probleme zu haben!
Mit der Zeit sammle ich immer mehr Meinungen und entdecke einschlägige
Internetseiten, wie zum Beispiel das Liegeradforum,
und dort ist der Tenor ein ganz anderer - hier diskutieren begeisterte
Liegeradfahrer über ihre Fahrräder. So festigt sich allmählich
der Gedanke, selber einmal ein Liegerad zu kaufen.
Der März 2004 beschert mir eine recht erfolgreiche Aquarellausstellung
und somit ist das Budget verhanden, um wieder ein neues Rad anzuschaffen.
Mit Haso
Velo und Rehatech ist auch gleich ein kompetenter Händler/eine
kompetente Servicewerkstatt gefunden, und eine dunkelblaue Streetmachine
GT steht dort zur Probefahrt bereit und genau dieses Rad geht in meinen
Besitz über...
...und nun sind sie gelöst, all meine Wehwehchen und Beschwerden.
Mein Sitzfleisch ist zufrieden, mein Nacken gibt Ruhe, meine Handgelenke
melden sich nicht mehr, sogar meine Knieschmerzen haben sich im Laufe
der Zeit gelegt (was aber wohl nicht am Konzept Liegerad liegt, sondern
daran, dass ich mir das Fahren mit kleineren Gängen bei höherer
Trittfrequenz angewöhnt habe).
Es dauert natürlich eine Weile, bis ich mich mit der Streetmachine
GT auch wirklich sicher im Strassenverkehr fühle, das passiert so
etwa nach 200-300 Kilometern. Doch dann führt erstmal kein Weg mehr
zurück zu den "normalen" Rädern. Auf der Reise von
Zürich ans
Mittelmeer bewährt sich das Rad sofort auch als ideales Reiserad
und irgendwie habe ich das Gefühl, nach langer Suche endlich am Ziel
meiner Ausrüstungswünsche angekommen zu sein.
Aber das Beste ist eigentlich, dass ich mehr Spass am Radfahren habe und
sich meine Tagestouren erweitern haben.
Ich hatte das Rad nicht unter mehreren ähnlichen Modellen der verschiedenen
Hersteller als das für mich Beste ausgesucht, sondern es war von
Anfang an klar, dass es genau eine Streetmachine GT sein müsste -
mein eigenes Urteilsvermögen über die Tauglichkeit als Reiserad
ordnete sich damals einfach der Praxiserfahrung der Agence Future Protagonisten
unter.
Die Streetmachine ist nicht gerade mit einem grossen Wendekreis gesegnet.
Der Lenker schlägt relativ schnell seitlich am Sitz an und limitiert
damit den Lenkeinschlag. Zwar guckt man als Neuling da schon erstmal ein
bisserl dumm aus der Wäsche, wenn man die Lenkereinschläge vom
Upright her gewöhnt ist, doch in der Praxis stört das nicht
wirklich. Klar, ab und zu gibt's Situationen, in denen man rangieren muss,
aber wie gesagt, das spielt kaum eine Rolle.
Der Geradeauslauf der SMGT ist unruhiger als bei meinen anderen Zweirädern.
Aufgefallen ist mir das aber erst, als ich wirklich Vergleichsmöglichkeiten
hatte. Dem gutmütigen Fahrverhalten und dem Fahrgenuss hat das jedoch
keinen Abbruch getan.
Das Fahren bergauf geht langsamer vonstatten, als ich es mit dem Delite
gewöhnt war, aber es ist irgendwie komfortabler und fühlt sich
für mich leichter an, oder positiver, oder meditativer - ich weiss
nicht recht, wie ich es ausdrücken soll. Dadurch dass ich zurückgelehnt
im Sitz liege, empfinde ich es nicht so sehr als "Buckeln" wie
mit dem normalen Rad.
Das Fahrverhalten mit Zuladung (4 Ortliebs und ein Zeltsack oben drauf)
empfand ich als sehr stabil und sicher. Es schien wirklich so, als ob
die Streetmachine erst vollbepackt ihr Potenzial ausspielen könne.
Und mit Reisegepäck spielt auch die von mir später bemängelte
Behäbigkeit eigentlich keine Rolle mehr.
Die Sitzhöhe - der Hersteller gibt sie mit 63 cm an - ist eigentlich
OK. Als Anfänger erschienen mir diese 63 cm eh recht niedrig und
da muss man sich sowieso erstmal an die andere Sitzposition gewöhnen.
Mit meinen 1.80 kam ich einigermassen gut mit den Füssen auf den
Boden, allerdings muss man sich bei voller Zuladung schon auch bewusst
einen festen Stand suchen, denn das Gewicht von Rad & Gepäck
will natürlich im Stillstand ausbalanciert werden. Hier
hat's mich mal ganz bitterböse in die Brennesseln geworfen, als ich
das mal unterschätzte... Optimal ist die Sitzhöhe nicht, aber
man kann damit leben.
Insgesamt fand ich das Fahrverhalten gutmütig und relaxed, einfach
wie geschaffen zum gemütlichen Cruisen. Durch die Erweiterung meines
Fuhrparks mit den schnelleren Räder verschob sich dann der Fokus
etwas und plötzlich wurde die Tatsache überbewertet, dass die
Streetmachine GT kein Gerät für schnellere Gangarten ist. Als
ich mir dann auch noch einen breiten und relativ grobstolligen Marathon
ZR für die Lothringenreise
aufmontierte (und dafür das hintere Schutzblech entfernen musste),
wurde das Rad zu einem behäbigen Traktor. Mit einem Strassenreifen
sieht das nämlich auch wieder anders aus.
Trotzdem geht die Entwicklung weiter. Im Frühjahr 2007 habe ich
die Streetmachine GT für das Scorpion in Zahlung gegeben, nach 8000
Kilometern.
Der Grund war unser verändertes Reiseverhalten. Wir haben uns von
Campingreisen verabschiedet und damit besteht auch keine Notwendigkeit
mehr, ein Rad mit Lowridergepäckträger zu halten. Die in jeder
Hinsicht praktikablere Speedmachine ist das eindeutig vielfältigere
Tourenrad (für meine Zwecke).
Heute (Juli 2009) vermisse ich das Rad. Zwar hat das Flux S800 die Nachfolge
als untengelenktes Reiseliegerad angetreten, und in einiger Hinsicht (geringere
Sitzhöhe und damit bessere Stand bei Ampelstopps) ist es wohl optimaler
als die SMGT, aber irgendwie ist die SMGT für mich einfach DER klassiche
Reiselieger und eigentlich hing ich doch an diesem Bike. Mal sehen...vielleicht
gibt's ja wieder mal eine Streetmachine für mich...
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