Juni/July 2003 - Mit dem Automobil in die Bretagne!!

...denn wir können auch anders...
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Eingedenk meiner erst kürzlich glücklich überstandenen Veloreise und der Tatsache, dass unser Sommer mit meiner Ausstellung und Margrit's Asienreise sozusagen zerstückelt wird, gönnen wir uns mal einen etwas anderen, für uns ungewohnten Reisegenuss: wir mieten uns nämlich eine Ferienwohnung! Und zwar in der Bretagne! Und zwar genau da, wo wir letztes Jahr am Ende unserer Loire-Reise nicht mehr hingelangten, nämlich auf der westlichen Seite des Golfe du Morbihan! Und zwar in Carnac Plage! Und zwar direkt am Strand! Und die Anreise wird mit einem Leihauto bewerkstelligt! So ist es nämlich dem Autor dieser Zeilen vergönnt, seine Fahrpraxis als motorisierter Verkehrsteilnehmer wieder aufzufrischen und zudem können ausser den Velos auch noch ein paar grosse Bögen Aquarell-Papier, Farben und eine Gitarre mitreisen...

Ein nagelneuer, metallic-blauer Peugeot 306 Kombi! Wie lange hab ich nun schon kein modernes Automobil mehr gefahren? Muss ja eine Ewigkeit her sein... ist aber alles noch so wie früher, Lenkrad, Schaltung, Armaturen, alles ist noch am gewohnten Platz, auch tanken muss man immer noch! Und trotzdem dauert es einige Tage, bis ich mich wieder daran gewöhnt habe, selber hinterm Steuer zu sitzen. Dabei bin ich früher wirklich viel gefahren! Naja, ich bin es inzwischen halt schon gewöhnt, dass ich befördert werde...zumindestens von der Bahn.

Wir schaffen es, freitags schon vor dem Berufsverkehr loszufahren und sind am frühen Nachmittag in Orléans - dem spärlichen Verkehr auf der Autobahn sei Dank! Südlich von Blois finden wir eine Landresidenz, die uns als Übernachtungsmöglichkeit angebracht erscheint, es gibt einen Swimmingpool (an dem wir den Rest des Nachmittags verbringen) und eine Broschüre über "Silent Hotels and Castles in France" die uns (finanziell) noch zum Verhängnis werden wird...


Fürwahr eine angemessene Unterkunft!


Blick vom Garten unserer Wohnung

Carnac Plage, gar nicht mal soo hässlich!

Der Strand im Abendlicht.

Jawohl! Man muss auch mal sein Leben geniessen dürfen!

Ebbe im Golfe Du Morbihan

Am nächsten Tag erreichen wir nach ebenfalls unspektakulärer Autobahnfahrt unseren Bestimmungsort und nach Erledigung der wohl üblichen Formalitäten im Immobilienbüro beziehen wir unsere Wohnung direkt hinter den Dünen. Das Wetter ist immer noch ungewöhnlich warm und trocken, abends am Strand bleibt es hell bis etwa 23:00 Uhr und das Meer ist spiegelglatt.

Die Gegend um Carnac ist eine geschichtliche Fundstätte ersten Ranges, angefangen von den Menhiren, Dolmen und Tumuli jenes mystischen Volkes aus prähistorischer Zeit - von dessen Riten und Gepflogenheiten man kaum etwas herausfinden konnte und man nur Vermutungen anstellt - über die Besiedelungsreste der Kelten bis hin zu den Relikten der Römerzeit. Einer unserer ersten Ausflüge mit dem Velo gilt den Alignements nördlich von Carnac, einer mehrere Kilometer langen Ansammlung von Menhiren. Alles ist heute eingezäunt und geschützt. Ich kann mich noch gut an meinen letzten Besuch ca. 1987/88 erinnern, als man noch frei zwischen den Steinen umher spazieren konnte.


Die Alignements von Carnac...

...Relikte aus prähistorischer Zeit

wie man sich's wünscht:

türkisgrünes Wasser...

...tiefblauer Himmel und weiter Sandstrand...


...und natürlich ein Kloster mit Kuh!

(denn das gehört dazu)

Die Halbinsel Quiberon - ein paar Kilometer westlich - ist bekannt für seine zerklüfteten Westküste. Klippen, Sand, rundgeschliffene Steine, Brandung und Wind. Ein kleines Strässlein führt oben entlang und Parkbuchten erlauben immer wieder mal einen Blick auf die Szenerie. Die Surfer scheinen das hier als Schlaraffenland zu empfinden. Uns ist es zum ersten Mal seit relativ langer Zeit richtig kalt: ein Wettereinbruch hat den heissen Sommer vertrieben und auf der Rückseite der Kaltfront weht ein kräftiger Wind.

