Mai/Juni 2006 - Von Zürich aus durchs Elsass und durch Lothringen bis in die Ardennen

Roulette mit dem Wettergott

 
 


 
  Hier gibt's den kompletten Reisebericht ohne Fotos als PDF-File (172 KB)

Es sind diese Tage! Man kennt das ja: der linke Fuss steht zuerst auf und der Rechte hinkt so komisch hintendrein, am Morgen fühlt man sich wie gerädert und nichts will gelingen, alles fällt einem aus der Hand und man täte besser daran, sich nochmals die Decke über den Kopf zu ziehen und im Bett zu bleiben! So ist das und genau so geht's mir heute: mitten in der Nacht reisst mich ein Traum aus dem Schlummer, ich kann lange nicht mehr einschlafen und stelle mir lieber vorsorglich mal den Wecker auf acht Uhr, denn am Vormittag - kurz nach zehn - geht unser Zug nach Basel, und den wollen wir ja nun wirklich nicht verpassen... Papperlapapp! Um sechs Uhr bin ich sowieso wach und warte sehnsüchtig darauf, dass die Zeiger auf dem Zifferblatt sich doch bitte etwas schneller bewegen mögen. Also besser gleich aufgestanden, Kaffeemaschine angeworfen, einen kurzen Blick aus dem Fenster gewagt...

Aha: blauer Himmel! Dem Neigungsgrad der Trauerweide in Nachbars Garten nach zu schliessen scheint es jedoch ziemlich windig zu sein. Kurz ins Internet. Laut Meteo Schweiz bleibt es in der Nordschweiz veränderlich, teilweise dichte Bewölkung, aber weitestgehend trocken. Das immerhin. Was sagt France Meteo? Im Elsass und in Lothringen heute und morgen Regenwetter und erst für Samstag sieht man ein Piktogramm mit aufgelockerten Wolken und ein klein wenig Sonne. Aber Hallo! Ausgerechnet heute und morgen Regenwetter? Was nun?

Margrit steht kurz vor sieben auf der Matte und während ich ihr die Lage schildere, kommt mir die zündende Idee: warum nicht schon hier von der Haustüre aus losradeln und das Wetter ausnutzen? Denn hier soll's ja noch trocken bleiben. Und bis Basel bzw. ins Elsass brauchen wir so circa zweieinhalb Tage, wir werden also am Samstag erst in Frankreich eintreffen, genau dann, wenn dort das Wetter wieder besser sein wird. Während wir hin und her überlegen und abwägen, kommt mir noch zusätzlich in den Sinn, dass ich neulich beim Landkartenstöbern in meinem "Archiv" auf den BIKELINE-Radreiseführer "Rheinradweg 1" gestossen bin und ich mich an die angenehme Spätsommertour 1998 erinnerte und auch daran, dass ich die Routenführung auf der deutschen Seite als schöner empfand als diejenige auf der schweizer Seite. Wir beschliessen, unsere Reisepläne noch einmal, ein allerletztes Mal zu ändern und unsere Radreise direkt vor der eigenen Haustür zu beginnen. Dieser Reise geht nämlich eine umfangreiche Planungs-Odyssee voraus, die ich gleich erzählen werde. Wem das nun zu langweilig ist, der darf gleich vorrücken zum ersten Tag, wer's trotzdem lesen mag, hier ist die Vorgeschichte:

Die Vorgeschichte

So wie im letzten Jahr wollte ich es diesmal nicht mehr machen: im Frühsommer mit der dreiwöchigen Radreise schon drei Viertel meiner Ferien verballert, im Herbst dann "nur" mehr die Städtereise nach Ferrara, die nicht wirklich Erholung brachte, weil wir uns bei schönem Wetter zwischen Stadtmauern regelrecht eingesperrt fühlen und uns urbaner Trubel eher anstrengt denn beruhigt. Ein Gefühl des Ungleichgewichtes blieb zurück, eine regelrechte Urlaubsaufteilungs-Asymmetrie - und im Januar bin ich heuer schon wieder urlaubsreif und hab das Gefühl, dass mein letzter Tapetenwechsel eine Ewigkeit her ist! Nun, in diesem Jahr sollen die Urlaubstage besser verteilt werden und dabei natürlich trotzdem möglichst viele freie Tage herausspringen. Christi Himmelfahrt und Pfingsten...da gibt's Feiertage und Brückentage, da könnte man Einiges rausholen ohne allzuviel Urlaubstage opfern zu müssen, und somit steht schon mal der Termin für die erste Reise in diesem Jahr fest.

Doch wohin? Man möcht's nicht glauben, aber Frankreich scheint mich nicht mehr so zu rufen! Der Zauber, der seit bald zwei Jahrzehnten auf mich einwirkt, scheint seine Kraft etwas eingebüsst zu haben und sich zu relativieren - vielleicht pausiert er ja auch nur, wer weiss? Voriges Jahr haben wir die schon längst durchgeplante Reise durch Lothringen zu Gunsten des Europaradweges aufgegeben, und zwar ziemlich spontan und eigentlich ohne grosses Bedauern. Im Nachhinein hat der Urlaubsverlauf diese Entscheidung dann sehr wohl gerechtfertigt und besonders der ostdeutsche Teil der Reise hat uns sehr beeindruckt: Mensch, Natur und Architektur...alles hat uns sehr gefallen und ganz automatisch habe ich mein Augenmerk nun mehr nach Osten gerichtet. Die Schauplätze meiner Appetitanreger während der kalten Jahreszeit - nämlich die im Internet veröffentlichten Reiseberichte der Radlerkollegen - lagen alle im Osten. Gerade Schlesien, der Süden Polens, kristallisierte sich bald als mögliches Reiseziel heraus. Warum auch nicht? Start in Dresden, Radreise über Görlitz, Breslau und Oppeln nach Krakau…und da gibt's doch noch die Route der Adlerhorste...in Krakau dann die Tuchhallen und Bernstein und Klezmer-Konzerte und mitteleuropäische Geschichte und Kultur ohne Ende…

Es folgt das übliche Prozedere: Infos sammeln, Landkarten kaufen und schon mal vorfreudigst neongelb die Route einzeichnen. Zeitgleich erstehe ich zusätzlich noch eine neue Auflage des Cyklos-Reiseführers über Tschechien samt Landkarten, weil ich mir für eine zweite Reise im Spätsommer Anregungen holen möchte. Und Anfang März begeben wir uns ins Reisebüro des Bahnhofes bei uns in Oerlikon, um die Anreise zu organisieren. Tickets für den Nachtzug nach Dresden (wir wollen wieder mit der CityNightLine fahren) gibt's leider für die ersehnte Anreise am Mittwochabend nicht mehr - sieh an - sondern erst für die Nacht von Donnerstag auf Freitag. Schade, da geht uns der schöne freie Christi Himmelfahrtstag als möglicher erster Reisetag verloren, aber das sind die Umstände, das bedeutet eben einen Tag weniger zur Verfügung zu haben. Nun, wir kaufen die Tickets für die Hinreise von Zürich nach Dresden trotzdem. Die Rückfahrt von Krakau nach Zürich hört sich aber gar nicht gut an: etliche Umsteigeaktionen, entweder circa vierundzwanzig Stunden mit diversen Wartezeiten auf Bahnhöfen unterwegs sein, oder das Ganze auf zwei Tage verteilt. In Anbetracht des verlorenenen Hinreisetages und der relativ kurzen Reisezeit liegen uns zwei Rückreisetage schwer im Magen und wir sind alles andere als froh darüber. Erfahrungswerte der letzten Jahren haben gezeigt, dass die Anspannung und Aufregung beim vielen Umsteigen mit Rädern samt Gepäck einen Teil der Urlaubserholung wieder auffrisst - zumindest uns geht es so. Es tauchen allerlei Grundsatzfragen auf. Zum Beispiel: wie wichtig ist uns überhaupt das Reiseziel? Auf was können wir gut und gerne verzichten, auf was kommt es uns denn am meisten an, wenn wir auf Veloreise gehen? Richtig: das Unterwegs-Sein ist das vordringliche Ziel! Mit dem Rad durch die Landschaft gondeln und uns von morgens bis in den frühen Nachmittag hinein körperlich bewegen, später dann den Rest des Tages lesend, schreibend, relaxend oder besichtigend ab- und den eigenen Gedanken nachhängen. Mein Blick fällt auf den Reiseführer über Tschechien...mit Dresden als Ausgangspunkt könnte man doch...genau! Die Elbe und das Elbsandsteingebirge...irgendwie eine Route von Nord nach Süd austüfteln und die Reise dann in Wien, besser noch in Linz oder Passau beenden. Von dort kommt man ja problemlos an einem Tag zurück nach Zürich. Planänderung! Margrit ist einverstanden - sie hat im Spätsommer sowieso noch eine andere Reise vor und lässt mir bei der Planung dieser Ferien hier freie Hand. Tschechien heisst also nun die Devise: aus Böhmen kommt die Musik...humtata trara...auch nicht schlecht!

Dann ziehen die Wochen ins Land und kurz vor Ostern komme ich auf die glorreiche Idee, ich könnte ja schon mal in Dresden eine Übernachtung flott machen (ich wollte das, wie sonst auch, erst ein paar Tage vor Reisebeginn tun), dann hab' ich das erledigt und wir können beruhigt anreisen, etc. p.p.. Natürlich wollen wir einen Tag in Dresden verbringen und die Stadt besichtigen. Tja, und dann sitze ich stundenlang am PC, versuche online ein Doppelzimmer zu ergattern, telefoniere mir die Finger wund, mit dem Ergebnis, dass in und um Dresden am Christi Himmelfahrts-Wochenende alles dicht ist. Ein Hotelier erzählt mir sogar, dass sein Hotel zu diesem Datum meist schon ein Jahr im Voraus ausgebucht ist! Auch elbaufwärts, in Pirna, Bad Schandau oder einigen kleineren Orten auf der Strecke hab ich kein Glück. Uff...damit hab ich nun wirklich nicht gerechnet...da bin ich ganz naiv in eine Falle getappt. Ich bin wohl zu verwöhnt von unseren bisherigen Reisen, wo Hochtourismus und ausgebuchte Unterkünfte noch nie ein Thema waren. Also Laune macht das ja nicht gerade, und die Aussicht, jeden Tag viel Zeit mit der Zimmersuche zu vergeuden ist nun auch nicht unser Ding. Aber was nun? Was tun? Da tauchen nun nochmals die gleichen Grundsatzfragen auf, die wir schon ein paar Wochen vorher bezüglich der Polenreise erörtert haben.

Was wäre, wenn wir uns um hundertachtzig Grad drehen und nicht nach Osten, sondern doch nach Westen blicken? Dann könnten wir gleich am Donnerstagmorgen Richtung Basel lostigern, anstatt diesen Tag auf den Nachtzug wartend zu verbringen (denn dass wir den ganzen Tag eh nur mehr ungeduldig in der Wohnung herumlungern und die Stunden und Minuten zählen werden, ist ja wohl klar...). Was ist mit der angedachten Reise durch Elsass und Lothringen, einfach nach Nordnordwest, soweit die Füsse tragen (beziehungsweise solange die Zeit reicht)? Genau, das tun wir nämlich jetzt! Und geben das Ticket nach Dresden wieder zurück und entrichten meinetwegen und dummerweise eben eine Bearbeitungsgebühr und verschieben eine Reise nach Osten auf einen anderen, einen späteren Zeitpunkt.

Jedenfalls, um diese lange Vorgeschichte endlich abzuschliessen, nach ein paar Tagen entsteht folgender Plan: Zugfahrt von Zürich nach Basel...Start von Basel aus...ein paar Meter den Doubs entlang Richtung Südwesten, dann westlich der Vogesen nach Norden...über Montbeliard, Vesoul, Bourbonne-les-Bains…vielleicht dann bei Neufchâteau die Meuse erreichen und diesen Fluss entlang bis nach Namur…und von Brüssel aus gäbe es einen direkten Zug mit Velomitnahme wieder zurück nach Basel. Und die Zugverbindung Zürich-Basel ist eh problemlos. Das war dann der letzte Stand der Dinge...vor dem Donnerstag Morgen...

