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| August 2002 - das Loiretal bis zum Atlantik
Über den Fluss und in die Wälder...
Stimmt, der Untertitel ist von Hemingway ausgeborgt. Zwar haben wir keines seiner Bücher dabei gehabt, aber das posthum veröffentlichte "Inseln im Strom" wäre eine passende Reiselektüre gewesen. Jedenfalls liegt es wieder zuhause auf dem Stapel der zu lesenden Bücher… Endlich Urlaub! In diesem Jahr werden wir unsere Etappenreise von Oberviechtach zum "grossen Meer" fortsetzen und in Nevers, unserem Endpunkt vom letzten Jahr, erneut beginnen. Was hat sich seit vorigem Jahr verändert? Wir sind mehr denn je an dem Punkt wo wir eine relaxtere Herangehensweise und moderate Etappen pflegen wollen, ausserdem haben wir beide neue Räder: zwei vollgefederte Räder der Firma Riese und Müller. Meines, ein Delite Black, hatte ja schon Feuertaufe während meiner Mai-Reise, für Margrit's Delite Blue wird's die erste Reise sein. |
| Samstag, 24.8. Zürich - Nevers
Um 11:34 fährt
unser Zug nach Genf… Ungeduldig und viel zu früh sind wir schon fertig
an diesem nebligen Morgen, geistern durch die Wohnung und versuchen uns
mit Alibi-Beschäftigungen die Zeit zu vertreiben, packen aber dann doch
schon unsere Räder und rollen betont langsam hinunter zum Bahnhof, sitzen
nervös und aufgeregt unsere Zeit im Bahnhofscafé ab…warten, warten, warten… Umsteigen in Genf, Fahrt das Rhonetal entlang und anschliessend durch eine Schlucht mit Jurafelsen, die wie Zähne aus dem Mischwald hervorragen. Das wäre eigentlich eine interessante Gegend um sie mal mit dem Velo zu erkunden! Die Velomitnahme im Zug klappt hervorragend, beim Umsteigen in St. Germain-des-Fosses dürfen wir sogar mit Hilfe des hilfsbereiten Bahnbeamten die Gleise verbotenerweise und gänzlich ebenerdig überqueren, müssen die Räder nicht treppauf-treppab auf den anderen Bahnsteig schleppen. Dieser Bahnbeamte gibt auch dem Zugchef im nächsten Zug Bescheid, dass wir unsere Räder in den Gepäckwagen laden wollen und dass dieser zu öffnen sei - wir sind schier sprachlos ob soviel Entgegenkommen, es ist auch der erste Franzose der von sich aus - also freiwillig - versucht, sich mit uns auf Englisch zu unterhalten, hat man sowas schon gesehen? Nun, um 21:00
sind wir in Nevers und erleben den Bahnhof genauso wie wir ihn im vorigen
Jahr verlassen haben, nämlich in finsterer Nacht! |
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| Sonntag, 25.8. - Nevers bis Cosne-sur-Loire, 75 km
Als ich um
acht Uhr aus dem Hotelfenster schaue, liegt Hochnebel über der Stadt und
dem Flusstal. Nachdem wir gefrühstückt, bezahlt, gepackt und die neugierigen
Fragen des Hoteliers (der ebenfalls sehr freundlich ist) nach der Vollfederung
unserer Räder beantwortet haben, rollen wir hinunter zur Loire. Heute sind wir endlich wieder hier und dürfen dem Fluss folgen, die Vororte Nevers' hinter uns lassen und in die typisch-französische Bocagelandschaft eintauchen: Wiesen, Hecken, Büsche, Wäldchen, Vieh auf den Weiden und immer wieder der Blick auf die Loire mit ihren Sandbänken. Es ist immer noch recht trübe und ab und zu spüren wir den ein oder anderen Regentropfen, es ist aber zu wenig um es als Nieseln zu bezeichnen (in einer Bar bezeichnet es die Wirtin als "Spatzenpisse"…) und die Temperaturen halten sich in Grenzen. Auf der