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| Mai/Juni 2003 - Von Zürich nach Würzburg
Siebene auf einen Streich...
Zum Fotoalbum
Hier gibt's den Bericht ohne Bilder
als PDF-File (53 KB)
...nein, natürlich
bin ich nicht das tapfere Schneiderlein...vielmehr wurden auf dieser Veloreise
einige Velorouten "abgefertigt", die mir schon lange am Herzen
liegen: Teilstücke der Seenroute, des Rheintal-, Tauber-, Jagsttal-
und Maintalradwegs, der Donau-Bodensee-Radweg und der Hohenlohe-Ostalb-Weg.
Und das ergab sich so: es war einmal ein erlebnishungriger Veloreisender,
der sich im Frühjahr 2003 den Kalender vornahm und feststellte, dass
er für die Zeit von Christi Himmelfahrt bis Pfingstmontag lediglich
vier Urlaubstage opfern müsse um zwölf zusammenhängende
freie Tage zu bekommen...dann ging er in sich und hörte auf seine
innere Stimme die zu ihm sagte: "gehe hin und nimm dein Rad und begib
dich nach Würzburg..."
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| Donnerstag, 29. Mai 2003, Zürich bis Schmerikon (56 km)
Um sage und
schreibe 6:30 stehen Margrit und ich freiwillig (!) auf und rollen schon
eine Stunde später in Richtung Greifensee. Die Sonne schiebt sich
allmählich durch den Dunst und es verspricht ein heisser Tag zu werden:
pünktlich zu Reisebeginn scheint Petrus Überstunden zu unseren
Gunsten zu machen! Ich finde es immer interessant, direkt von der Haustür
aus loszufahren, sich vom Bekannten ins Unbekannte vorzuarbeiten.
Das Bekannte bzw. Alltägliche ist diesmal mein Arbeitsweg nach Stettbach,
dann unsere gewohnte Strecke am Greifensee entlang. Still liegt der See
im Morgenlicht, während schon etliche Jogger und Biker und Spaziergänger
ihre Bahnen ziehen. Nun die nicht so gewohnte aber uns immerhin noch reichlich
bekannte Strecke nach Rapperswil. In der Storchenkolonie am Lützelsee
sind die Störche eifrig mit der Aufzucht ihres Nachwuchses beschäftigt,
ich dagegen mit meinem Heuschnupfen bzw. einer Pollenallergie. Heute ist
es mit Dauerniessen und Schneuzen nicht getan, auch die Augen jucken und
beissen und sind nach meinem heftigen Reiben blutunterlaufen: Martin,
das Pollenmonster...
In Rapperswil ein Erdbeereis! Und dieses Mal fahren wir nicht wie üblich
mit Schiff oder S-Bahn zurück nach Zürich, sondern pedalieren
gemütlich den Obersee entlang (relativ unbekannte Gegend schon).
In Schmerikon, just am anderen Ende des Zürichsees, haben wir uns
im Strandhotel ein Zimmer vorreserviert. Wir sind schon am frühen
Nachmittag vor Ort und während sich Margrit sogleich in die Badeanstalt
begibt, steht mir der Sinn eher nach pollenfreier Zone und ich genehmige
mir aus diesem Grunde ein Nickerchen im kühlen Zimmer, das einen
wunderbaren Blick auf den Schilfgürtel und den dahinterliegenden
See bietet.
Später braut sich noch ein Gewitter zusammen und während um
uns ein Hagelsturm tobt, kommt weit im Westen die Sonne schon wieder zum
Vorschein und beleuchtet die Hügel am Horizont. Leider hängt
der Akku meiner kleinen Digitalkamera am Ladegerät, sodass ich dieses
beeindruckende Naturschauspiel nicht auf Platte bannen, bzw. "pixeln"
kann.
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| Freitag, 30. Mai 2003, Schmerikon bis Buchs (66 km)
Ich weiss nicht,
woher sich soviel Müdigkeit angesammelt hat, jedenfalls fallen mir
beim Abendessen fast die Augen zu und um neun Uhr liege ich schon im Bett.