Und hier geht's jetzt endlich zum Reisebericht:

 
 

 

 
     
 
 
  Donnerstag, 25.5.06. Von Zürich nach Tiengen (55 km)

Wir beschliessen also angesichts der Wettervorhersage ganz spontan, unsere Radreise schon direkt vor unserer Haustür zu beginnen und NICHT den Zug nach Basel zu nehmen. Natürlich müssen wir die Bahntickets nach Basel zurückgeben und hoffen, dass man kulant sein und uns wenigstens einen Teil des Fahrkartenpreises zurück erstatten wird. Man ist kulant und unser pekuniärer Verlust bei dieser Aktion ist nicht wirklich der Rede Wert.

Jedenfalls: kurz nach acht sind wir schon unterwegs, eigentlich unerwartet früh. Margrit tritt gut gelaunt und voller Tatendrang in die Pedale, ich dagegen eher noch mechanisch im Dämmerzustand - aber die ersten 30 Kilometer dieser Tagesetappe kennen unsere Velos ja eh in- und auswendig, wir radeln der Glatt entlang Richtung Rhein und da geht's hauptsächlich flach dahin. Der Wind ist inzwischen zu einer steifen Brise angewachsen und schiebt von hinten und spielt mit den Ähren der Getreidefelder. Es ist ein Seerosenmorgen, mit Grillengezirp und Froschgequake - und das in der Zürcher Agglomeration!

Leicht wiegt unser Gepäck diesmal. Gewogen haben wir es zwar nicht, aber es kommt uns fast minimalistisch vor, als ob wir noch nie mit so wenig zusätzlichen Kilos unterwegs gewesen wären. Wir haben doch hoffentlich nichts Lebenswichtiges vergessen? Werkzeug, Unterwäsche, Zahnpasta? Im Gegenteil, ich schleppe sogar noch unnötigen Ballast mit mir herum: als ich mein Tagebuch aufklappe, um diese ersten Zeilen zu schreiben, fällt mir eine Diskette entgegen. Wie die nun da rein kommt und was da wohl drauf ist…keine Ahnung.

Wir sind unterwegs, und das alleine zählt. Recht schnell sind wir am Rhein angelangt, der Wind hat kräftig mitgeholfen. Aber jetzt, bei Rheinsfelden, biegen wir nach Westen ab und haben von nun an den Wind gegen uns. Der Katzensprung bis nach Kaiserstuhl zieht sich ziemlich in die Länge und frisst Energie, aber es kommt ja bald das Gasthaus "Zum Kreuz" und es ist eh Zeit für eine erste Pause. Im Lokal schwellen mir dann gleich die Augen zu - die Gräserpollen fliegen bei dem Wind natürlich wir verrückt. Ist eben jedes Jahr dasselbe. Diesmal bin ich neugierig, ob meine neue Methode gegen die Pollenallergie Wirkung zeigen wird: Brennesseltee! Seit ein paar Wochen trinke ich regelmässig von diesem Zeug und hab mich inzwischen so an den etwas rauchigen Geschmack gewöhnt, dass ich ihn nun mittlerweile sogar recht gerne mag. Aber im Augenblick jedenfalls sitze ich (noch) mit rot unterlaufenen Augen in der Gaststube und schnäuze, was das Zeug hält, mache mich recht griesgrämig über meinen garnierten Wurstsalat her und lese anschliessend beim Kaffeetrinken das auf der Zuckertüte aufgedruckte Zitat: "Nassen Sommer kann auch der Herbst nicht trocknen". Was bitte kann einem angesichts von soviel Optimismus noch einfallen?

So, jetzt aber Schluss damit! Wir sind in den Ferien und ich habe mich lange genug auf diese Reise gefreut! Langsam taucht mein schlafendes Ich aus der Versenkung auf und ich komme allmählich wieder auf den Damm. Wir gleiten nach der Pause in Kaiserstuhl die steile Altstadtgasse hinunter zum Rhein, rollen auf der Brücke hinüber zur deutschen Seite und jenseits des Flusses dann schräg den Hang hinauf bis zu einer Kreuzung. Dort biegen wir links in den asphaltierten Radweg ein und es geht nun leicht und flott neben der Landstrasse dahin. Hier gibt's auch eine Beschilderung, wir sind jetzt also auf dem Rheintalradweg unterwegs. Auch recht. Hier tut sich auf den nächsten Kilometern eine recht sehenswerte Flusslandschaft auf, die Fahrt ist wirklich um eine Spur naturnaher als drüben auf der schweizer Seite, wo wir ja schon ein paar Mal entlang geradelt sind. Man kann prima dahin gleiten, ist ab und zu mal mit ein paar abzuleistenden und geschenkten Höhenmetern konfrontiert, aber der vorwiegende Eindruck ist der einer gut befahrbaren Radroute. Mal abgesehen vom Gegenwind, versteht sich! Schöner Talabschnitt hier... wirklich! Manchmal tröpfelt es jetzt vom gänzlich bedeckten Himmel, aber lange noch kein Grund, die Regensachen anzuziehen. Während der nächsten 20 Kilometer radeln wir uns müde und peilen Waldshut-Tiengen als mögliches Etappenziel an. Wir queren die Wutach und stolpern fast über ein Hinweisschild: "Hotel Bercher, Bett&Bike, Tiengen, 2 km". Nun gut. Handy eingeschaltet, die angegebene Telefon-Nummer gewählt und die Verfügbarkeit eines Zimmers angefragt. Alles klar, wir werden heute in Tiengen übernachten.

Die Pollen haben mich nachmittags dann übrigens in Ruhe gelassen und soviel sei jetzt schon mitgeteilt: auf dieser Reise komme ich diesbezüglich so glimpflich davon wie lange nicht mehr! Vielleicht liegt's ja wirklich an der Wirkung der blutreinigenden Brennessel (ich hab meine Tee-Kur auf der ganzen Reise fortgesetzt)? Vielleicht entwächst man beim Älterwerden auch einer Allergie, so ähnlich, wie man in sie "hineinwächst" - ich war bis zu meinem 32. Lebensjahr allergiefrei, erst dann ist die Pollenallergie aufgetreten.

Nach der Siesta am Nachmittag machen wir das Städtchen unsicher. Tiengen ist nicht unsympathisch, es gibt genug intakte alte Bausubstanz und einige Bausünden aus jüngerer Vergangenheit, reichlich Touristisches und natürlich auch ein paar idyllische Fleckchen. Später landen wir dann in einem griechischen Restaurant bei Gyros und Retsina und Ouzo, was bei mir ein sentimentale Erinnerungen an meine Münchner Jahre hervorruft, an all die Gelage mit den alten Freunden in meinen beiden griechischen Stammlokalen "Dimitri" und "Paros". In der Schweiz besuchen wir so gut wie nie griechische Restaurants - sie sind auch nicht so häufig vertreten (und preisgünstig) wie in Deutschland. Später erwischen wir noch einen Wetterbericht, der uns alles andere als Mut macht: nach einem kurzen Zwischenhoch soll es nächste Woche sehr kalt werden und regnerisch bleiben…igitt…

 
     
 
         
           
                 
               
                   
 
     
 

Freitag, 26.5.06. Von Tiengen nach Rheinfelden (55 km)

Angesichts der trüben Vorhersage sieht das Wetter heute morgen gar nicht mal so schlecht aus. Nachts scheint es zwar geregnet zu haben, wie man an den Pfützen im Hof erkennen kann, doch im Augenblick ist es trocken und der Himmel zeigt sogar ein paar blaue Löcher in der Wolkendecke und die Sonne kommt ab und zu mal durch. Was will man mehr? Wir rollen auf der verkehrsreichen Ausfallstrasse aus der Stadt. Zwischen Waldshut-Tiengen und Koblenz ist mächtig was los, die grosse B34 läuft durch, es gibt regen Transitverkehr mit der Schweiz und viel Treiben entlang des Rheintales. Wir sind froh, als wir endlich diesen Verkehrsknotenpunkt hinter uns lassen können und es wieder ruhiger wird. Wir können auf verkehrsarmen Wegen dahinradeln und kommen nur ab und zu mal punktuell mit der Bundesstrasse in Berührung. Vor Albbruck führt die Route auf eine langgezogene Insel zwischen dem Rhein und einer Schleuse und hier ist man allein mit dem ausgedehnten Auwald und dem Vogelgezwitscher und den paar wenigen Spaziergängern und Joggern. Schwarz- und Rotmilane teilen sich hier das Revier und an Reihern herrscht kein Mangel. Wir nähern uns Laufenburg, können das Stadtpanorama schon aus der Ferne bewundern, wobei die Sonne langsam die Oberhand über die Wolken gewinnt. In Laufenburg sitzen wir vor einem Café in der Sonne und es ist warm genug, die Hosenbeine hoch zu krempeln und die Windjacke auszuziehen.

Das nächste runde Dutzend Kilometer bis Bad Säckingen läuft total gut. Der Westwind ist zwar immer noch stark und böig, aber da wir von Buschwerk und Bäumen abgeschirmt werden, lässt sich ganz gut damit leben. In Bad Säckingen gibt's nochmals ein Päuschen, der grosse Platz vor dem Fridolinmünster mit den Strassencafés und Restaurants ist einfach prädestiniert dafür, man muss nur aufpassen, dass es einem die Kaffeetasse nicht vom Tisch weht. Freilich haben die Trauergäste der Beerdigungszeremonie, die nebenan im Münster stattfindet, ganz andere Sorgen und Gedanken und gehen durch ganz andere Gemütszustände hindurch. Aber das kennen wir ja aus eigener Erfahrung .

Eigentlich sind wir schon wieder müde, obwohl es erst Mittag ist und der Tacho kaum 35 Kilometer anzeigt. Trotzdem haben wir noch Lust weiterzuradeln und beschliessen, die nächsten 20 Kilometer bis Rheinfelden auf jeden Fall noch in Angriff zu nehmen und eventuell dort ein Zimmer zu suchen. Die Streckenführung bleibt auch weiterhin recht gut, es geht fast immer in Flussnähe dahin und es ist weitestgehend flach. Die B34 hört man kaum, nur manchmal kommt man ihr etwas näher. Wir machen nochmals eine kurze Rast an einem Naturschutzgebiet direkt am Rhein, mit viel Schilf und Weiden und Schwänen mit Jungtieren. Leider überzieht sich der Himmel jetzt doch wieder mit einen dichten Bewölkung und die Sonne sendet nur mehr ab und zu mal ein paar Strahlen zu uns herunter (Ich rede in diesem Reisebericht viel über's Wetter, stelle ich grad beim Durchlesen fest - aber auf dieser Reise war das einfach das vorherrschende Thema).

Manchmal hab ich auf Radreisen ganz abstruse Ideen. Heute kommt mir zum Beispiel in den Sinn, dass ich mal wieder "Leben auf dem Mississippi" von Mark Twain lesen möchte, und das Album "Arc of a Diver" von Steve Winwood hören. Solches und ähnliches Zeugs spinnt mir im Kopf herum, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin und die Gedanken auf Wanderschaft gehen. Aber das nur nebenbei.

Wieder zurück zum Thema: es reicht für heute! Auf der Zielgeraden, wir radeln grad an Schloss Beuggen vorbei, fängt es jetzt zu regnen an und in Rheinfelden selber ist rush hour. Da die Brücke über den Fluss teilweise gesperrt ist, stauen sich die Autos auf der Hauptstrasse und es ist allerhand los. Meine Erwartung, hier auf der deutschen Seite eine ähnlich sehenswerte Altstadt vorzufinden, wie es auf der schweizer Seite der Fall ist, erfüllt sich leider nicht. Trotzdem gibt es eine kleine Fussgängerzone, in der wir zwei Polizisten nach einem Hotel fragen, denn irgendwie haben wir im Verkehrsgewusel die Hinweisschilder verloren. Die beiden geben schön höflich Auskunft und bald sind wir etwas klüger. Nach einer abwechslungsreichen Tagestour ziehen wir im Hotel "Garni Oberrhein" ein und haben dabei auch noch Glück, weil gerade vor uns eine Reisegruppe alle Zimmer bis auf eines belegt hat. Aber ein bisschen Glück gehört eben auch dazu!