negativen Seite gibt es heute einen totgefahrenen Fuchs zu verzeichnen, eine Bisamratte und einen Igel, die beide derselbe Tod ereilte, meine Knie sagen "Hallo, hier sind wir wieder!" und meine Handgelenke schmerzen nach ein paar Kilometern, das wird die ganze Reise über auszuhalten sein. Positiv ist unsere Stimmung (obwohl diese natürlich im Laufe des Tages diversen Höhen und Tiefen unterworfen ist), zwei Fischadler die über dem Fluss rütteln, die vielen Schwalben die sich auf den Stromleitungen für ihre eigene grosse Reise sammeln und dass wir endlich wieder unterwegs sind! Die Landschaft
ist hier nicht immer schön zu nennen, man kann es ruhig sagen, zeitweise
geht es wieder wie voriges Jahr auf kerzengeraden Strassen den Seitenkanal
der Loire entlang, dann wieder durch eine intensiv landwirtschaftlich
genutzte Gegend mit kilometerweiten, schon abgeernteten Feldern oder aber
riesigen Sonnenblumenfeldern, wobei diese leider schon verblüht sind und
ihre Köpfe hängen lassen. Interessanter wird's kurz vor Sancerre als sich
unser Strässlein wieder in sanftem, kurvenreichen Auf und Ab durch eine
Weidelandschaft schlängelt. Der Ort Sancerre thront weithin sichtbar auf
einer Anhöhe. Hier sieht man fast in jedem Städtchen, entweder am Ortsaus- oder eingang, diverse hochherrschaftliche Villen oder kleine Chateaus inmitten grosser Parkanlagen stehen. Eins hat es mir besonders angetan: ein zweistöckiges, etwas heruntergekommenes Herrenhaus mit weiss gekiester Einfahrt, prunkvoller Freitreppe und zwei alten, aber schon wirklich sehr alten und hohen Sequoias vor dem Haus. Da müsste man wohnen - und auch noch das Personal haben das die Bude und den Garten in Ordnung hält… Um halb vier nähern wir uns Cosne-sur-Loire, der Tacho zeigt um die 75 km und unser Energiepegel gen Null, wir checken auf dem Campingplatz ein und können auf eine gelungene erste Etappe zurückblicken! Ach ja: am Nachmittag kommt die Sonne immer wieder mal durch und ich merke dass ich mich erst an dieses feuchtwarme Klima hier gewöhnen muss. Abends sitzen wir auf der Terasse der Campingplatz-Bar und werden von einem Alleinunterhalter ziemlich deplaziert mit Jazz-Standards beschallt. Nun ja… |
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| Montag, 26.8. - Cosne-sur-Loire bis Gien, 46 km
Irgendwann nachts höre ich Regentropfen auf das Zeltdach prasseln. "Wunderbar", denke ich mir, "sowas hör ich immer gerne" und gebe mich noch der Illusion hin dass ich mich gerade in einem etwas merkwürdigen Traum befinde. Aber, man ahnt es schon, der morgendliche Blick aus dem Zelt fällt auf eine nass-trübe Welt. Und da nutzt es auch nichts wenn der Wetterbericht - hier heisst's ja Meteo - tendenziell trockene Witterung voraussagte, der oder die oder das Verantwortliche war wohl anderer Meinung… Das Zelt bei strömenden Regen nass verpacken ist ja nichts Neues, man kennt das ja, die Stimmung die man dabei hat auch. Wir rollen bei Platzregen durch die Campingplatz-Schranke, fädeln uns in den Verkehr ein und queren die Loire nochmals um im Städtchen Proviant aufzutreiben. Eigenartig, alles findet man hier nur kein Lebensmittelgeschäft! Ein Bäcker hat dann ein paar Sandwiches und Orangensaft für uns - immerhin. Mittlerweile und ganz grundsätzlich stellt sich die Frage wie weit wir heute angesichts des heftigen Niederschlags