Heute dann ein klarer blauer Morgen, nach dem Frühstück gleiten
wir die Linth-Ebene entlang - immer noch relativ bekanntes Gebiet - trinken
in Weesen einen Kaffee und fädeln uns in den Radweg ein, der südlich
des Walensees entlangführt. Und hier beginnen die weissen Flecken
auf der Landkarte...
Der Walensee ist ein fjordartig anmutender länglicher See, der im
Norden vom steil ins Wasser abfallenden Bergmassiv der Churfirsten begrenzt
wird. Im Süden sind die Ufer nur anfangs recht steil und der Radweg
führt teils auf Ballustraden neben der Autobahn oder den Bahngeleisen
entlang, teilweise hat man auch spezielle Tunnels extra für Radfahrer
geschaffen - eine irgendwie unheimliche Angelegenheit.
Kurz vor der Reise habe ich mein Velo zu meinem Händler in die Werkstatt
gebracht, um eine Inspektion und eventuell anfallende Wartungsarbeiten
ausführen zu lassen. Unter anderem wurden auch Kette und Zahnkranz
erneuert. Ich erzähle das deswegen, weil heute plötzlich mit
der Schaltung etwas nicht in Ordnung ist: zuerst arbeitet sie nicht mehr
exakt, dann rutscht mir die Kette ab und zu leer durch. Beim Nachschauen
stelle ich fest, dass ein Kettenglied etwas seitlich etwas auseinander
geschoben ist. Da ich für diese Fälle keinerlei Werkzeug dabei
habe - aber man lernt ja nie aus - belaste ich das Rad beim Treten so
wenig wie möglich und hoffe dass ich die nächste Werkstatt noch
heil erreiche. Aber nix da: nach etwa einem Kilometer oder so reisst mir
diese nagelneue (!) Kette und zerstört mir dabei auch noch das Schaltwerk,
das in die Speichen des Hinterrades gerät!! Oh Mann, da kommt Freude
auf, gerade zu Beginn einer Radreise!
Nachdem der erste Schock überwunden ist und die Vernunft die Oberhand
über die Wut auf die Werkstatt gewinnt, machen wir uns schiebenderweise
zum nächsten Bahnhof auf. In Walenstadt am anderen Ende des Sees
gibt es eine Fahrradwerkstatt und ich kann mich telefonisch für eine
Reparatur anmelden. Als sich dort der junge Mechaniker sogleich des Patienten
annimmt, atme ich erstmal beruhigt auf und setze mich mit Margrit ins
nächste Restaurant zu einem kleinen Mittagsimbiss. Eine Stunde später
ist das Velo wieder flott und mein Bankkonto um 200 CHF leichter...aber
mir fällt ein Stein vom Herzen dass ich die Reise überhaupt
fortsetzen kann....
In der schwülen Nachmittagshitze rollen wir aus der Stadt heraus
und radeln durch das schmale Seeztal Richtung Sargans. Die imposante Kulisse
der Churfirsten begleitet uns noch eine zeitlang und ein frischer Wind
meint es gut mit uns und schiebt von hinten. Das ändert sich jedoch
als wir bei Sargans ins Rheintal nach Norden einbiegen - jetzt hat er
auf einmal etwas gegen uns, der Luftstrom, der vermaledeite...
Auf einer kleinen asphaltierten Strasse direkt neben der Bahntrasse schrauben
wir uns nach Norden, linkerhand dräuen Gewitterwolken von den Bergesgipfeln,
das Fürstlich-Liechtenstein'sche Schloss grüsst herüber,
wir aber halten noch durch bis Buchs, wo wir im Hotel Bären einchecken.
Zwar gibt es hier nur Gemeinschaftsdusche und -WC auf dem Gang, aber wir
bekommen dafür das "Grüne Zimmer" und später
ein Lammkotelett im Restaurant.
Heute im Laufe des Tages hab ich festgestellt dass ich einfach kein alpiner
Mensch bin: Gebirgslandschaften - so grossartig sie auch anzuschauen sein
mögen - bedrücken mich und mein Herz krampft sich zusammen,
wenn ich bloss hindurchfahre. Bin halt doch ein Flachlandtiroler...