Auf dem Zimmer gibt's einen Wasserkocher. Fein - Brennesseltee lässt grüssen! Und in der Glotze sehen wir die 19. Etappe des Giro d'Italia. Und den Wetterbericht, der auch heute nichts anderes sagt, als gestern auch schon: Anfang nächster Woche wird uns ein Polartief erreichen, mit Schneefallgrenzen bis unter 1000 Meter, und der vorherrschende Südwestwind wird fast Sturmstärke erreichen. Stellt sich die Frage, was wir nun tun... Morgen, wenn wir durch Basel hindurch sind, werden wir ja für ein Weilchen Richtung Südwesten den Doubs entlang unterwegs sein - also genau gegen den Wind - bis wir schlussendlich dann jenseits der Vogesen nach Norden schwenken können. Sollen wir unsere Reise denn nochmals umplanen? Direkt nach Basel an den Bahnhof fahren und den nächsten Zug nach Südfrankreich nehmen? Wir entscheiden uns für ein Ausweichmanöver: anstatt die Vogesen westlich zu umfahren, werden wir hinter Basel direkt nach Norden schwenken und die Oberrheinische Tiefebene entlang radeln. Bei Saverne könnten wir auf dem Treidelpfad neben dem Rhein-Marne-Kanal die Vogesen queren und dann westwärts zwischen Nancy und Metz hindurch irgendwann auch die Meuse erreichen. Und vielleicht hat sich ja der Wind bis dahin wieder beruhigt, wenn wir dort oben dann von Nord nach West schwenken.

 
     
 
         
           
                 
               
                   
 
     
 

Samstag, 27.5.06. Von Rheinfelden bis Biesheim (79 km)

In der Nacht hat es geregnet. Die Strassen sind nass und die Wolken ziehen tief, aber am morgen gibt der Himmel Ruhe. Prima. Als wir die Räder dann aus der Tiefgarage schieben, fängt es erneut zu regnen an. Mist. Zu früh gefreut. Wunderbarerweise hört die Dusche jedoch nach ein paar Minuten wieder auf und wir können erstmal aufatmen. Wir folgen weiter rechtsrheinisch dem Rheintalradweg. Aus früheren Erfahrungen wissen wir, dass der Radweg auf der anderen Flussseite schon ab Augst nur mehr durch Industrie- und Gewerbegebiete führt, aber hier herüben kann man bis etwa Grenznach so halbwegs naturnah dahin radeln. Im Übrigen hat sich bestätigt, dass die deutsche Seite auf dem Abschnitt von Kaiserstuhl bis Basel die ansprechendere Alternative gegenüber der Routenführung auf dem anderen Rheinufer darstellt, obwohl man auch hier nicht gänzlich um Berührungspunkte mit den grossen Verkehrsachsen herum kommt. Dazu ist das Flusstal einfach zu eng.

Kleinbasel, die Grenze, Eintauchen in den Stadtverkehr. Für Samstag Vormittag ist es erstaunlich ruhig. Provianteinkauf im Supermarkt. Auf einer steinernen Brücke queren wir den Fluss und suchen uns einen Weg durch Basel hindurch. Eine Radroute nach Hunningue, einem Vorort auf der französischen Seite, ist ausgeschildert und von dort gibt's auch eine "Piste cyclable" entlang des Canals du Rhône au Rhin, die wir früher schon mal gefahren sind. Es ist - oh Wunder! - immer noch trocken. Die Bewölkung lockert sogar etwas auf und der ein oder andere Sonnenstrahl dringt durch. Die Wolken ziehen sehr schnell und alle paar Minuten wechselt die Szenerie, so wie man es im April oft erleben kann. Um die Mittagszeit machen wir Picknick an einem Rastplatz am Kanal. Man merkt schon ganz deutlich, dass wir uns nun in Frankreich befinden, denn es gibt Rastplätze an allen Ecken und Enden, die Franzosen picknicken eben recht gerne.

Wie weit fahren wir heute wohl? Jetzt kommt unsere Wunderwaffe für Frankreich das erste Mal zum Einsatz, und die heisst: "Logis de France"! Logis de France ist ein Verbund von Standard- und Mittelklasse-Hotels in ganz Frankreich. Es gibt ein Verzeichnis davon im Taschenbuch-Format und so eines haben wir dabei und anhand dieses Kataloges suchen wir uns nun unser Etappenziel aus. Also, wie weit heute noch? Bis Neuf-Brisach? Das wären dann etwa 80 Kilometer. Das liegt im Prinzip nicht jenseits des Machbaren und es rollt grad recht gut und der Wind schiebt wirklich gewaltig. Und ein Zimmer hätten sie dort in Biesheim bei Neuf-Brisach auch noch für uns bereit, im Gasthof "Aux deux Clefs". Also los.

Bis Kembs geht es weiterhin schnurstracks den Kanal entlang. Das ist gutes Gleiten, da macht man Kilometer, auch wenn es nach ein paar Minuten langweilig wird und sich das Auge nach Abwechslung sehnt. Viel Leute sind heute nicht unterwegs. Einmal fährt ein Herr mit Gehbehinderung auf seinem Rollstuhl voraus, und zwar so schnell, dass wir ihm in unserem gemütlichen Reisetrott hinterher zockeln, ohne ihn einzuholen. Dann prescht ein Pulk Herren im gesetzten Alter an uns vorbei, Typ "Kegelclub unternimmt einmal im Jahr eine Radltour". In Kembs rollt man dann an Yachthafen samt Restaurant vorbei. Zwei Schwäne führen mitten im Yachthafen ihren Hochzeitstanz auf und drehen sich um sich selber, das Gefieder geplustert und abgespreizt.

Dann wählen wir die Landstrasse, radeln vorher bei Niffer noch über die Schleuse und befinden uns gleich auf der D468, die direkt nach Norden führt. Der Verkehr ist halbwegs akzeptabel und jetzt erst, als wir aus dem Vegetationsgürtel des Kanals heraus sind und uns auf freiem Feld befinden, spüren wir die volle Kraft des Windes. Aber Hallo! Doch die Sonne scheint. Rechts, über den Höhen des Schwarzwaldes, geht Wolkenbruch über Wolkenbruch nieder. Links über den Vogesen dasselbe. Wir haben Glück und bleiben verschont. Nach Bantzenheim gibt es streckenweise einen Radweg neben der Strasse und so geht die wilde Jagd Kilometer um Kilometer dahin.

Als wir endlich in Neuf-Brisach ankommen, sind wir zu müde, um das Stadtbild noch ausgiebig zu würdigen, wir nehmen nur mehr schemenhaft die alten Befestigungsmauern und das geschlossene Stadtbild wahr und konzentrieren uns auf die Strassenführung, damit wir die Abzweigung nach Biesheim nicht verpassen. Kurz nach vier checken wir in dem netten Landgasthof ein. Es ist noch warm genug, um vor dem Abendessen im Garten zu sitzen und die Tageserlebnisse aufzuschreiben und die Gruppe Zürcher Jägersleut' zu beäugen, die wohl im nahe gelegenen Forêt de Harth auf Hoch- und Niederwild ansitzen. Waidmann's Heil!

 
     
 
         
           
                   
                 
                   
 
     
  Sonntag, 28.5.06. Von Biesheim bis Sand (50 km)

Heute ist Schluss mit lustig! Jetzt erwischt es uns also doch noch! Man hofft ja immer, der Kelch möge an einem vorübergehen und wie durch ein Wunder eine Schönwetterinsel genau dort sein, wo man sich selber aufzuhalten gedenkt... Nichts da: am Morgen ist volle Montur angesagt, von den Gamaschen über die Regenhose bis zur Kapuze. Der Schwarzwald ist so gut wie unsichtbar und hinter tief ziehenden Wolken verborgen, von den Vogesen kann man dasselbe berichten. Über die ersten paar Kilometer Wegstrecke dieses Tages können wir uns trotzdem nicht beklagen, der Niederschlag ist noch eher als Nieselregen zu bezeichnen, von Zeit zu Zeit gibt es sogar eine kurze Regenpause. Es ist mild und die Natur atmet und es duftet gut und eigentlich ist alles ja gar nicht so schlimm.

Irgendwo zwischen Jebsheim und Ohnenheim findet auf einem Sportplatz gerade ein Fussballspiel (Altherrenriege) statt und ziemlich genau dort geht dann auch der erste Platzregen nieder. Das ist auch für die Fussballer alles andere als angenehm. Wir stellen uns erstmal unter und lassen das Schlimmste vorüberziehen, wobei es eigentlich egal ist, denn durchnässt sind wir eh schon. Ich weiss nicht, ob ich nochmals diese sündhaft teuren Goretex-Klamotten kaufen würde, die nach viel zu kurzer Zeit dann doch das Wasser durchlassen!

Als diese Bö vorüber ist, hellt es sich jedoch generell etwas auf und im Norden, da wo wir hin wollen, zeigt sich sogar ein heller Streif am Horizont…sollte…am Ende gar…die Sonne? Dabei wären wir gar nicht so vermessen, dass wir auf Sonnenschein bestünden - wenn die Wolken ihr Nass ein Weilchen für sich behalten, sind wir bereits zufrieden. Zumal man jetzt wieder ab und zu eine sehenswerte Kulisse gezeigt bekommt: die Vogesen tauchen zwischen den Wolken auf.

Auf unserer Strasse reiht sich im Abstand von ein paar Kilometern immer Dörfchen an Dörfchen. Alle zeigen viel Fachwerk, vieles ist frisch restauriert und bunt verputzt. Es gibt natürlich, schliesslich sind wir in Frankreich, auch noch viel altes Gemäuer. Im Ort Muttersholtz gibt's wohl bald Mutterstolz, der Hochzeitsgesellschaft vor der Kirche nach zu beurteilen. Ein kleines Strässchen bringt uns nach Huttenheim, wo am Ortseingang eine Gruppe fahrendes Volk kampiert und wir die Ill queren.

Eine halbe Stunde später finden wir Unterkunft im Ort Sand und zwar im "La Charrue", einem rustikalen Landgasthof mit sehr freundlicher Betreiberfamilie und - wie wir später feststellen werden - dem bisher besten kulinarischen Angebot. Und spät am Nachmittag, man möcht's nicht glauben, kommt sogar doch noch die Sonne heraus!

 
     
 
         
           
                   
                 
                   
 
     
  Montag, 29.5.06. Von Sand bis Molsheim (36 km)

Dafür gibt's heute wirklich keine Gnade. Wir hoffen zwar noch, dass der Wettergott ein Einsehen hat und uns nach dem Vormittagsregen wieder eine trockene Periode bescheren wird, wie es gestern der Fall war. Keine Chance. Es fängt zwar noch recht harmlos an, als wir nach dem Frühstück aus dem "La Charrue" rollen, nach ein paar Minuten verdichtet sich der Nieselregen indes zu einem dichten Landregen. Wie heisst es so treffend? Es regnet Bindfäden? Genau! So sieht's heute aus.

Strassbourg liegt vor uns. Da wir auf Grossstadtverkehr gut und gerne verzichten können und wollen, müssen wir irgendwie links an der Stadt vorbei finden. In Erstein wird erstmal noch Proviant erstanden, nach Nordhouse geht's dann über die Autobahn, und in Hindisheim steht ein Denkmal, auf dem die verschiedenen Ortsnamen eingemeisselt sind, die das Städtchen bei wechselnder Besetzung/Besatzung trug - mal deutsch und mal französisch, immer schön abwechselnd.

Dann geht die Chose richtig los: Platzregen! Auf der sich endlos hinziehenden Geraden nach Krautergersheim, es ist die D207, sieht man die Hand vor Augen nicht mehr, besonders wenn die Brummis überholen und einen auch noch mit der Spritzwassergischt eindecken - nicht gerade Bikers Delight. Es hat wohl nicht mal 10 Grad Celsius und der eigentliche Schwachpunkt sind unsere Handschuhe, die haben sich schnell vollgesogen, und die Hände sind kalt und klamm geworden. Von der Landschaft beibt nur ein allgemeiner grün-grau-nasser Eindruck, also bleibt auch die Kamera in der Tasche.