kommen werden. Einfach mal losfahren, heisst die Devise. Wenn man sich mal auf die äusseren Umstände eingestellt hat dann läuft es auch bei diesem Wetter so einigermassen. Wir fahren heute zwar auf einer kleineren Departementstrasse, sind jedoch mit relativ viel Autoverkehr konfrontiert. Der rauhe, nasse Strassenbelag lässt die vorbeizischenden Fahrzeuge lauter und bedrohlicher wirken als sie es in Wirklichkeit sind. Nach einiger Zeit lässt der Regen etwas nach und als wir in Briare die Kanalbrücke besichtigen - der Loire-Seitenkanal wird hier über den eigentlichen Fluss geführt - hört er sogar ganz auf. Gustave Eiffel hat hier ein wunderbar schmiedeeisernes Meisterwerk geschaffen und deswegen muss die Kamera raus aus der trockenen Packtasche. Ein zum Touristenboot umgebauter Frachtkahn wird gerade durch die Eingangspassage der Brücke gesteuert. Der Kapitän erfährt dabei durch ein lautes "Plong" dass er wohl die Durchfahrt nicht genau getroffen hat… Grinsend schauen wir dass wir weiterkommen, bevor uns nach zehn Kilometern das Panorama der Stadt Gien mit der steinernen Loirebrücke den Atem nimmt. Als wir über diese Brücke fahren sind wir auf einmal mit starkem Verkehr konfrontiert - aha, durch dieses Nadelöhr geht also die Route Nationale - was wir sofort mit einer Kaffeepause quittieren. Irgendwie reichts eigentlich für heute, nass sind wir von innen und aussen und das Hotel du Rivage lockt mit seinem Gründerzeit-Charme. Wer kann da widerstehen? Die Siesta am Nachmittag tut gut, beim Erkunden des Städtchens lugt sogar die Sonne durch die Wolken, während die durchfeuchteten Kleidungsstücke im Zimmer trocknen dürfen, die Suche nach einem Lebensmittelgeschäft bleibt ergebnislos. Am Abend wird feudal gespeist in einem Restaurant mit zwei rotierenden Kellnern und einer Schwingtür zwischen Gastraum und Küche, was mich amüsanterweise an die Mittagsszene in "Die Ferien des Monsieur Hulot" erinnert: Jacques Tati, Gott habe ihn selig... |
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| Dienstag, 27.8. - Gien bis Jargeau, 60 km
Am Morgen, man möcht's nicht glauben, regnet's schon wieder Bindfäden! Ich bin mir nicht sicher ob ich die tiefhängenden Wolken als eine Art Nebel deuten darf oder als Regenwolken akzeptieren muss und frage die Dame an der Rezeption nach der Meteo: es soll bis mindestens morgen regnen, bedeutet sie mir. Selber schuld, was frag ich auch so blöd. Im Frühstückssaal werden wir mit Bebop beschallt, hektisch und nervenaufreibend, auch nicht gerade jedermann's Sache so früh am Morgen und bei diesem Wetter. Jedenfalls geht's auch heute wieder hinaus in den Regen, über den Fluss und in die Wälder. Richtung Sully müssen wir wieder mit der vielbefahrenen Departementstrasse vorlieb nehmen, mit der wir auch gestern schon Bekanntschaft schlossen, aber nach etwa zehn Kilometer können wir auf einen asphaltierten Dammweg abbiegen. Welch ungewohnte Ruhe! Ruhig und beschaulich ist dieser Abschnitt, der Platz- wird zum Sprühregen, wir sind heute trockener als gestern. In Sully dann unser erstes "richtiges" und hoch-offizielles Loireschloss! Ab hier spricht man vom eigentlichen, klassischen Loiretal. Von einem Wassergraben umgeben steht es da im Regen, das Schloss, und will partout nicht auf's Bild! Andere Touristen finden wohl den richtigen Bildausschnitt