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| Samstag, 31. Mai 2003, Buchs bis Lindau (71 km)
Das Grüne
Zimmer hat sich stark mit der Tageshitze aufgeladen und es dauert lange
bis ich endlich Schlaf finde (und zum guten Glück NICHT von Fahrradpannen
träume...).
Auf der Weiterfahrt nach Norden begrüsst uns das Massiv des Hohen
Kastens. Die Sonne lacht vom Himmel, wieder ein klarer Morgen. Nachdem
wir für meine triefende Nase eine Familienpackung Papiertaschentücher
besorgt haben, sieht man uns am linken Talrand langsam gen Bodensee radeln,
der Wind schiebt heute wieder ein bisschen von hinten und abgesehen von
der Autobahn und den grossen Überlandleitungen durchmessen wir hier
eine sehr schöne Landschaft. Irgendwann werden die Berge flacher,
treten weiter auseinander, indes wir müssen mit dem Rheindamm vorlieb
nehmen. Da geht es zwar flach und flott voran, dafür aber recht langweilig
und ohne Abwechslung.
Wir kommen an Koblach vorbei, einem kleinen Kurort, in dem meine Eltern
ein paar Mal mit uns Kindern Urlaub machten - zusammen mit dem Duft frischgemähten
Grases werden allerhand Kindheitserinnerungen wach und ich lasse mich
ein bisschen mit dieser Stimmung treiben.
Schliesslich - Mittag ist noch kaum vorbei - sind wir in Hard am Bodensee
wo wir uns an einem Kiosk ver-imbissen. Hier ist natürlich die Hölle
los: verlängertes Wochenende, Traumwetter, für viele vielleicht
sogar Pfingstferien... auf dem weiteren Weg, besonders an dem schmalen
Teilstück zwischen Bregenz und Lindau, radeln wir Kolonne, wir kommen
uns fast vor wie in China...Gott und die Welt ist "mit dem Radl da".
So nähern wir uns Lindau etwas gestresst und genervt, müssen
erstmal eine Weile herumtelefonieren, bevor wir im Hotel Toskana Unterkunft
beziehen können. Später sitzen wir wie auf unserer ersten gemeinsamen
Veloreise in einem Restaurant am Hafen und beobachten essend die flanierenden
Passanten, schwelgen in unseren Erinnerungen und denken doch auch schon
wieder an's Abschiednehmen, denn morgen fährt Margrit zurück
nach Hause und ich werde eine Weile allein unterwegs sein.
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| Sonntag, 1. Juni 2003, Lindau bis Bad Waldsee (71 km)
Nachdem Frühstück
bringe ich Margrit zum Hafen, wo sie mit dem Schiff nach Rohrschach übersetzen
und von dort aus den Zug nach Zürich nehmen wird. Es macht schon
einen Unterschied ob ich von vorherein alleine von zuhause aus wegfahre
oder ob wir eine Weile lang miteinander gefahren sind und uns dann erst
trennen... jedenfalls sind wir beide zwei sentimentale alte Knochen und
ich brauche eine Weile bis ich nachher meinen eigenen Rhythmus finde.
Da kommt es mir zugute dass ich mich jetzt erstmal vom See-Niveau in die
Hügel des Hinterlandes hinaufarbeiten muss. Langsam pedaliere ich
durch sonntagmorgenstille Allgäuer Dörfer, immer mit der Alpenkette
im Rücken oder zu meiner Rechten und bin bald in Wangen, gönne
mir eine Pause und finde dann die Beschilderung des Donau-Bodensee-Radweges,
dem ich nun bis Ulm folgen werde. In beständigem Auf und Ab geht
es nun durch die Landschaft, ich teile mir die kleinen Strassen mit den
Motorradfahrern. Wie die wohl in ihrer Lederkluft schwitzen mögen,
wenn mir hier in meinem leichten Klamotten schon das Wasser runterläuft?
Nun gut, sie müssen nicht treten...