Eine Weile halten wir noch durch, aber in Duttlenheim reicht's uns dann endgültig und wir telefonieren nach Molsheim, wo in unserem Verzeichnis eine Hostellerie aufgeführt ist, ob man dort noch ein Zimmer für uns hat. Man hat. Also radeln wir schnurstracks nach Molsheim, wobei uns leider die Orte Osthoffen, Hurtigheim und Handschuheim entgehen und wir auch noch mit recht viel LKW-Verkehr konfrontiert sind, aber dafür sind wir mittags um zwölf, nach fast drei Stunden Regenfahrt, endlich im Warmen und können unser Sieben Zwetschgen im leider nur handtuchgrossen und abgewohnten Zimmer des "Hotel du Centre" zum Trocknen aufhängen.

Als wir später, nach der Siesta, das Städtchen erkundigen, kommt doch noch die Sonne heraus und es stellt sich wieder Aprilwetter ein: Sonnenschein und Platzregen im schnellen Wechsel. Molsheim ist eigentlich recht schmuck. Auf dem Marktplatz dreht sich ein Kinderkarussel (bei recht sparsamen Andrang, wie man sich angesichts der Witterungsbedingungen denken kann).

In der Jesuitenkirche wird frühjahrsgeputzt. Ein paar Senioren männlichen Geschlechts säubern und reinigen das Kircheninnere, mit der nervösen Ungeschicklichkeit, mit der Männer, die sonst nie mit einem Putzeimer, Staublappen oder Staubsauger in Berührung kommen, sich eben nun einer derartigen Beschäftigung widmen. Sieht aus, als ob zum Beispiel der "Schnupftabak-Club Molsheim e.V." eine gemeinsame Busse tun müsste. Das Ganze mindert zwar den Kulturgenuss, das heisst, von einer Besichtigung der Kirche kann man getrost absehen, aber dafür ziehen wir amüsiert unseres Weges - so etwas sieht man schliesslich auch nicht alle Tage.

Später landen wir noch in einer Pizzeria und beratschlagen, ob wir uns nochmals das frustrierende Erlebnis eines Wetterberichts antun oder ob wir lieber desinformiert ins Bett gehen. Wir müssen's ja eh nehmen, wie's kommt. Ersteres - weil neugierig sind wir ja schon…und so wie's aussieht, werden wir um Pfingsten besseres Wetter haben, bis dahin gilt es jedoch noch eine Durststrecke zu überwinden. Naja, wir hätten es ja auch noch schlechter erwischen können - in unserer Breiten erlebt man durchaus schon mal zwei Wochen Dauerregen am Stück…also immer schön zufrieden bleiben!

 
     
 
         
           
               
               
                   
 
     
  Dienstag, 30.5.06. Von Molsheim bis Saverne (34 km)

Man glaubt es kaum: heute morgen liegt der Molsheimer Marktplatz im Sonnenlicht vor uns! Dafür ist es recht kalt, fühlt sich irgendwie an wie Anfang März, so über den Daumen gepeilt. Es hilft nichts, wir brauchen wieder die komplette Regengarnitur, diesmal jedoch, um uns gegen die Kälte zu schützen.

Gestern habe ich in der Touristeninformation entdeckt, dass es von Molsheim bis Saverne eine ausgeschilderte Radroute gibt, teilweise ist sogar eine Trasse extra für Radler angelegt worden, wie man es von den Fernradwegen in Deutschland her kennt. Das werden wir heute mal austesten. Im Prinzip folgt man hier dem Flüsschen Mossig. Also raus aus dem Stadtverkehr und rein in die ruhige Welt jenseits des Strassenlärms. Die ganze Sonnenscheinherrlichkeit ist leider schnell wieder vorbei und die ersten Regentropfen prasseln bald auf unsere über Nacht abgetrockneten Klamotten. Die Wolken ziehen wenigstens nicht ganz so tief wie gestern und geben den Blick auf die Landschaft frei.

Die Gegend hier in Gebirgsnähe ist weitaus interessanter als weiter östlich in der flachen Rhein-Ebene. Wir radeln im Tal der (oder des) Mossig entlang und kommen den ersten Hügeln oder Ausläufern der Vogesen recht nahe. Bis Marlenheim können wir angenehm auf einem Asphaltweg abseits jeglichen Autoverkehrs radeln. In Marlenheim wird an eben diesem Weg gebaut, es gibt viel Baustellenverkehr, Bagger, Lastwagen, etc. und natürlich findet man da keine Ausschilderung mehr. Auf der Landkarte sind die Ortsnamen nicht exakt den eingezeichneten Häuseransammlungen zuzuweisen und so radeln wir eben ein wenig in die Irre, strampeln für ein Weilchen versehentlich den Hang hinauf, um nur ja nicht auf die viel befahrene Route Nationale im Talgrund zu geraten. Schliesslich finden wir aber doch wieder zu unserer Strecke zurück, die uns nun durch einen Taleinschnitt nach Wasselonne führt. Bei Brechlingen bricht der Veloweg weg und man schickt uns auf kleinen Strässlein über die Dörfer.

Das wird jetzt aber hügelig! Zwischen Allenwiller und Salenthal haben wir kräftigen Gegensturm mit Graupelschauer. Aber während wir nach Salenthal eine Anhöhe hinaufschnaufen, vertreibt der Wind die Wolken innerhalb kürzester Zeit und bald haben wir einen grandiosen Blick auf die Wälder der Vogesen links von uns und einen Panoramablick auf das Rheintal rechts voraus. Irgendwo da unten sieht man auch die grosse Kirche bzw. Kathedrale von Marmoutier.

Also runtergerollt bei Sonnenschein und dann aufwärts und wieder abwärts und wieder aufwärts und nochmals hinab bis nach Saverne, wo uns die letzte "öffentliche Dusche" dieses Tages erwischt. Auch wenn ich mich wiederhole: heute herrscht Aprilwetter mit Märztemperaturen - und das Ende Mai!

In Saverne kommen wir nicht unfeudal unter im Hotel "Chez Jean et Winstub s'Rosestiebel". Hier haben wir wieder ein geräumigeres Zimmer zur Verfügung, in dem die trocknenden Regensachen nicht den gesamten Raum dominieren. Saverne gefällt uns recht gut. Es zeigt sich uns als geschäftiges Städtchen mit eindrucksvoller Kirche und historischen Gebäuden, und der Canal de la Marne au Rhin, dem wir morgen folgen werden, fliesst hier durch und auf einem Sockel thront ein Einhorn.

Abends, im "Winstub s'Rosestiebel" kommen wir auf die Idee, doch noch etwas von der typisch Elsässer Küche zu probieren, da wir das Elsass doch bald verlassen und in Lothringen sein werden und das hier vielleicht die letzte Gelegenheit dafür ist. Elsass = Choucrout. Und da ich als gebürtiger Oberpfälzer gewissermassen mit Sauerkraut gross geworden bin, bietet es sich doch geradezu an, hier mal das Elsässer Sauerkraut zu testen. Nun denn, Margrit bestellt Sauerkraut auf typisch Elsässer Art und ich versuch's mal mit der vorgeschlagenen Kombination von Sauerkraut mit Fisch. Und während Margrit fast eine halbe Schlachtschüssel serviert bekommt und der Teller unter der geballten Ladung von Fleisch und Wurstwaren zusammenbricht, findet man auf meinem Teller diverse gebratene Fischsorten um einen Berg Kraut drapiert. Naja, für meinen Gaumen ergänzen sich Fisch und Sauerkraut irgendwie nicht so recht, da bin ich wohl zu sehr vorgeprägt. So bleibt dieses Abendmahl das einzige zwiespältige auf unserer Reise, was aber nicht an der Qualität der Küche liegt, sondern an uns selber. Immerhin driften wir während des Essens in ein Gespräch über die Kartoffel als solches ab und tauschen uns über Zubereitungsarten aus, die wir aus unserer Kindheit kennen. Da bietet sich ein Vergleich schweizerischer und ostbayerischer Gepflogenheiten ja geradezu an…

 
     
 
         
           
             
           
                   
             
                     
               
                     
 
     
  Mittwoch, 31.5.06. Von Saverne bis Mittersheim (46 km)

Die schlechte Nachricht: es ist immer noch saukalt - vom Gegenwind gar nicht zu reden! Die gute: es wird den ganzen Tag über trocken bleiben und in den kurzen Phasen, in denen sich die Sonne zeigt, ist es so, als ob jemand das Licht eingeschaltet und die Heizung aufgedreht hätte.

Wir sehen heute unter anderem eine Katze, die wirkt, als wäre sie auf Droge, als sie auf der Strasse vor uns hin und her schwankt und gar nicht recht davonlaufen kann. Äusserlich verletzt scheint sie jedoch nicht zu sein. Ein Reh duckt sich in das hohe Gras einer Auwiese, als wir vorbei rollen und der Anblick von Rotschwänzchen und Stieglitzen, Bachstelzen, Milanen und Reihern begleitet uns den ganzen Tag. Die Störche waren gestern schon, wenn ich mich recht entsinne - ich weiss es nicht mehr genau, denn die Tage gehen nun übergangslos ineinander über. Es ist, wie immer, jeden Tag dasselbe Ritual: aufstehen, frühstücken, packen, aufrüsten, losfahren, müde werden, Hotel suchen, einchecken, Siesta machen, den Tag mit einem Abendessen ausklingen lassen.

Heute vertrauen wir uns zuerst dem Treidelpfad entlang des Canal de la Marne au Rhin an, der uns bis Lutzelbourg steigungsfrei quer durch die Vogesen führt. Schleusen und Freizeitkapitäne, viel Hallo und Winkewinke. Später dann auf der D98 ein kleines, enges, bewaldetes Tal nach Arzviller. Hier hat man für den Kanal einen langen Tunnel in den Fels gesprengt und nebenan in St. Louis gibt's wohl ein grosses Schiffshebewerk, das allerdings nicht auf unserer Strecke liegt.

In Hommarting sehen sie wohl selten Radler mit Gepäck und noch seltener jemanden mit einem Liegerad vorbeikommen, jedenfalls hier dasselbe wie in all den anderen kleinen Dörfern und Städtchen auf dieser Reise: Neugier, freundliche Aufmerksamkeit und viele "Bon courage!"-Zurufe. Die Franzosen sind ein höfliches und freundliches Volk! Übrigens auch im Strassenverkehr: sie sind zwar meist recht rasant unterwegs, überholen aber mit grossen Seitenabstand und sind recht geduldig (es sei denn man ist auf der Route Nationale unterwegs). Ausserdem können sie noch blinken! Hier bei uns in der Schweiz hat man nämlich intern beschlossen, allmählich die Blinker an den Autos abzuschaffen - man sieht immer mehr Fahrzeughalter, die das Ein- und Abbiegen, das Ein- und Ausparken und sonstige Richtungsänderungen elegant und nachhaltig ohne zu blinken vollziehen und auf die telepathische Übermittlung ihrer Absicht vertrauen. Nur dumm, wenn man als Verkehrsteilnehmer nicht auf derselben Frequenz ist...

Hügel auf geht es dahin und Hügel ab. Die Landschaft verändert sich allmählich, die Vogesen bleiben zurück und ein welliges Land breitet sich vor uns aus. Immer wieder steigen wir vom Talgrund hinauf auf die Hochfläche und bekomme einen weiten Panoramablick für unsere Anstrengungen geschenkt. Oftmals sind die Ortschaften in den Hang hinein gebaut und wir strampeln innerorts nach oben.

In Fénétrange kann man ein Schloss sehen und wir kreuzen die Sarre. Und in Mittersheim reicht's uns für heute - wir sind beide durchgefroren. Es gibt einen See, der wohl zur Saison recht viele Naherholer anzieht - dem grossen Campingplatz und den verschlossenen Ferienhäuser nach zu schliessen - und ebenfalls einen Kanal, den Canal des Houillères, der wohl zum Kanalsystem gehört, das Saar und Marne miteinander verbindet. Unser Hotel, das "L'Escale", ist zwar ein unscheinbarer 70er Jahre-Betonkasten, verfügt aber über einen sehr schön dekorierten Speisesaal (wir werden gut speisen) mit grossen Panoramafenstern zum See und hätte eigentlich auch einen ausdehnten und gepflegten Garten - aber bei diesen Temperaturen lässt sich das einfach nicht recht geniessen. Schade.