oder die richtige Position, jedenfalls gucken sie nach dem Knipsen ganz zufrieden, mir will das nicht so recht gelingen. Also dann eben kein Bild vom Chateau in Sully! Ich kann es ja hier schon mal vorweg nehmen: chateau-mässig sind wir später dann keinesfalls zu kurz gekommen, im Gegenteil! So rollen wir denn für eine Kaffeepause in die Stadt. Auch hier wälzt sich Schwerverkehr durch Altstadtgassen. Wir fahren nicht wegen dem Stadtbild im Kreis um den Altstadtkern sondern weil wir immer noch auf der Suche nach einem Supermarkt, einem Tante-Emma-Laden oder meinetwegen irgendeinem Dealer sind, der uns Käse, Wurst, Schokolade verkaufen will. Die Trottoirs sind hier sehr hoch, schlechte Zeiten für Rollstuhlfahrer, auch für Radreisende nicht einfach…Was wir finden sind belegte Brötchen beim Bäcker. Raus aus der Stadt, rüber über den Fluss, Stossverkehr. Drüben nach dem Kreisverkehr auf einer kleinen, vielbefahrenen Strasse mit grobem Belag und einem Buckel in der Strassenmitte weiter. LKW's rauschen Affenzahn vorüber, wo die nur den Mumm hernehmen, hier auf der engen Strasse so zu rasen? Auf einmal
passiert's: mein Vorderrad bricht aus, ich steure automatisch dagegen,
das Hinterrad schmiert weg, ich dreh mich um meine eigene Achse, kann
mich wunderbarerweise noch halten und eh ich noch realisiere was hier
eigentlich geschieht, höre ich Margrit hinter mir schon auf den Boden
krachen… Weiter müssen wir die Räder gut einen Kilometer schieben, die Ölspur will und will nicht enden. Dann können wir auf einen Dammweg abbiegen, weg von dieser Strasse. Wir müssen uns erstmal hinsetzen und das soeben Erlebte verdauen. Auch die Silberreiher weiter draussen auf einer Sandbank können die momentane Stimmung nicht aufbessern. Aber was soll's, wir müssen weiter. Auf ruhigen Wegen radeln wir betont vorsichtig und aufmerksam nach St. Benoit, gönnen uns die Besichtigung der dortigen Abtei. Während wir beschliessen noch bis Jargeau weiterzufahren wird uns erst bewusst dass es schon seit geraumer Zeit zu regnen aufgehört hat. Die folgende Fahrt ist schön, Wirtschaftswege, kaum Verkehr. Als wir zwölf Kilometer vor Jargeau wiederum die Flusseite wechseln regnet's wieder. Schon auf der Zielgeraden, noch höchstens drei Kilometer von Jargeau entfernt, fahre ich hinten einen Platten und mir bleibt nichts anderes übrig als hier im Regen den Schlauch zu wechseln - heute ist scheinbar nicht unser Tag! Aber in der Stadt finden wir sofort ein Zimmer im Hotel Cheval Blanc. Bald ist das Hotelzimmer mit unseren nassen Kleidern und dem ohnehin überfälligen und immer noch nassen Zelt dekoriert. Beim Abendessen diskutieren wir auf's Neue die Helmfrage, später im Zimmer mache ich dann noch die Erfahrung, dass sich ein Fahrradschlauch auch nach dem Genuss von einigen Gläsern Sauvignon Blanc noch ganz gut flicken lässt - es ist irgendwie lustiger… |
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| Mittwoch, 28.8. - Jargeau bis Crouy-sur-Cosson, 65 km