Die schönste Passage beginnt nach Wolfegg, wo der Radweg idyllisch
am Ufer der Wolfegger Ach entlangführt. Anschliessend gilt es noch
einige Steigungen zu erklimmen, bevor ich in Bad Waldsee im Hotel Grüner
Baum mein Zimmer beziehen kann. Es wird sich noch herausstellen, dass
"Grüner Baum" der absolute Renner unter den Hotel-Namen
ist! Kein "Hotel Adler" oder "Ratskeller" oder "Zum
Bahnhof" kommt da quantitativ heran!
Das Hotel liegt direkt in der Fussgängerzone, mein Zimmer zeigt auf
diese hinaus und unten im Erdgeschoss gibt's ein Restaurant. Sowas hat
immer Vor- und Nachteile! Es ist schön, so direkt vor der Haustür
essen zu können und dabei den anderen Touristen und Kurgästen
zusehen zu können. Es ist dagegen unschön, wenn zu nachtschlafener
Zeit ältere, weinseelige Ehepaare über ihre Zipperlein philosophieren,
sich dann auch noch die Kellnerin - die jetzt endlich mal Feierabend machen
soll - dazugesellt und diesen oder jenen Arzt für dieses oder jenes
Wehwehchen empfiehlt (weil's der Base ja auch geholfen hat). Und man kann
das Fenster nicht schliessen weil die Luft im Zimmer sonst zu stickig
wird...
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| Montag, 2. Juni 2003, Bad Waldsee bis Göggingen (75 km)
Doch beim Frühstück
ist wie immer alles vergessen. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole:
die Sonne lacht auch heute vom blauen Himmel
Ich drehe noch eine Ehrenrunde durch die Innenstadt weil ich den Weg nicht
gleich finde. Schliesslich trete ich die nächsten paar Kilometer
erstmal steil bergauf durch ein Wäldchen, komme an einem Tiergehege
mit Mufflons vorbei, finde mich jedoch bald zwischen hellgrünen Getreidefelder
wieder. Ich suche mir meinen Weg abseits der offiziell ausgeschilderten
Route, da ich nicht einsehe, warum ich mir so mir-nichts-dir-nichts etliche
Höhenmeter einhandeln soll und bleibe lieber auf einer Landstrasse,
die an diesem Montagmorgen gähnend leer ist. Auch die Dörfer
liegen verlassen in der gleissenden Vormittagssonne, kaum ein Bauer bestellt
seine Felder.
Heute begleitet mich den ganzen Tag ein orangefarbenen, kleiner Schmetterling
(zumindestens ist es immer dieselbe Art - ein Distelfalter). Ob er meine
roten Packtaschen wohl für überdimensionierte Mohnblumen hält,
ober mich in meinem blauen Trikot für eine monströse Kornblume?
Wer weiss...
Dankend nehme ich einige geschenkte Kilometer in Empfang und lasse mich
auf schnurgeraden Strässchen vom Wind - diesem wankelmütigen
Freund - entlangschieben, bevor ich kurz vor Ochsenhausen doch noch etwas
klettern muss, ehe ich ins Tal der Rottum hinabgleiten kann. In Ochsenhausen
gibt's eine Pizza in einem Schnellimbiss. Dann darf ich neben dem kleinen
Flüsschen Rottum herfahren, werde durch ein sanftwelliges Tal geführt
und bin bald in Laupheim, wo ich mich an einem Erdbeereis labe (Nein!
Ich bin NICHT süchtig nach Erbeereis!)
Von hier aus sind's nur mehr 28 km bis Ulm. Obwohl, wer kann das schon
mit Sicherheit sagen? Von Ochsenhausen bis Laupheim widersprechen sich
jedenfalls die Kilometerangaben auf den Schildern: mal bin ich schon 12
km an Laupheim heran und dann sind's plötzlich wieder 17, mal meine
ich mich schon auf 4 km genähert zu haben und dann sind's doch noch
7...
So, jetzt bin ich im Donautal und habe das Allgäu hinter mir gelassen.
Bei Erbach treffe ich auf den Fluss und als ich mir während der nächsten
Kilometer einen Plan mache, ob ich vor oder hinter oder in Ulm selber
übernachten will, sehe ich ein Hinweisschild eines Gasthofs mit Übernachtungsmöglichkeit.