Ach ja: seit heute sind wir übrigens in Lothringen!

 
     
 
         
           
               
           
                   
 
     
 

Donnerstag, 1.6.06. Von Mittersheim bis Delme (52 km)

Der Gegenwind zermürbt halt schon auf Dauer. Die Kälte auch. Besonders wenn man nicht so ganz total unentwegt ist und man bei erwünschter Naturnähe nicht automatisch an Expedtionsverhältnisse denkt. Unser neuester Trick: zwei Paar Jogginghosen übereinander (wir sind beide ohne gepolsterte Velohosen unterwegs) und zwei Paar Socken anziehen! Schwachpunkt sind nach wie vor die Handschuhe - wir haben beide "nur" Handschuhe für den Sommer dabei - und die Kopfbedeckung. Immerhin wird es heute tagsüber trocken bleiben, bis auf einen Graupelschauer am späten Vormittag, der uns aber dann im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt erwischen wird.

In Mittersheim findet sich ein Supermarkt auf der Durchgangsstrasse und es ist natürlich erste Pflicht, am Morgen unseren Vorrat an Lebensmitteln aufzufüllen. Wir befinden uns die ganze Reise über auf dem platten Land und in den kleineren Orten findet sich oft nicht mal mehr ein Bäcker - von einem Lebensmittelgeschäft ganz zu schweigen. Also: Gelegenheiten wahrnehmen!

Nachher überqueren wir zuerst den Canal des Houillères und teilen uns acht Kilometer lang die kerzengerade D38 mit ein paar LKWs und Lieferwägen, aber der Verkehr ist nicht der Rede wert und stört auch nicht sonderlich. Bei Cutting biegen wir rechts in die D27 ein, folgen ihr bis Bassing. Und jetzt geht es die kleine D28 entlang nach Westen, wir rollen durch Bauerndörfer wie etwa Bourgaltroff und Guébling. Jede Ansiedlung besitzt eine kleine Kirche, die recht trutzig und gedrungen wirkt, und meistens verschwindet alles hinter Buschwerk und Hecken und Laubbäumen.

Wir haben eine Hügelkette zu überwinden und eine Weile lang pusten wir die Serpentinen bergauf. Das geht aber ganz gut und hier lässt uns der Wind in Ruhe, denn wir sind von Wald mit dichtem Unterholz umgeben. Immer wieder tut sich eine Lücke in der Vegetation auf und wir haben einen wunderbaren Blick auf die Landschaft, während wir uns langsam höher schrauben. Oben angekommen erstmal eine Picknickpause. Unsere kleine D28 leitet uns anschliessend neben einem kleinen Rinnsaal talabwärts, zuerst noch durch den Wald, dann aber bald auf's freie Feld hinaus. Hier bläst es natürlich wieder wie verrückt. Schade! Die ganze Gegend hier lässt sich so wunderbar beradeln und die Landschaft ist so schön, aber wir verweichlichte Stadtmenschen hadern mit den Witterungsbedingungen.

Châteaux-Salins. Von hier an müssen wir nun ein paar Kilometer die grosse D995 entlang, die in der Landkarte dick und rot wie eine Route Nationale eingezeichnet ist. Dummerweise geht's auch noch steil den Berg hinan. Also: kleinstes Kettenblatt, grösstes Ritzel und auf unempfindlich schalten, wenn die LKWs vorbeibrummen. Es ist jedoch halb so schlimm. Zwar müssen wir von 210 auf 324 Höhenmeter hinauf und es ist stellenweise so steil, dass sogar Margrit absteigen und schieben muss, aber die Strasse verfügt bergauf über zwei Spuren und alle Kraftfahrzeuge wechseln schon von weitem auf die linke Spur und belästigen uns kaum. So brauchen wir uns also nur auf das Klettern konzentrieren. Als wir diese Passage hinter uns gebracht haben, können wir bald in die ruhigere D21 einbiegen, die über Fresnes-en-Saulnois und Lemoncourt nach Delme führt. Hier, in Delme, reicht es uns für heute. Im Hotel "à la XIIeme Borne" bekommen wir gerade noch das letzte Zimmer - und kaum haben wir eingecheckt, öffnet der Himmel seine Schleusen und es schüttet, was das Zeug hält.

Seit Molsheim gefällt es mir landschaftlich sehr gut. Vorher, im flachen Rheintal, liess es sich zwar leicht und lässig dahinradeln, es war jedoch auf Dauer auch ein wenig eintönig. Trotzdem empfinden wir es als gute Entscheidung, erstens schon direkt von der Haustür aus losgeradelt zu sein und zweitens bei Basel den Schwenk nach Norden gemacht zu haben. Auf jeden Fall konnten wir uns während dieser ersten Tage schon mal "warm radeln" und sind jetzt halbwegs fit und eingespielt für die nun folgende Hügellandschaft.

Ich bin neugierig auf die kommenden Tage. Wir gleiten langsam auf das Tal der Meuse zu, auf die Gegend um Verdun und Sedan, wo während der letzten grossen Kriege, vor allen Dingen 1914-1918, sehr viel gefochten wurde und Unmengen von Soldaten und Zivilisten im Stellungskrieg ihr Leben liessen - von der Propaganda der Kriegstreiber im Hintergrund angestachelt und aufgehetzt. Als Bub mit vielleicht 10 Jahren war ich das erste Mal hier in der Gegend, es war dies meine erste Berührung mit Frankreich und meine Erinnerungen daran waren immer recht düster. Im Gedächtnis sind mir die halb verfallenen und ärmlichen Orte geblieben, die klaustrophobische Enge im mehrstöckig unterkellerten Fort de Douaumont und die mistrauischen Blicke der älteren Generation, die uns Deutsche beobachteten. Ein zweites Mal bin ich während meiner Studentenzeit mit einem Freund hier durchgekommen. Wir waren auf den Weg in die Bretagne und wollten uns diese geschichtsträchtige Gegend hier antun. Damals sind wir mit dem Auto von Jugendherberge zu Jugendherberge gefahren, aquarellierend und zeichnend und immer auf der Suche nach dem wahren Frankreich. Ich weiss noch, wie wir abends in St. Mihiel in der Jugendherberge eincheckten: in der Mitte des Empfangsraumes residierte eine ältere Dame (so der Typ gestrenge russische Generalin) hinter einem pompösen Schreibtisch, musterte uns streng und wies uns in den Schlafsaal ein, der aussah wie eine Kaserne. Wir waren mit einem anderen Gast, der sich in eine andere Ecke verzogen hatte, in diesem grossen Saal alleine. War irgendwie eine sonderbare Atmosphäre. Tags drauf sind wir dann rauf nach Verdun, haben in den Anhöhen über der Stadt das Fort und das dazugehörige Museum einschliesslich der monströsen Kriegsgräberdenkmäler und sonstiger Memorials besichtigt und waren so bedrückt, dass wir hinterher mit einem Satz bis zur Normandie durchgebrettert sind. Soweit also meine Erfahrungen mit dieser Gegend hier - ich bin neugierig, wie sich das alles in den letzten paar Jahrzehnten entwickelt hat.

Als wir heute am Spätnachmittag, frisch geduscht und halbwegs aufgewärmt über den Landkarten brüten, sind wir beide an einem Tiefpunkt angekommen. Wir "kämpfen" jetzt schon seit Tagen gegen die Elemente und recht motiviert sind wir im Augenblick nicht mehr. Und der Regen prasselt schon wieder gegen die Fensterscheiben und draussen ist es grau in grau. Im Hotel liegt eine Tageszeitung aus und der kann man immerhin entnehmen, dass sich das Wetter allmählich bessern soll. Warten wir's ab!

Jedenfalls: nach dem (vorzüglichen) Abendessen kommt auf einmal die Sonne raus und der Himmel ist blau, weil der Wind die letzten Wolken vom Firmament fegt. Da kann man nur staunen! Wir hätten hier sogar eine Dachterasse zur Verfügung, um den Abend genüsslich im Freien zu verbringen - wenn es nur nicht so kalt wäre.

 
     
 
         
           
                 
             
               
                 
                     
 
     
  Freitag, 2.6.06. Von Delme bis Heudicourt-sur-les-Côtes (77 km)

Heute war's - landschaftlich gesehen - einfach nur prima! Dafür ging's jedoch die meiste Zeit entweder aufwärts oder abwärts, so richtig flache Passagen fanden sich selten. Eine Oma ruft uns beim Fensterputzen "Bon Courage!" hinterher, aber das brauchen wir heute gar nicht, es läuft nämlich gut! Es ist wärmer geworden. Kapuze und Gamaschen, sogar die Handschuhe verschwinden bald in der Packtasche. Es gibt so gut wie keine Touristen hier, Radler haben wir seit Saverne keine mehr gesehen - höchstens mal einen älteren Rennradfahrer. Und die grüssen in Frankreich ja immer so freundlich, die Rennradfahrer.

Was wir am Morgen in der aktuellen Tageszeitung lesen, ist wirklich Brot für die Seele: endlich Wetterbesserung! Steigende Temperaturen und allgemein recht gute Aussichten für die nächsten paar Tage! Endlich! Wie da gleich die Lebensgeister und die Motivation zurückkehren!

In Delme natürlich als erste Tat an diesem sonnigen (!) Morgen Lebensmittel erstanden, schräg gegenüber der Kirche gibt es einen kleinen Supermarché, aber leider keinen Boulanger. Dann ein Weilchen auf der gestrigen Strecke zurück bis nach Lemoncourt und dann die D21/D45/D913 entlang bis nach Nomeny, wo wir endlich einen Bäcker finden, noch frisches Brot holen und in einer Bar einen Kaffee trinken und eine erste Pause einlegen. Nomeny ist eines dieser charmanten französischen Landstädtchen, die vom Tourismus links liegen gelassen werden und die wohl auch kaum etwas Spektakuläres zu bieten haben. Bis auf das grosse Kriegerdenkmal an einem Kreisverkehr.

Mir fallen gerade Beobachtungen der letzten Tage ein: in Frankreich hat man anscheinend ein recht unverkrampftes Verhältnis zum Verbrennungsmotor und dessen ausgepufften Abgasen, denn kaum einer kommt hier auf die Idee, den Motor seines Autos abzuschalten, wenn er in die Bar geht, wenn er vor dem Geldautomat in der Warteschlange steht, wenn er zum Bäcker Brot kaufen geht, etc. Da läuft die Kiste halt einfach im Standgas weiter…minutenlang völlig umsonst. Man könnte natürlich mutmassen, dass die französischen Autos Probleme mit dem Anlasser haben und nur schwer zu starten sind - aber aus meinem eigenen Erfahrungsbereich (ich bin in meinem früheren Leben als Autofahrer Renault gefahren) kann ich das nicht bestätigen.

Über die D44 kommen wir ins Tal der Natagne, einem Zufluss der Mosel. Die D10 führt uns auf halber Anhöhe ins Moseltal, das wir bei Dieulouard erreichen. Hinüber über die Mosel und in Dieulouard innerorts den Hügel hinauf - die Steigung ist moderat und wir haben kurz vorher etwas gegessen, wir strotzen also geradezu vor Energie (natürlich nicht wirklich...). Bei Griscourt heisst die Gegend dann plötzlich "Kleine Lothringische Schweiz" und wenn man sich die Landschaft während der nächsten Kilometer so betrachtet, versteht man schon, wie man zu dieser Assoziation kommt. Allerdings ist es hier lange nicht so zersiedelt und generell hat man in Frankreich ja immer das Gefühl grösserer Naturnähe oder "Wildheit" - einfach weil hier nicht jeder Quadratzentimeter Boden zu Tode gepflegt wird. Die D106 leitet uns durch ein kleines Flusstal. Entweder liegen heute alle Orte oben auf der Hangkante oder unten im Tal, und man rauscht mit Caracho in die Dörfer hinein, nur um am anderen Ortsende wieder mühseelig nach oben zu kurbeln (oder umgekehrt).