Dieser Wind wird uns nun ein ständiger Begleiter sein. Das Wetter bessert sich zwar zusehends, wir haben fast Badewetter, aber dieser Wind macht es uns fast unmöglich, mit dem dem Velo unterwegs zu sein. So wechseln wir einfach den fahrbaren Untersatz und gehen mit dem Auto auf Exkursion.

Auf dem Weg...


...zur Halbinsel Quiberon...


...deren Westküste...

...Côte Sauvage...

...genannt wird...

...hm..warum eigentlich?
 
Gavrinis, eine kleine Insel, im Golfe Du Morbihan gelegen und nur im Sommer und auch nur mit dem Boot zu erreichen. Auf dem kleinen Eiland befindet sich die am besten erhaltene prähistorische Grabstätte in der Bretagne: ein schmaler Gang der sich zu einer kleinen, runden Kammer erweitert, Wände und Decke aus massiven Granitplatten mit eingravierten Linien und Symbolen. Darüber wölbt sich ein riesiger Erdhügel.

Um auf die Insel zu kommen, fahren wir nach Larmor-Baden, an der Nordseite des Golfes gelegen. Auf der Hinfahrt bietet sich ein Besuch des Städtchens Auray an, dass mit einer gut erhaltenen mittelalterlichen Altstadt aufwarten kann. Natürlich wird das alles touristisch aufbereitet: ein historisches Segelboot ist fest im Hafen vertäut und ist zum Souvenirladen umfunktioniert worden, Crêperien und Galerien, Restaurants und Bar's weisen darauf hin, dass zumindestens im Sommer allerhand Besucher erwartet werden. In Larmor-Baden geht dann erstmal nichts mit der Überfahrt nach Gavrinis, alle Fahrten sind für den heutigen Tag ausgebucht, wir reservieren uns also zwei Plätze für den übernächsten Tag.

Schlimm ist das nicht, weil mir die Gegend hier ausnehmend gut gefällt und ich gerne ein zweites Mal herfahre. Auf der Rückfahrt nach Carnac besteigen wir noch kurz den mitten im Dorf gelegenen Tumulus St. Michel und bewundern die Aussicht über die gesamte Bucht. Und Abends finden wir uns in unserer Stammkneipe ein, dem "Baobab", von dessen Terasse aus wir das Treiben auf der Strasse beobachten.

Blick von der Insel Gavrinis...

...über den Golf

Auray wartet mit seiner Altstadt auf


Blick vom Tumulus St. Michel...


...auf Carnac

was für ein Wetter!
 
Zum verabredeten Zeitpunkt sind wir wieder in Larmor-Baden und setzen mit ca. 30 anderen Interessierten in einem kleinen Ausflugsboot auf Gavrinis über. Niemand anderes darf die Insel betreten und das Arreal wird hinter uns abgeschlossen. Auch hier - wie bei den Alignements in Carnac oder im prähistorischen Museum, dem wir später einen Besuch abstatten - versucht sich die Fremdenführerin in Interpretationsversuchen, traut sich Erklärungen der in Granit gemeisselten Symbole zu, will hier eine Muttergottheit, dort einen Pflug und drüben Ähren einer Getreideart erkennen. Plötzlich stelle ich fest, dass das für mich eigentlich gar keine Bedeutung hat. Mich würden eher die Einzelschicksale interessieren, welche Charaktereigenschaften hatten diese Menschen? Wie waren die Regeln ihres Zusammenlebens? Hatten sie dieselben sozialen Probleme wie wir oder waren sie freier?

Sonnwendfeier mit..

...traditionellen Tänzen...

...für jedermann

Ebbe...

Muschelsucher...

Port Navalo, der Endpunkt unserer letztjährigen Veloreise
 

Zur Sommersonnwende gibt es ein "Fest-Noz", ein Fest mit Live-Musik, Johannis-Feuer und Bewirtung. Auf einem grassbewachsenen Platz hat man gleich zwei Bühnen aufgebaut, einige Bierzelt-Tische, einen Würstchen-Grill und einen Bier-, Cidré und Wein-Ausschank. Keine Ahnung, ob das alles jetzt für uns Touris inszeniert wird oder nicht, jedenfalls findet sich allmählich jung und alt hier ein und noch bevor es dunkel wird, tanzen 3 oder 4 Generationen gleichzeitig zu bretonisch-keltischen Weisen, sich im Kreis an den Händen haltend. Auch uns hält es nicht auf den Stühlen und wir mischen uns mit unters Volk, auch wenn uns die Tanzschritte unbekannt sind. Später trennt sich dann ein bisschen die Spreu vom Weizen, als sich zwei junge Paare dazu gesellen, die wohl von einer Profi-Tanzgruppe kommen: der Volkstanz beginnt allmählich "sophisticated" zu werden und es schaut bald nach Michael Flatley oder Riverdance aus. Schön anzusehen! Die Stimmung ist gut und der Wein ist preiswert und ich hab schon lange keinen so ungezwungenen und ausgelassenen Abend mehr erlebt.