Dieser ist zwar geschlossen, aber schräg gegenüber lädt
mich ein Hotel Garni auf's herzlichste ein...
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| Dienstag, 3. Juni 2003, Göggingen bis Itzelberg am See (75
km)
Früh bin
ich heute schon unterwegs: um 7:30 rollt mein Velo bereits auf dem Donauradweg
in Richtung Ulm und mir vergeht die Zeit ziemlich langsam, bis ich endlich
jenseits von Ulm alle Vororte und Umgehungsstrassen hinter mir gelassen
habe. Ich suche eine Abzweigung, eine kleine Strasse, die mich durch die
Hügel nördlich des Donaumooses geleitet und fahre ein Stück
auf einer Ausfallstrasse entlang. Hinter mir muss ein vollbesetzter Reisebus
sein Tempo mässigen und abbremsen, weil es mit Gegenverkehr zu schmal
ist um mich zu überholen. Als der Bus endlich vorbeifahren kann,
zeigt mir eine Bus-Reisende den Vogel - tja, sowas gibt's auch, man möchte's
nicht glauben...naja, über sowas schaue ich heute souverän hinweg,
schliesslich müssen die armen Menschen dort in ihrer Sardinenbüchse
wahrscheinlich mit stickiger Luft und schlechter Laune klarkommen, während
ich hier froh und wohlgemut durch die Gegend radeln darf.
Ich lasse die Donauebene hinter mir und kann das Lonetal für mein
Weiterkommen nutzen. Sanft mäandert die Lone durch ihr enges Tal
und ich folge ihren Windungen. Bei Hürben muss ich diese bequeme
Wegstrecke verlassen und hinüber ins Brenztal klettern. Von der Beschilderung
des Hohenlohe-Ostalb-Weges ist herzlich wenig zu sehen, anders als auf
dem Donau-Bodensee-Radweg geht hier ohne Landkarte gar nichts. Dafür
finde ich jedoch im Brenztal die noch fast jungfräuliche Beschilderung
einer "Brenz Tour" vor. Ich folge diesem Wasserlauf bis nach
Heidenheim an der Brenz, wo ich meinen Kohlehydrat-Speicher mit Spaghetti
auffülle. Drückend schwül und siedendheiss ist es, als
ich nach der Mittagspause erneut meine Bahnen ziehe.
Kurz vor Königsbronn, in Itzelberg, ist der Fluss zu einem kleine
See aufgestaut, daneben gibt es noch einen kleinen Landgasthof, der zufälligerweise
noch ein Einzelzimmer frei hat
Bald sieht man mich unter lauter
Kaffeefahrt-Rentnern auf der Terasse sitzen. Während ich so meine
kleinen Reiseerlebnisse ins Tagebuch eintrage, frage ich mich wie ich
wohl als Rentner sein werde: verhärmt und vom Leben enttäuscht
oder fit und aufgestellt? Ich...äh...ziehe Letzteres vor
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| Mittwoch, 4. Juni 2003, Itzelberg bis Crailsheim (65 km)
Heute morgen
erzählt mir die rührige Gastwirtin noch ihr halbes Leben (natürlich
nur ausschnittsweise, die Highlights sozusagen) wodurch ich erst um 8:30
los komme, einen Blick auf den morgenstillen See werfe, mich langsam der
Brenzquelle und damit der europäischen Wasserscheide nähere.
Alles was nun südlich von mir liegt fliesst ins schwarze Meer und
alles nördlich von mir Entspringende endet in der Nordsee. Sozusagen
übergangslos komme ich vom Brenz- ins Kochertal, das eine Wasser
floss nach Süden und dieses eben nun nach Norden, ein kleines Bächlein,
hier noch glasklar und lustig glucksend.
Leicht abwärts führt der Weg, sodass ich bis Aalen kaum die
Pedale bewegen brauche. Trotzdem gönne ich mir in der Aalener Fussgängerzone
eine Kaffeepause. Irgendwie sind verkehrsberuhigte Innenstädte bzw.
Fussgängerzonen schon etwas Geniales! Im Strassencafé sitzen
und Passanten beobachten, das hat was! Ich tu's jedenfalls gerne.