Nach Martinscourt, auf dem Weg nach Manonville, gibt uns ein langgezogener und steiler Anstieg fast den Rest - es ist nämlich "heiss" geworden und wir sind diese Temperaturen gar nicht mehr gewöhnt. Dann: Noviant-aux-Prés, Bernécourt, Beaumont. Wieder mal kerzengerade, fast wie mit dem Lineal gezogene Landstrasse, aber wellig wie die Dünung im Atlantik.

Dann kommt nochmal ein Highlight: nach Beaumont gleiten wir hinunter in ein weites Tal, das einen Stausee, den Lac de Madine, birgt. Wir radeln über Seicheprey und Richecourt auf Montsec zu, ein Ort, der am Hang des Butte de Montsec errichtet wurde. Dieser Butte de Montsec ist ein oben abgeflachter Kegel, auf dem ein weithin sichtbares Memorial errichtet wurde, so ein Rundbau mit griechischen Säulen, ähnlich der Befreiungshalle in Kelheim. Das kümmert uns im Moment aber eher weniger, wir möchten mit dem letzten Rest Energie noch ein bisschen weiter kommen, nämlich nach Heudicourt-sur-les-Côtes. Wir kommen leider auf die glorreiche Idee, den Richtungspfeilen "Tour de Lac" zu folgen und den Weg am Seeufer auszuprobieren, damit wir nicht weiterhin der Landstrasse folgen müssen, die am Talrand im stetigen Auf und Ab dahinführt. Pustekuchen! Wir halsen uns drei Kilometer Umweg auf, der Uferweg wird bald zu morastig, um unsere Räder zu tragen. Tja…dumm gelaufen und eine unnötige Fleissarbeit absolviert...

Jedenfalls: kaum eine halbe Stunde später liegt Margrit schon in der Badewanne in unserem Zimmer im Landgasthof "Du Lac de Madine". Das Gebäude, von aussen nicht wirklich spektakulär, wartet jedoch innen mit angenehmen Ambiente auf, die Korbmöbel im Foyer und die übrige Innenausstattung erinnern uns an eine dieser Lodges in Afrika. Und die Badewanne verfügt über Massagedüsen! Wir kommen überein - nicht nur angesichts der massagebedüsten Badewanne - dass wir zwei Nächte hierbleiben werden und morgen einen Pausentag einlegen. Nötig haben wir es beide. Während wir Abendessen (das Essen ist wieder hervorragend und unsere Bedienung ist eine äusserst charmante und witzige afrika-stämmige junge Dame und wir hören beim Essen zuerst Simply Reds "Stars"-Album und danach Carla Brunis "Quel qu'un ma dit" und der Wein aus dem Loiretal ist fast eine Offenbarung) weichen wir unsere Wäsche in der Badewanne ein und wir werden gleich ausprobieren, ob die Massagedüsen der Wanne der Wirkungsweise einer Waschmaschine gleichkommen (nur so nebenbei: sie tun es nicht...)

Gestern sind wir mit Filmmelodien von Ennio Morricone beschallt worden und zwar à la George Zamphir mit Panflöte weichgespült. Bei einigen Stücken war das noch so halbwegs akzeptabel, aber bei "Spiel mir das Lied vom Tod" klang es deplaziert…die markante Mundharmonica-Passage mit der Flöte…ich weiss ja nicht…

 
     
 
         
           
                   
           
                   
 
     
  Samstag, 3.6.2006. Ruhetag in Heudicourt-sur-les-Côtes (18 km)

Ich sitze auf der Terasse unter einem Lindenbaum und sehe zwei Radler auf der Strasse vorbeiziehen, die Velos hoch beladen, wohl mit kompletter Campingausrüstung. Es sind die ersten Reiseradler seit dem Verlassen des Rheintales und hoffentlich haben sie warme Schlafsäcke dabei! Ich bin froh, dass unser Zelt zuhause geblieben ist, denn bisher hätten wir es noch gar nicht benutzt und das Gewicht nur unnütz mit uns herum geschleppt.

Heute gibt es einen längst fälligen Ruhetag. Neun Tage sind wir nun am Stück gefahren, und es waren anstrengende Tage. Die Kälte und der Gegenwind haben uns doch einiges abverlangt, vor allen Dingen auf die Temperaturen waren wir so nicht vorbereitet. Heute zum Beispiel ist es dagegen richtig warm! Kaum zu glauben - ich kann hier mit T-Shirt und barfuss in den Sandalen im Freien sitzen! Ohne dass ich friere!

Wie weit wir wohl noch kommen? Wir wollten ja - bei der vorletzten Variante mit dem Startpunkt Basel - bis Brüssel radeln (von dort gibt es eine direkte Zugverbindung mit Velomitnahme zurück nach Basel), aber da wir schon von unserer Haustür aus losgeradelt sind, haben wir 2 ½ Tage "verloren". Zudem waren die bisher gefahrenen Etappen teilweise kürzer als geplant, sodass sich die gesamte Strecke nun nicht mehr mit den noch verbleibenden Urlaubstagen bewältigen lässt. Das ist nicht weiter tragisch, wir fahren eben soweit wir kommen. Und ganz eigentlich bin ich jetzt schon mit der "Ausbeute" dieser Reise zufrieden. Gerade die letzten Tage seit Saverne waren recht sehenswert - schade, dass diese Gegend hier oft nur Transitstrecke für Reisen ins westliche Frankreich ist.

Der Lac de Madine ist ein Stausee, der vor etwa 25 Jahren angelegt wurde. Natürlich hat man hier ein Naherholungszentrum gebaut, mit Yachthafen, Campingplatz, Segelschule, etc. Aber es gibt auch ein Naturschutzgebiet. Was wohl unter dem See begraben liegt? Schützengräben? Minenfelder? Bunker und namenlose Gräber? Ich will es gar nicht wissen! Neben dem Hotel auch hier ein Kriegerdenkmal, zum Andenken an "…nos Enfants morts pour la France". Was sind wir nur für Kreaturen, die ihre eigenen Kinder als Kanonenfutter verheizen (lassen)! Und wie verdammt leicht man sich immer noch mit Propaganda-Fallen wie "Ehre" und "Vaterland" ködern lässt! Beispiele aus Gegenwart gefällig? Einfach nur die Zeitungen aufschlagen oder die Nachrichten anschauen…

Immerhin scheinen die zwei Erzfeinde Deutschland und Frankreich nun halbwegs zusammengewachsen zu sein. Als wir heute am Vormittag das Arreal besichtigen, lässt ein deutscher Freizeitkapitän grad seine Yolle zu Wasser und der ortsansässige Hafenangestellte fachsimpelt mit ihm auf DEUTSCH! Auch uns ist man in den letzten Tagen immer wieder mit der deutschen Sprache entgegen gekommen, wenn man gemerkt hat, dass uns das Französische nicht immer so geläufig von den Lippen tropft.

Mir geht langsam der Lesestoff aus. Wie es bei Ruhetagen so üblich ist, wachsen die schon gelesenen Seitenzahlen und der noch zu lesende Rest schmilzt dahin wie Speiseeis in Äquatorialnähe. Da ich normalerweise auf Radreisen eher schreibe und zeichne und in Landkarten und Reiseführern schmöckere, nehme ich immer nur ein "Alibi-Buch" mit, das dann meist erst gelesen wird, wenn ich wieder zuhause bin. Diesmal habe ich "Der Geliebte der grossen Bärin" von Sergiusz Piasecki dabei und bin freudig überrascht, dass mich dieses Buch auch beim jetztigen Zweitdurchlauf genauso fesselt, wie damals vor x-Jahren, als ich es zum ersten Male gelesen habe.

 
     
 
         
           
               
                 
                   
 
     
 

Sonntag, 4.6.2006. Heudicourt-sur-les-Côtes bis Marre (54 km)

Bevor ich es vergesse und/oder mir was anderes dazwischen kommt: die ornithologische Ausbeute des Tages sind ausser den üblichen Verdächtigen (Milane, Reiher, etc.) eine Goldammer, eine Weihe, Falken, die paarweise fliegen und ein Mäusebussard, der sich anscheinend aus purer Freude am Fliegen im Aufwind tummelt. Und nun, da das erledigt ist, weiter im Text:

So verblüfft wie heute Nachmittag waren wir selten zuvor! Nachmittags um drei schieben wir unsere Räder nach 54 Gegenwind-Kilometern in den Innenhof des Hotels "Le Village Gaulois" und finden eine verträumt-rustikale Oase vor. Ein Rundbau, der wie ein Gebäude aus den Asterix-Romanen aussieht, viel Grün, grosse Laubbäume, alles mit sehr viel Liebe zum Detail von einem Herrn erschaffen, der nicht nur handwerklich sehr geschickt und kreativ ist, sondern auch in der Küche, hinter dem Herd, allerhand Köstliches hervorzaubert - ausserdem kann er es gut mit seinen Gästen. Und das alles zwölf Kilometer nördlich von Verdun in einem Dorf mit vielleicht 100 oder 150 Einwohnern. Merveilleux! Warum das alles "nur" mit zwei Sternen klassifiziert ist, kann ich nicht so recht nachvollziehen, jedenfalls ist unser Zimmer sehr liebevoll eingerichtet, sehr sauber und die Küche ist hervorragend. Die Zimmer haben hier keine Nummern, sondern Namen - leider hab ich den unseres Zimmers vergessen - war irgendein Blumenname. OK, ein bisserl kitschig, geb ich ja zu...aber es fügt dem heutigen Tag einfach noch eine andere emotionelle Komponente hinzu.

Heute früh war es wolkenlos und schon nach dem Frühstück recht warm - was will man mehr? Der Pausentag hat uns gut getan und wir lassen das Wirrwarr am Frühstücktisch über uns entgehen. Im Hotel in Heudicourt taucht nämlich eine Reisegruppe zum Frühstücken auf und belegt den ganzen Frühstücksraum, kaum dass wir an unserem ersten Kaffee genippt haben. Das sorgt für reichlich Wirbel und will vom Personal natürlich erstmal in den Griff bekommen werden.

Wir sind dann jedenfalls bald auf Piste und lassen diesen freundlichen Ort hinter uns. Um ins Tal der Meuse zu kommen, müssen wir heute zuerst einen letzten Höhenzug überwinden. Wir wählen dazu die kleine D133, die uns während des Steigens lange einen Blick auf den See schenkt, der im gelben Morgenlicht unter uns ausgebreitet daliegt. Nach zwei Kilometern geht's dann auf der anderen Seite flott bergab
und jetzt hat uns der Wind wieder in seiner Gewalt. Der Wind...das sind die Seelen der Gefallenen, die hier nicht zur Ruhe kommen, denke ich mir dabei... Hier ist es spürbar kälter als auf der anderen Seite dieser Hügelkette, erneut kommen Fleecepulli, Windjacke und Handschuhe zum Einsatz.

Chaillon, Lavignéville, Lamorville - kleine Orte auf dem Weg ins Meusetal. Bei Lacroix-sur-Meuse erreichen wir den Fluss. Wir radeln von der D162 auf den Ort zu, dessen Panorama von einer imposanten Kirche dominiert wird. Leider kann ich mich nicht dazu entschliessen, anzuhalten und zu fotografieren, denn dieses Bauwerk hat etwas sehr Ausgewogenes und Harmonisches. Die Kirche hat etwas Trutziges und doch Filigranes an sich. Besonders das Farbenspiel zwischen dem Blaugrau des Schieferdaches, den orangefarbenen Flechten und dem hellen Mauerwerk ist optisch sehr reizvoll. Wir wählen die D964 auf der rechten Flussseite und radeln bei mässigem Ausflugs- (Wohnmobil-)verkehr dahin. Bei Dieue-sur-Meuse wechseln wir über die Meuse und nähern uns langsam Verdun. Fast jeder Ort hat hier seinen eigenen Soldatenfriedhof und in den Wäldern oberhalb des Flusses liegen die ehemaligen Schlachtfelder. Aber die Landschaft ist mild und heiter und erinnert mich erstaunlicherweise sehr an meine Heimat in der bayerischen Oberpfalz - ich komme mir vor, als ob wir die Naab oder die kleinere Schwarzach entlang rollen würden.