An einem wolkenverhangenem Tag fahren wir nach Locmariaquer, dem kleinen Ort direkt gegenüber von Port Navalo, dem Endpunkt unserer letztjährigen Veloreise. Wir erinnern uns nochmal an den grossen Frust, als wir letztes Jahr keine Fähre mehr fanden, die uns samt Velos übergesetzt hätte. Jetzt hat sich natürlich alles relativiert und wir geniessen den Blick auf die kleine Stadt auf der anderen Seite und auf die von der Ebbe freigelegten Muschelbänke, auf der sich eifrige Muschelsucher ihr Abendessen zusammensuchen.


Ausflug...

...bei stürmischen Wetter...


...nach St. Cado


...wo der Golf...


...in der Sonne glitzert...


...und die Boote friedlich vor sich hindümpeln
 
Wieder ein windiger, fast schon stürmischer Tag. Wir beschliessen, mal ein paar Kilometer Richtung Westen zu fahren und die Gegend dort zu besichtigen. In Hennebont gibt's einen Kaffee und in Port Louis ein Döner, und auf der Rückfahrt machen wir einen Abstecher nach St. Cado, einem kleinen Dorf auf einer Insel mitten im Ria d'Etel, einer Mischung aus Flussdelta und Lagune.

Endlich, schon fast am Schluss unserer Reise, kommen die Velo's doch noch mal zum Einsatz: südlich von Vannes erkunden wir die verzweigten Arme des Golfe Du Morbihan, kommen an kleinen Fischerdörfchen vorbei, sehen die Villen der etwas Privilegierteren, ein Junge fischt in den Tümpeln, die die Ebbe zurückgelassen hat, nach Krabben (und hat schon mehrere grosse Exemplare erwischt), Segelboote dümpeln friedlich vor sich hin und wir können es gar nicht glauben, dass diese Reise schon fast zu Ende ist...

Der Gezeitenstrom ist...

...in der gesamten Lagune spürbar

kurz vor Vannes

schon auf der Rückfahrt im Loiretal

wieder eine...

...angenehme Bleibe...
 

Um auf der Rückfahrt nicht wieder auf der Autobahn fahren zu müssen und etwas von der Landschaft zu sehen, gönnen wir uns drei komplette Tage für die Heimreise. Wir rollen durch's Loiretal und schwelgen in der Erinnerung an unsere Veloreise. Kaum zu glauben, dass wir das alles mit dem Fahrrad "gemacht" haben: Vannes, Angers, Saumur, Azay le Rideau und Rigny-Ussé...

Bei Chenonceaux gibt's ein Hotel, dass in einem alten Herrenhaus untergebracht wurde (die vermaledeite Broschüre...) und im Speisezimmer bekommen wir einen Tisch mit Blick auf die Parkanlagen. Am nächsten Tag wird uns schwermütig zumute, als wir an Nevers vorbeifahren, Endpunkt der einen, Startpunkt einer anderen Reise.

Wir essen Mittag in einem kleinen Dorf im Burgund, wo sich ein vermeintlicher Schnellimbiss als herrlich nostalgischer dörflicher Tanzsaal entpuppt. Und noch einmal machen wir Gebrauch von unserem Hotelverzeichnis: diesmal landen wir in einer umgebauten Mühle ganz weit hinten in einem engen Juratal...

Mit hungrigem Magen finden wir uns pünktlich um 19:00 im Restaurant ein und werden vom Personal gebührend als erste Gäste dieses Abends begrüsst: aufgereiht wie Bohnenstangen stehen die Chefin, die Kellner und die Serviertöchter Spalier, als ob sie uns ein Ständchen singen möchten...mit einem feudalen Mahl beenden wir diese schöne Reise. Fast, denn am nächsten Tag gilt es noch die restlichen Kilometer über Pontarlier, Neuchatel, Biel, Solothurn bis nach Zürich zu fahren, auszupacken und das Auto zurück zu bringen...hm..wie frei man sich doch als autoloser Mensch fühlt...


irgendwo im Burgund...

...leider weiss ich den Namen des Städtchens nicht mehr

In einem kleinen, engen Juratal...

...mit Kalkfelsen...

...findet sich...

...eine Grotte mit einem kleinen Wasserfall
 
 
 
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