Gleich nach Aalen steige ich in den Kocher-Jagst-Radweg ein, sollte auch
demnächst am besten ins Jagst-Tal wechseln. So bringe ich wieder
mal den ein oder anderen Kilometer auf einer verkehrsreichen Ausfallstrasse
hinter mich, erreiche ein Städtchen namens Hürbingen, biege
dort ab bzw. ein, arbeite ein paar Höhenmeter ab, um mich schliesslich
im jenseitigen Tal an einem Stausee mit Naherholungseinrichtungen erstmal
gründlich in die Irre leiten zu lassen. Aber ich bin ja hier nicht
gänzlich in der Wildnis und finde deswegen auch bald wieder zurück
zu meiner Route.
Ellwangen. Unschlüssig, ob ich der historischen Altstadt einen Besuch
abstatten soll, werde ich der Entscheidung sowieso enthoben, weil der
Radweg durch die Flussauen an eben jener vorbeigeleitet wird. Nun denn
- immerhin - als ich nach einer Weile zurückblicke sehe ich ein imposantes
Bauwerk, irgendein Kloster "in Barock" oder so auf einer Anhöhe
thronen.
Auch die Jagst ist hier noch sehr klein, das Tal recht eng. So gibt's
eben nicht immer Platz für ein Strässlein im Talgrund und der
Weg führt des öfteren in die hügeligen Wälder. Als
die Landkarte einen steigungsreichen Umweg ankündigt um die autoreiche
Bundesstrasse zu vermeiden, bleibe ich auf dieser - vielleicht findet
sich in der nächsten Ortschaft, in Jagstzell, ein Restaurant. Sie
trügt nicht, die Hoffnung. Bald sitze ich in kühler Wirtsstube,
wo ich mich (leise vor mich hinschwitzend) an Wurstsalat inkl. Apfelschorle
labe.
Nach typischer Flussradweg-Manier geht's anschliessend weiter: asphaltierter
Wirtschaftsweg, Brücklein über den Fluss, Feldweg, Brücklein
über den Fluss, asphaltierter Wirtschaftsweg, Brücklein über
den Fluss... heute scheint mir der heisseste Tag der bisherigen Reise
zu sein und langsam hängt mir die Zunge heraus, die Wasserflasche
ist viel zu schnell leer und die Sehnsucht nach einem Eisbecher (müsste
ja nicht unbedingt Erdbeereis sein) wird riesig gross.
Erst 65 km zeigt der Tacho, als ich in der Crailsheimer Innenstadt im
Hotel Post Faber ein phänomenal gutes Frucht-Sorbet serviert bekomme
- und mich anschliessend gleich hier einquartiere. Die Einzelzimmer-Suite
die ich heute beziehe, hebt zwar meinen Schnitt gewaltig an, aber irgendwie
scheint sich eine Gesetzmässigkeit herauszukristallisieren: je nassgeschwitzter
der Martin, desto feudaler das Hotel...
Crailsheim ist mit einem Rundgang abgehandelt, der Abend gehört der
Restaurant-Terasse...
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| Donnerstag, 5. Juni 2003, Crailsheim bis Bad Mergentheim (80 km)
Der Wetterbericht
droht schon seit Tagen mit einer Kaltfront, die heute über Süddeutschland
hinweg ziehen soll: Orkanböen, heftige Gewitter, Hagel, etc... Ich
würde mich ja wirklich über eine Abkühlung freuen, aber
ich hab Bammel davor, auf freiem Felde in einen Gewittersturm zu geraten.
Deswegen nehme ich mir vor, die heutige Tagesetappe bis Bad Mergentheim
so bald wie möglich hinter mich zu bringen und sitze deswegen schon
um 7 Uhr im Frühstücksraum.
Heute ist mir eine abwechslungsreiche Fahrt entlang der Jagst vergönnt.
Ein paar Mal muss ich mich schweisstreibend vom Flussniveau auf die Hochebene
der Schwäbischen Alb hinaufarbeiten, aber meist kann ich gemütlich
auf kleinen Strassen dem Fluss folgen. Trotz der Steigungen komme ich
erstaunlich schnell voran und um 9:30 Uhr bin ich schon 40 km gefahren.
