2004 - HP Velotechnik Streetmachine GT

 

Gefahren von März 2004 bis März 2007.

 

Ist natürlich schon gemein, wenn man sich gerade ein neues Rad angeschafft hat - in meinem Fall das Delite Black - und parallel dazu auf ein anderes Fortbewegungskonzept aufmerksam wird, nämlich auf das Liegerad. Beim Stöbern nach Reiseberichten gelange ich zufällig auf die Website "Agence Future" und das Rad mit dem die beiden Globetrotter dort unterwegs sind, die HP Velotechnik Streetmachine, geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Was man so über Liegeräder unkt, ist ziemlich eindeutig: man kommt den Berg nicht hinauf und sie sind gefährlich, weil man im Strassenverkehr dauernd übersehen wird. Wie machen das aber dann die beiden von Agence Future? Die sind mit Tonnen von Ausrüstung unterwegs, radeln um den Globus, über Pässe hinweg und mitten durch Kairo oder Delhi. Und die scheinen damit keine Probleme zu haben!

Mit der Zeit sammle ich immer mehr Meinungen und entdecke einschlägige Internetseiten, wie zum Beispiel das Liegeradforum, und dort ist der Tenor ein ganz anderer - hier diskutieren begeisterte Liegeradfahrer über ihre Fahrräder. So festigt sich allmählich der Gedanke, selber einmal ein Liegerad zu kaufen.

Der März 2004 beschert mir eine recht erfolgreiche Aquarellausstellung und somit ist das Budget verhanden, um wieder ein neues Rad anzuschaffen. Mit Haso Velo und Rehatech ist auch gleich ein kompetenter Händler/eine kompetente Servicewerkstatt gefunden, und eine dunkelblaue Streetmachine GT steht dort zur Probefahrt bereit und genau dieses Rad geht in meinen Besitz über...

...und nun sind sie gelöst, all meine Wehwehchen und Beschwerden. Mein Sitzfleisch ist zufrieden, mein Nacken gibt Ruhe, meine Handgelenke melden sich nicht mehr, sogar meine Knieschmerzen haben sich im Laufe der Zeit gelegt (was aber wohl nicht am Konzept Liegerad liegt, sondern daran, dass ich mir das Fahren mit kleineren Gängen bei höherer Trittfrequenz angewöhnt habe).

Es dauert natürlich eine Weile, bis ich mich mit der Streetmachine GT auch wirklich sicher im Strassenverkehr fühle, das passiert so etwa nach 200-300 Kilometern. Doch dann führt erstmal kein Weg mehr zurück zu den "normalen" Rädern. Auf der Reise von Zürich ans Mittelmeer bewährt sich das Rad sofort auch als ideales Reiserad und irgendwie habe ich das Gefühl, nach langer Suche endlich am Ziel meiner Ausrüstungswünsche angekommen zu sein.

Aber das Beste ist eigentlich, dass ich mehr Spass am Radfahren habe und sich meine Tagestouren erweitern haben.

Ich hatte das Rad nicht unter mehreren ähnlichen Modellen der verschiedenen Hersteller als das für mich Beste ausgesucht, sondern es war von Anfang an klar, dass es genau eine Streetmachine GT sein müsste - mein eigenes Urteilsvermögen über die Tauglichkeit als Reiserad ordnete sich damals einfach der Praxiserfahrung der Agence Future Protagonisten unter.

Die Streetmachine ist nicht gerade mit einem grossen Wendekreis gesegnet. Der Lenker schlägt relativ schnell seitlich am Sitz an und limitiert damit den Lenkeinschlag. Zwar guckt man als Neuling da schon erstmal ein bisserl dumm aus der Wäsche, wenn man die Lenkereinschläge vom Upright her gewöhnt ist, doch in der Praxis stört das nicht wirklich. Klar, ab und zu gibt's Situationen, in denen man rangieren muss, aber wie gesagt, das spielt kaum eine Rolle.

Der Geradeauslauf der SMGT ist unruhiger als bei meinen anderen Zweirädern. Aufgefallen ist mir das aber erst, als ich wirklich Vergleichsmöglichkeiten hatte. Dem gutmütigen Fahrverhalten und dem Fahrgenuss hat das jedoch keinen Abbruch getan.

Das Fahren bergauf geht langsamer vonstatten, als ich es mit dem Delite gewöhnt war, aber es ist irgendwie komfortabler und fühlt sich für mich leichter an, oder positiver, oder meditativer - ich weiss nicht recht, wie ich es ausdrücken soll. Dadurch dass ich zurückgelehnt im Sitz liege, empfinde ich es nicht so sehr als "Buckeln" wie mit dem normalen Rad.

Das Fahrverhalten mit Zuladung (4 Ortliebs und ein Zeltsack oben drauf) empfand ich als sehr stabil und sicher. Es schien wirklich so, als ob die Streetmachine erst vollbepackt ihr Potenzial ausspielen könne. Und mit Reisegepäck spielt auch die von mir später bemängelte Behäbigkeit eigentlich keine Rolle mehr.

Die Sitzhöhe - der Hersteller gibt sie mit 63 cm an - ist eigentlich OK. Als Anfänger erschienen mir diese 63 cm eh recht niedrig und da muss man sich sowieso erstmal an die andere Sitzposition gewöhnen. Mit meinen 1.80 kam ich einigermassen gut mit den Füssen auf den Boden, allerdings muss man sich bei voller Zuladung schon auch bewusst einen festen Stand suchen, denn das Gewicht von Rad & Gepäck will natürlich im Stillstand ausbalanciert werden. Hier hat's mich mal ganz bitterböse in die Brennesseln geworfen, als ich das mal unterschätzte... Optimal ist die Sitzhöhe nicht, aber man kann damit leben.

Insgesamt fand ich das Fahrverhalten gutmütig und relaxed, einfach wie geschaffen zum gemütlichen Cruisen. Durch die Erweiterung meines Fuhrparks mit den schnelleren Räder verschob sich dann der Fokus etwas und plötzlich wurde die Tatsache überbewertet, dass die Streetmachine GT kein Gerät für schnellere Gangarten ist. Als ich mir dann auch noch einen breiten und relativ grobstolligen Marathon ZR für die Lothringenreise aufmontierte (und dafür das hintere Schutzblech entfernen musste), wurde das Rad zu einem behäbigen Traktor. Mit einem Strassenreifen sieht das nämlich auch wieder anders aus.

Trotzdem geht die Entwicklung weiter. Im Frühjahr 2007 habe ich die Streetmachine GT für das Scorpion in Zahlung gegeben, nach 8000 Kilometern.

Der Grund war unser verändertes Reiseverhalten. Wir haben uns von Campingreisen verabschiedet und damit besteht auch keine Notwendigkeit mehr, ein Rad mit Lowridergepäckträger zu halten. Die in jeder Hinsicht praktikablere Speedmachine ist das eindeutig vielfältigere Tourenrad (für meine Zwecke).

Heute (Juli 2009) vermisse ich das Rad. Zwar hat das Flux S800 die Nachfolge als untengelenktes Reiseliegerad angetreten, und in einiger Hinsicht (geringere Sitzhöhe und damit bessere Stand bei Ampelstopps) ist es wohl optimaler als die SMGT, aber irgendwie ist die SMGT für mich einfach DER klassiche Reiselieger und eigentlich hing ich doch an diesem Bike. Mal sehen...vielleicht gibt's ja wieder mal eine Streetmachine für mich...