Verdun verschwindet bald hinter uns und wir berühren lediglich die Wohnsiedlungen oder Vororte diesseits des Flusses. Wir sind auf der Suche nach einem Café oder einer Bar, die wir endlich in Thierville finden. Leider haben wir auf der ganzen Reise bisher kaum Strassencafés gesehen. Das vermisse ich etwas. Aber es hat natürlich auch sein Gutes - wir laufen dadurch auch nicht Gefahr, latent vorhandene Hungeräste mit Kuchen und Gebäck oder Junkfood zu übertünchen, sondern ernähren uns diesmal während der Tagesetappen recht gut und vernünftig mit dem mitgeschleppten Proviant und der Kaffeekonsum hält sich ebenfalls in Grenzen...

Etwas aufgewärmt machen wir uns nun auf den Weg nach Marre, immer auf der D38 entlang, den monströsen Turm des Soldatenfriedhofes oben in den Hügeln beim Fort Douaumont immer im Blickfeld. Marre ist eines dieser typischen Dörfer hier: das der Strassenseite zugewandte Gesicht ist oft recht karg, aber die Hinterhöfe haben es dafür in sich...

War eine schöne Tagestour heute, von nachdenklichen und auch heiteren Stimmungen geprägt. Und am Spätnachmittag ist es uns vergönnt, im Garten des Hotels noch ein paar Sonnenstrahlen zu geniessen.

 
     
 
         
           
                 
             
                   
 
     
  Montag, 5.6.2006. Marre bis Sedan (80 km)

Dass achtzig Kilometer Radfahren durch nicht wirklich flaches Gelände müde machen können, merken wir daran, dass wir in Sedan das Hotel nicht finden können, in dem wir gestern noch ein Zimmer reserviert haben. Stattdessen geben wir die Suche auf, als uns nicht zu übersehende Hinweisschilder in ein Hotel der Campanile-Kette leiten. Und daran, dass ich beim Versuch, Wasser in die Wanne laufen zu lassen, das halbe Badezimmer unter Wasser setze...tja...

Heute war ein Tag der Düfte! Damit spiele ich jetzt nicht auf uns an, die wir nach des Tages "Arbeit" nicht mehr so ganz taufrisch aus der Wäsche gucken, sondern auf das heute während der Tour Erschnupperte: frisch gemähtes Gras und trockenes Heu, Kamille und allerlei Wiesenkräuter.

Es fing gut an heute. Der Himmel zeigte sich zwar bedeckt, doch die Temperaturen lagen deutlich oberhalb Handschuh-Windjacken-Bereiches und - ganz wichtig! - der Wind hatte sich gelegt! Sieh mal einer an! Also eigentlich schon fast ideale Bedingungen!

Wohl aus diesem Grunde treten wir morgens etwas forscher in die Pedale, als wir es bisher taten. Endlich mal wieder Tempo jenseits der 11-13 kmH! Wir radeln die D123 entlang, immer schön auf der Westseite der Meuse. Gleich auf den ersten Kilometern geht's lange aufwärts durch ein Waldgebiet namens Mort-Homme, an einem im Krieg zerstörten Dorf vorbei und dann hinab nach Forges-sur-Meuse. Auf der nächsten, leicht welligen Passage, geben wir immer noch Gas, bis wir kurz vor Dun-sur-Meuse merken, dass wir schon ein bisschen abgekämpft sind. Hoppla, was tun wir uns da an? Wir wollen doch heute noch bis Sedan kommen, also sollten wir etwas umsichtiger mit unseren Kräften umgehen!

Von Dun-sur-Meuse sieht man schon weitem eine grosse Kirche, die auf einer Anhöhe über dem Städtchen errichtet wurde. In der Annahme, dort irgendwo eine Bar zu finden, radeln wir auf die Innenstadt zu - auf einer Hauptstrasse, die mit recht schönen Vorortvillen gesäumt ist. Rechter Hand kommen wir dann an einem Campingplatz mit geöffneter Bar vorbei...und schon haben wir unsere Pause. Wir sitzen neben einem Kiosk direkt an einem See, neben dem sich der Campingplatz erstreckt und geniessen Kaffee und Brotzeit.

Nach Dun-sur-Meuse weitet sich das Flusstal für eine Weile und für die nächsten paar Kilometer - über Sassey-sur-Meuse, Saulmory-et-Villefranche, Wiseppe und Laneuville-sur-Meuse - können wir fast steigungsfrei dahingleiten. Heute, am Pfingstmontag, haben wir die Strassen fast für uns alleine und es ist sehr ruhig. Nicht zuletzt deswegen beschliessen wir, von Laneuville aus die D30 bis Beaumont-en-Argonne zu nehmen und eine Flussschleife abzukürzen, und handeln uns damit prompt den anstrengensten Abschnitt des Tages ein. Die Strasse ist wieder mal schnürchengerade, es geht dauernd auf und ab, wahrscheinlich gibt's auf diesem Dutzend Kilometer kaum einen flachen Meter.

Da ist in Beaumont-en-Argonne eine Pause fällig, keine Frage. Der Kirchplatz bietet sich dafür ja auch bestens an. Schönes historisches Ambiente. Leider sind manche Fassaden sehr renovierungsbedürftig und es fehlen wohl die Mittel.

Weiter auf der D19 wartet nochmals eine Steigungsstrecke auf uns, aber dann werden uns etliche Kilometer Abfahrt - ich glaube, es sind fünf oder sechs - bis Mouzon geschenkt. Ab da läuft die Strasse relativ flach im Flusstal dahin, nur einmal, so circa bei Remilly, scheucht man uns nochmals eine Anhöhe hinauf, doch die Aussicht von oben entschädigt für diese Kletterpartie.

Bei zunehmender Verkehrsdichte schleppen wir uns noch bis Sedan und fädeln uns irgendwie in den Stadtverkehr ein, immer Richtung Innenstadt, in der Hoffnung, auf Hinweisschilder für Hotels und speziell für unser Hotel zu stossen. Aber dem ist nicht so. Erstmal Kaffee und dann jemanden fragen. Man schickt uns wieder zurück in die Richtung, aus der wir soeben gekommen sind, aber unsere Suche bleibt auch jetzt erfolglos und wir nehmen dann die schon beschriebene Gelegenheit wahr und bestellen später das eigentliche Zimmer ab. Auf die Idee, dass wir ja im Hotel selber hätten anrufen und uns den Weg hätten erklären lassen können, kommen wir nicht. Manchmal sitzt man eben auf der Leitung...

 
     
 
         
           
                   
           
                   
 
     
  Dienstag, 6.6.2006. Sedan bis Charlesville-Mézières (38 km)
Zugfahrt nach Reims

Irgendwie hat die gestrige Tauchfahrt in Sedan keinerlei herzhaften Appetit auf eine Stadtbesichtigung geweckt. Die Aussicht, am heutigen Werktag nochmals mit dem Schwerverkehr in die Innenstadt zu rollen, ist nicht gerade verlockend. Zudem liegt unsere Unterkunft auf der "richtigen" Seite der Stadt und wir müssen uns lediglich aus dem Knäuel der Ausfallstrassen herauswinden und schon kann die Reise weiter gehen.

Also reisen wir weiter. Der strahlende Sonnenschein und der blaue Himmel ziehen uns sowieso nicht in die Stadt. Wie umgehen wir das Ballungsgebiet um Charlesville-Mézières, um das Tal der Meuse Richtung Belgien zu folgen, das ist jetzt die Frage! Wir machen es so: beim Städtchen Donchery (auf dessen Marktplatz wohl über's Pfingstwochenende ein Rummelplatz stattfand - überall stehen Fahrgeschäfte und Schaubuden herum) queren wir den Fluss und nehmen die kleine D334 nach Vrigne-aux-Bois, radeln anschliessend weiter auf der winzigen D57. Nach Issancourt-Rumel gibt's einen Absteigen-Und-Schieben-Berg, in Gernelle nochmals, und dann können wir die Räder nach La Grandville und weiter nach Neufmanil hinunterrollen lassen. Das war jetzt eine recht idyllische Fahrt! Kein Verkehr, interessante Landschaft und vor allen Dingen sehr freundliche Orte - einer der schönsten Abschnitte der ganzen Reise! Wir sind in den Ardennen angekommen.

Nach Neufmanil dann Szenenwechsel. Neufmanil - selber noch recht dörflich - geht fast nahtlos in die Stadt Nouzonville über, und als wir der D22 ins Meusetal folgen, nimmt der Verkehr, vor allen Dingen der LKW-Verkehr, rapide zu. Die Häuser neben der Strasse rufen unangenehme Assoziationen an die düsteren Siedlungen der englischen Industriestädte hervor, alles ist eng und verkehrsreich und irgendwie kommt der Kontrast zur weiten und ruhigen Landschaft vor 10 Minuten viel zu abrupt, als dass man ihn sofort verarbeiten könnte. Die Stimmung sinkt und bereitet den Nährboden für die folgende Episode: in Nouzonville gibt's eine Brücke über den Fluss, nicht sonderlich hoch oder für mich "beängstigend", aber irgendwie fühle ich mich grad im Off und bocke beim Befahren der Brücke wie ein störrischer Esel, besonders als auf dem Scheitelpunkt der Brücke ein Stau entsteht, da die Ampel am anderen Ende auf Rot steht. Bitte nur das nicht! Mir jagt das Adrenalin den Rücken hoch und ich gerate in diese Scheisspanik und kann nicht anders, als mich links an der Autoschlange vorbeizudrängen, um nur ja von dieser verflixten Brücke runter zu kommen! Immerhin funktioniert das so einigermassen, weil die Autofahrer viel zu verblüfft sind, um gross Einspruch zu erheben - der auch hier ungewohnte Anblick eines Liegerades verhindert ein Hupkonzert. Drüben, wieder auf "festem Boden" angekommen, braucht's dann eine Weile, bis ich wieder zu mir zurück gefunden habe. Alle die das hier lesen und NICHT mit Höhenangst, Klaustrophobie und/oder ähnlichen Neurosen umgehen müssen: seid dankbar dafür! Im Ernst jetzt!

Unser Weg sollte uns nun eigentlich die D1 entlang führen, nach Bogny-sur-Meuse, Montherme, Revin und weiter bis nach Belgien. Aber nach ein paar Minuten wird uns klar, dass es so nicht weitergeht: hier rollt der gesamte Schwerverkehr durch, Brummi über Brummi, dazwischen riskant überholende PKW-Fahrer. Dazu kommt noch, dass die Strasse nicht gerade überbreit ist und wir nicht so weiträumig überholt werden, wie wir es auf ruhigeren Strassen bisher erlebt haben. Dabei ist diese Strasse noch als relativ klein in der Landkarte verzeichnet und soll dann aber später, bei Fumay, zur Route Nationale werden. Und das ist dann die einzige Möglichkeit, um im Flusstal vorwärts zu kommen. So soll es also nun weitergehen? Dauernd nur mehr auf den Verkehr konzentriert und keine ruhige Minute mehr, um die Landschaft zu geniessen?

Krisensitzung an einer Ausweichbucht. Das Landkartenstudium macht uns auch nicht schlauer. Wie man es auch dreht und wendet, die einzig vernünftige Möglichkeit, nach Norden voranzukommen, wäre die Strecke im Flusstal selbst. Doch die Vorstellung, die letzten Urlaubstage mit den Lastwagenfahrern zu teilen, klingt nicht gerade rosig. Wir kommen endlich zu einem Entschluss: genau hier, ein paar Kilometer nördlich von Nouzonville, wird unsere Fahrt nach Norden enden!