Die mittelalterlichen Silhouetten der Städte Kirchberg und Langenburg
- beide majestätisch hoch über dem Flusstal gelegen - tauchen
auf und ziehen vorüber.
Auwälder. Wiesen und Weiden. Fischteiche und stillgelegte Mühlen.
Krähen und Schwalben. Milane und Graureiher. Schmetterlinge. Unversehens
stehe ich einigen Straussen gegenüber, die in einem Gehege gehalten
werden. Auf was für Ideen man heutzutage kommt... gestern war irgendwann
eine Gruppe Llamas zu sehen. Das ist der Anblick von zwei neugeborenen
Pferdefohlen in seiner "Normalität" schon fast wieder exotisch...
Um 11:30 bin ich in Dörzbach. Von hier aus will/muss ich ins Taubertal
wechseln. Vor Jahren bin ich diese Strecke mit Margrit in umgekehrter
Richtung gefahren, ich weiss also was mich erwartet und bin auf die kilometerlange
schiefe Ebene hinauf nach Stuppach und von dort hinab ins Taubertal vorbereitet.
Aber nicht darauf, dass es heute noch heisser als gestern ist. Vielleicht
ist es aber nur die Verbindung von schattenloser Steigung und Mittagshitze...
Um 13:00 erreiche ich nach haargenau 80 km Bad Mergentheim und checke
im erstbesten Hotel ein. Nach der Siesta besuche ich nochmals das Deutschordens
Museum und hoffe auf das nun ersehnte Gewitter. Alle Wolken ziehen jedoch
vorbei und es bleibt schwül und stickig.
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| Freitag, 6. Juni 2003, Bad Mergentheim bis Marktheidenfeld (76
km)
Das Hotel hinterlässt
einen sonderbaren Eindruck, nicht nur deswegen, weil Wirt und Wirtin eher
von der schmierigen Sorte sind: nach dem Frühstück bleibe ich
im Aufzug stecken und erst nach minutenlangem Alarmklingeln kommt der
Wirt und gibt der Aufzugstür einen herben Fusstritt, worauf alles
wieder funktioniert... da mache ich mich besser vom Acker und gleite -
es ist 7:30 Uhr - ins "liebliche Taubertal" hinaus.
Dieses macht seinem Beinamen alle Ehre: die Tauber fliesst hier in einem
milden, breiten Tal, dementsprechend Platz bleibt natürlich für
allerlei Strässchen und Wege, sodass eine steigungsfreie und verkehrsberuhigte
Wegeführung möglich ist. Tauberbischofsheim lädt zu einer
Kaffeepause ein, es ist Markttag und der Marktplatz steht voller Verkaufsstände.
Allmählich nähere ich mich dem Spessart, das Tal wird wieder
enger, denn bewaldete Hügel engen den Fluss ein. Nach einigem Auf
und Ab nähere ich mich dem Städtchen Wertheim. Hier mündet
die Tauber in den Main und ich werde mich sogleich an dessen Gestaden
flussaufwärts fortbewegen. Aber zuerst brocke ich mir in der Wertheimer
Altstadt ein Süppchen ein und löffle es selber auch gleich wieder
aus - genauer gesagt ist es ein serbischer Bohneneintopf, frisch aus der
Mikrowelle...mmh.
Nun bin ich also am Main. Parallel zur Bundesstrasse geht es hier dahin.
Anfangs stört der Autolärm, nach einigen Kilometer gibt es aber
mehr Platz und einen Radweg in Flussnähe. Heute treffe ich auf viele
Tourenradler, nachdem ich seit dem Bodensee kaum mehr Radler mit Gepäck
gesehen habe.
Zwischen den Wäldern des Spessart sehe ich nun ab und zu mal einen
kleinen Weinberg, die Felsen bestehen aus rostrotem Sandstein. In Marktheidenfeld
stolpere ich fast über ein Hotel direkt am Fluss und nehme dort,
im Hotel Mainblick, Logis. Ich verlebe einen friedlichen Abend auf der
Restaurantterasse, warte bis die Sonne untergeht, lausche den Gesprächen
der Männergruppe am Nachbartisch, trinke wunderbar leichten Rotwein
aus der Gegend und fühle mich rundherum zufrieden und wohl.
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| Samstag, 7. Juni 2003, Marktheidenfeld bis Würzburg (86 km)
Das Bewusstsein
einer in sich stimmigen und schönen (und leider schon fast vollbrachten)
Reise lässt mich gut schlafen. Heute sitze ich aufgeräumt und
doch etwas melancholisch am Frühstückstisch, bevor ich weiter
durch die Morgenbläue den Main entlang radle, meinem nächsten
Ziel entgegen: Gemünden am Main. Dort trifft um die Mittagszeit meine
Radl-Freundin Christine aus Norddeutschland ein, die mich heute und morgen
begleiten wird.
Ich hab genügend Zeit und lasse mich langsam treiben. Weiterhin säumen
die Wälder des Spessart das Tal, allerdings bleibt genügend
Platz für Getreidefelder, die sich allmählich von hellgrün
zu gelb verfärben. Mohn- und Kornblumen blühen an den Feldrainen.
Mittags hole ich Christine vom Bahnhof ab und mehr ins Gespräch vertieft,
als auf die Landschaft achtend, rollen wir beide nach Würzburg, wo
es dann einige "Beweisfotos" an einer alten Brücke gibt.
Müde sitzen wir abends im Hotelrestaurant, keiner hat gross Lust
und Laune der Stadt einen Besuch abzustatten.
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| Sonntag, 8. Juni 2003, Rundfahrt Würzburg - Kissingen - Dettelsbach
- Würzburg (74 km)
Irgendwie ist
velo-mässig die Luft raus (damit meine ich jetzt nicht die Luft in
den Reifen). Gestern schien es mir noch eine gute Idee zu sein, den Main
weiter bis Schweinfurt hoch zu radeln und dann mit dem Zug nach Würzburg
zurück zu fahren, wo wir uns für zwei Nächte in einem Hotel
eingemietet haben. Aber heute merke ich nach einigen Kilometern dass ich
irgendwie mental mit der Reise als solches abgeschlossen habe.
Nichtsdestotrotz wird es eine schöne Tagestour werden. Inmitten vieler
Ausflügler radeln wir den Main entlang nach Kissingen, pausieren
in einem Biergarten. In Dettelbach wenden wir uns wieder nach Westen,
erreichen nach einigen Steigungen wieder den Main bei Randersacker. Nachmittags
ziehen wieder mal Gewitterwolken auf und gegen Abend scheint es nun wirklich
mal loszugehen, aber nichts passiert. So trockenes Wetter hatte ich wirklich
schon lange nicht mehr!!!
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| Montag, 9. Juni 2003, Rückfahrt nach Zürich
Nachdem Frühstück
verabschiedet mich Christine auf dem Würzburger Bahnhof. Da ich früh
am Bahnsteig bin, kann ich mein Rad als erster in den Zug nach Stuttgart
einladen. Lange bleibe ich nicht allein, denn bald füllt sich das
Fahrradabteil bis zum Bersten.
In Stuttgart habe ich eine Stunde Aufenthalt. Als der IC nach Zürich
(und weiter nach Milano) bereitgestellt wird, sehe ich zu meinem Erstaunen
kein Fahrradabteil (was aber laut Fahrplanauskunft vorhanden sein sollte).
Irgendwie schon wieder sauer auf die Informationspolitik der DB nehme
ich mein Rad einfach mit ins Abteil und nach kurzer Verhandlung mit einer
sehr netten und verständnisvollen Bahnbeamtin dürfen "wir"
mitfahren
Fazit: es gibt bestimmt kürzere und schneller Möglichkeiten
um von Zürich nach Würzburg zu gelangen... aber es waren 11
schöne Radl-Tage durch eine abwechslungsreiche Landschaft. Ich denke
ich werde mich langsam mehr in die Fahrrad-Technik einarbeiten, die "Qualität"
meiner Pannen nimmt allmählich zu...
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