Wir kehren um und machen uns frustriert auf den Weg nach Charlesville-Mézières, um dort am Bahnhof die Möglichkeiten für die nächsten Tage abzuchecken. Und die Fahrt nach Charlesville hat es jetzt wirklich noch in sich: Schwerverkehr, Steigungen, gleissende Mittagssonne und anschliessend dann der hektische Stadtverkehr - Radfahren zum Abgewöhnen! Ich bin froh, dass mich niemand fluchen hört...Ausgerechnet heute, wo das Wetter endlich ideal ist, sind wir mit so einem Mist konfrontiert! Im Endeffekt sind wir dann aber doch dankbar, dass wir mit heilen Knochen bis in die Innenstadt gelangen.

Es ergibt sich letztendlich folgende Lösung: wir fahren heute noch mit dem Zug nach Reims. Morgen früh nehmen wir dann den Zug bis Strassbourg und dort warten dann noch zwei gemütliche Radltage nach Süden Richtung Basel auf uns. So machen wir's! Basta!

Also Fahrt mit dem Regionalexpress nach Reims, Ankunft in Reims 16:14. Fünf Minuten später haben wir bereits im Hotel Ibis direkt am Bahnhof ein Hotelzimmer bezogen und in Erfahrung gebracht, dass die berühmte Kathedrale bis um halb acht besichtigt werden kann. Yippie! Jetzt sind wir wieder drauf, jetzt stimmt's wieder, jetzt sind wir wieder wer!

Tja, die Kathedrale zu Reims. Eigentlich sollte ich den Untertitel dieser Reise, also "Roulette mit dem Wettergott" noch umändern. Vielleicht "unerwarteter Höhepunkt" oder "wie man auf Umwegen zum eigentlichen Reiseziel geführt wird" oder so etwas in der Art. Nach der Besichtigung der Kirche drängt sich so ein Gedanke auf, als ob die Reise von vornherein nur Reims und nichts anderes als Reims zum Ziel gehabt hätte! Nur ich hab's einfach nicht gemerkt und musste den "Umweg" über's Meusetal nehmen... Jedenfalls sind wir mit den unliebsamen Erlebnissen des heutigen Tages absolut versöhnt, schon als wir nach dem Duschen zur Besichtigung aufbrechen. Das hier ist der Höhepunkt der Reise, der Zenit. Ich will die Kathedrale hier gar nicht gross beschreiben, man findet im Web genügend Infos darüber und einige von euch waren ja bestimmt auch schon hier. Ich werde nur ein paar Fotos reinstellen, damit wenigstens ein bisserl was rüber kommt. Für mich sind gotische Kirchen einfach die schönsten und erhabensten Bauwerke, die die Baumeister des Abendlandes hervorgebracht haben, und diese hier ist eine besonders eindrucksvolle!

Später dann Chill-out in der Fussgängerzone. Wir sitzen bzw. liegen in einer Bar in zwei Liegestühlen und beobachten das Strassenleben und sind so rundum glücklich und zufrieden - was für ein vielfältiger Tag!

 
     
 
         
           
                   
           
 
                   
                   
                     
 
     
 

Mittwoch, 7.6.06. Zugfahrt von Reims nach Strassburg. Strassbourg bis Sand (34 km)

Man muss sich das mal vorstellen: Filterkaffee! Von der Minibar im Zug! Das ist Frankreich! Als Gegengewicht gibt's in unserem Abteil keinerlei Tischchen oder eine andere Möglichkeit, die heisse Tasse abzustellen. Auch das ist Frankreich...

Auch am Tag danach erscheint es uns als eine gute Lösung, die Tour in Charlesville-Mézières beendet zu haben und schon jetzt mit dem Zug zurück zu fahren. Der vorher nicht geplante Besuch der Stadt Reims war wie ein Juwel in der Krone dieser eindrucksvollen Reise! Zudem sind die Züge heute so schön leer und es stört sich niemand daran, dass die Streetmachine Gt auf der Einstiegsplattform unserer Waggons herumsteht, denn der Lenker meines Rades ist um ein kleines bisschen zu breit für die Tür des Veloabteiles hier im Zug. Der Schaffner mault zwar etwas von wegen seiner Verantwortung, wenn etwas passiert, aber er zieht dann seines Weges und lässt uns in Ruhe. Was wohl am Freitag in den Zügen Richtung Deutschland los sein wird, wenn die Fussball-WM beginnt?

Um die Mittagszeit kommen wir in Strassbourg an und radeln in die Altstadt, um mit der Besichtigung des Strassburger Münsters eine Symmetrie zur gestrigen Kathedrale herzustellen (so ein Quatsch...aber ich lasse den Satz trotzdem mal so stehen). Dann suchen wir uns einen Weg hinaus aus der Stadt. Strassbourg ist mit Touristen überladen und ein recht beliebtes Ziel für Gruppen- und Schülerreisen. Sehenswert ist es schon hier, das gebe ich gerne zu, aber mir wird der städtische Trubel schnell zu bunt und ich will nur mehr raus ins Grüne.

Wir radeln entlang des Rhône au Rhin Canals nach Süden. Es ist eine ereignislose Fahrt, irgendwie eintönig. Ich bin heute recht müde und schleiche im Halbschlaf hinter Margrit her. Anfänglich wird der Kanal noch von riesigen Bäumen (Platanen?) gesäumt, später radeln wir in einem Korridor aus Buschwerk dahin. Auf dem Kanal tuckern die Freizeitkapitäne wieder von Schleuse zu Schleuse und bemerken den Kadaver eines toten Rehes gar nicht, der neben ihnen im Kanal treibt.

In Strassbourg haben wir noch per Handy im "La Charrue" ein Zimmer flott gemacht, wir wissen also, was uns heute Abend erwarten wird. Am späten Nachmittag treffen wir dann in Sand ein und freuen uns, dass wir die eigentlich Rückreise schon hinter uns, aber noch zwei Radltage vor uns haben.

 
     
 
   
                 
                   
 
     
  Donnerstag, 8.6.06. Von Sand bis Rouffach (68 km)

Wie gesagt: es radelt sich ganz gut mit dem Gefühl, die Heimreise, die einem als Radler mit Gepäck immer ein wenig im Magen liegt, schon vollzogen zu haben. Naja, noch sind wir nicht zuhause - wir sind ja noch mitten im Elsass unterwegs und haben noch zwei Tagesetappen vor uns. Aber irgendwie fühlt sich das nun schon wie ein Heimspiel an (ohne dass ich jetzt angesichts des Tagesgeschehens in den Fussballjargon fallen möchte).

Und so gleiten wir also heute nochmals hinaus in die Felder und Fluren der Oberrheinischen Tiefebene. Es ist Sandalen- und T-Shirt-Wetter und wir haben - man lasse sich das auf der Zunge zergehen - RÜCKENWIND!! Mit zwei Ausrufezeichen!! Wir sind im Prinzip auf derselben Strecke unterwegs wie schon am vierten Tag dieser Reise, halt nur bei schönem Wetter und diesmal aus der anderen Richtung kommend. Wie völlig anders das alles aussieht, wenn die Sonne vom Himmel lacht! Da zeigen sich die schmucken Elsässer Dörfer von einer ganz anderen, nämlich ihrer besten Seite: Muttersholtz oder Baldenheim oder Ohnenheim oder Elsenheim oder Jebsheim.

Ich will aber trotzdem nicht verschweigen, dass angesichts der flachen Gegend bald ein wenig Langeweile aufkommt - wir haben uns inzwischen an ein vielfältigeres Landschaftsbild gewöhnt. Als wir bei Muntzenheim mal einen Gang zurückschalten und eine schräge Rampe hinaufradeln müssen, um einen Kanal zu überqueren, meint Margrit: "wenigstens mal wieder so etwas Ähnliches wie eine Steigung..." Hört, hört!!

Wir schleichen uns östlich an Colmar vorbei und kommen nach Sainte Croix-en-Plaine auf der D201 und dann auf der D8 nochmal mit Schwerverkehr in Berührung, doch schliesslich sind wir in Rouffach, unserem letzten Etappenort, angekommen.

Hier haben wir uns im "A la Ville de Lyon" ein Zimmer vorgebucht. Wir folgen der Ausschilderung zu unserem Hotel und einen Augenblick lang stockt mir der Atem, als wir vor uns auf einer Anhöhe einen schloss-ähnlichen Bau mit grosser Terasse und dem Hinweis auf ein hauseigenes Schwimmbad sehen. Das wär's jetzt noch! Den Rest des Nachmittages in einem Schwimmbad verplantschen! Leider zweigt der Weg dann kurz vorher doch noch ab und wir stehen unverhofft vor unserer Bleibe. Aber - man stelle sich das mal vor - auch hier gibt es einen Swimming Pool samt Whirlpool! Glück muss man haben!

Wie der Rest des Nachmittags nun aussieht, kann sich wohl jeder selbst ausmalen! Wir landen abends jedenfalls recht relaxed im Hotelrestaurant und bestellen ausnahmsweise mal auf's gerade Wohl das Menü des Tages, ohne sämtliche Details vorher genau zu wissen. Da geht's dann nochmals richtig zur Sache! Besonders angetan bin ich von den beiden Vorspeisen der Vorspeise: zuerst ein Snack aus Brennessel-Chips!! Dann zwei Teelöffel einer kalten Tomatensuppe, eine Art Gazpacho - und dann geht's los.

Aber darüber hülle ich mich nun in Schweigen, man könnte uns sonst der Völlerei bezichtigen...
 
     
 
   
           
                   
 
     
Freitag, 9.6.06. Von Rouffach bis Basel (65 km)

Der Rest ist eigentlich schnell erzählt: "Transitstrecke" nach Basel heisst das Motto des Tages!

Wir machen heute wirklich nur noch Kilometer. Bis auf den ersten Abschnitt dieser Tagesetappe - also von Rouffach aus bis sagen wir mal Bantzenheim - sind wir die komplette Strecke schon auf der Hinfahrt geradelt und sie ist alles andere als spektakulär. In Kembs machen wir noch Mittagspause im Restaurant am Yachthafen und kaum eine Stunde später tauchen wir schon ins Basler Stadtgebiet ein und schlängeln uns im Freitagnachmittagsverkehr zum Bahnhof. Dort ist Rambazamba angesagt: die WM beginnt ja heute und da jede Möglichkeit wahrgenommen wird, aus dem Event irgendwie Kapital zu schlagen, macht man auch hier am Basler Bahnhof auf Fussball...es ist laut und hektisch und der ganze Schwachsinn geht mir schon auf die Nerven, noch bevor das Turnier überhaupt eröffnet ist.

Es ist vorbei. Die Reise war trotz des schlechten Wetters in der ersten Reisehälfte sehr sehenswert und hat uns gut gefallen. Ganz im Gegensatz zur letzten Radreise stand diesmal die Natur wieder im Vordergrund und die kulturellen Sehenswürdigkeiten blieben auf ein paar Highlights beschränkt. Und das war gut so.

Das Übernachtungsverzeichnis von Logis de France war prima! Die Unterkünfte waren durch die Bank sehr angenehm. Schade nur, dass wir die Outdoor-Möglichkeiten - also die oft sehr schönen Gärten und Innenhöfe - nur sehr reduziert geniessen konnten. Aber wir haben auch die "Nachteile" (wenn man sie als solche einstufen möchte) kennengelernt: zum überwiegendem Teil sind wir in Landgasthöfen untergekommen, die sich in kleinen Orten befinden. Und die Restaurants in den Hotels sind dann oft die einzigen Gaststätten am Ort. Man kann also nicht einfach mal zum Italiener gehen oder ein Döner ziehen, sondern landet automatisch im Hotelrestaurant - und das geht natürlich dann ins Geld. Für uns war das in Ordnung und auch so eingeplant und wir sind kulinarisch voll auf unsere Kosten gekommen (was wir sehr schätzen).

Und jetzt, nach ein paar Tagen Abstand, denke ich, dass wir nächstes Jahr vielleicht wieder nach Westen ziehen werden. Wir haben weder Polen noch Tschechien vermisst, und einmal, ich glaub' das war beim Abendessen in Heudicourt, haben wir darüber gesprochen, dass wir in letzter Instanz dann doch Wein aus dem Loiretal oder Burgund einem Pilsener Urquell oder Budweiser vorziehen...Hand auf's Herz!
 
     
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