Was zeigt uns der morgendliche Blick aus dem Fenster? Pfützen! Autos mit eingeschalteten Scheibenwischern! Missmutig schauen wir uns an, verstauen unsere Ausrüstung in die Packtaschen, trübes Regenwetter schlägt halt irgendwann dann doch auf die Stimmung. Nach dem Frühstück ist es aber trocken und ich möchte fast meinen, dass die Bewölkung eher nach Nebel als nach Regenwolken aussieht, irgendwie ist die Struktur anders…Im Augenblick jedenfalls bleiben Regenhose, Handschuhe und Gamaschen in der Packtasche! Wir benutzen den Wirtschaftsweg auf der Dammkrone, es ist sehr ruhig, keine Autoverkehr plagt uns, immer wieder sind uns Ausblicke auf die Loire vergönnt. Einmal eine Anzahl schnatternder Wildgänse auf einer Sandbank, dann wieder eine Schar Rebhühner, die durch unser leises Rollen aufgeschreckt werden. Es bleibt trocken und ist warm und etwas windig und wir sind wieder guter Dinge. Nach der bisherigen Erfahrung mit dem Strassenverkehr und vor allen Dingen weil uns der gestrigen Sturz noch in den Knochen steckt, wollen wir auf die grossen Städte verzichten - Orleans, Tours, Nantes, Angers, wir werden sie umfahren, vielleicht später mal auf einer anderen Reise besichtigen. Heute jedenfalls fahren wir südlich an Orleans vorbei (Jeanne d'Arc, tut uns leid, das nächste Mal…), pirschen uns auf direkten Wege an das Chateau Chambord heran. Das funktioniert ganz gut, zwar finden wir zweimal an Kreuzungen nicht auf Anhieb den richtigen Weg, indes wir komme ziemlich gut durch. Ein kleines, gewundendes Strässlein geleitet uns nach Ardon, das wir erst erreichen nachdem wir uns am Strassenrand Spaghetti gekocht haben. Das Wetter wird freundlicher, sogar die Sonne traut sich heute schon durch die Wolken! Radlerherz, was brauchst Du mehr zu Deinem Glück? Es folgen sechs Kilometer auf kerzengerader, aber ruhiger Landstrasse bevor bei Jouy-le-Potier die schönste Passage des Tages beginnt: etwas zehn Kilometer kleiner Asphaltweg durch einen verwunschenen Mischwald. Mit Moos-, Farn- und Grasböden, Eichen, Buchen, Birken, Kiefern und anderen Laub- und Nadelhölzern. Die Sonne kommt durch und das Spiel von Licht und Schatten tut ein Übriges um diesen Abschnitt zu einem zauberhaften Erlebnis zu machen. Bei Ligny-le-Ribault gibt's einen Kaffee am Dorfplatz, dann begleitet uns auf der Strecke nach La Ferté-St.-Cyr ein Rennradfahrer, fährt langsam in zweiter Reihe neben uns her, um mit uns, resp. mit Margit zu plaudern - zuhause tun das die Rennradler irgendwie nicht so gerne… Der Campingplatz in Crouy-sur-Cosson liegt direkt auf unserer Einflugschneise. Unser Zelt darf heute wieder zum Einsatz kommen, eine grosse Eiche breitet schützen ihre Arme darüber aus, ich finde im Dorfladen sogar zwischen verschimmelndem Gemüse noch etwas Essbares um uns abends was Feines kochen zu können. Ein Radler der zwei Monate in der Bretagne unterwegs war zeltet neben uns, sowas gibt immer Gelegenheit zu einem Erfahrungsaustausch. Das Wetter soll besser werden! |
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| Donnerstag, 29.8. - Crouy-sur-Cosson bis Cour Cheverny, 34 km
Wir sind uns nicht ganz schlüssig ob wir heute einen Ruhetag einlegen oder weiterfahren wollen. Erstmal am Morgen ruhig angehen lassen, weit werden wir heute nicht fahren. Wir rollen langsam auf Chambord zu, passieren die Eingangspforte zum riesigen eingefriedeten Waldgebiet, das zum Schloss gehört. Schnurgerade ist die Strasse angelegt, der wir noch rund zehn Kilometer folgen, bis das turm- und erkerreiche Bauwerk vor uns auftaucht. Während Margrit das Schloss von innen besichtigt, gönne ich mir einen Kaffee und zeichne ein bisschen. Zuerst will ich mich über den Touristenrummel hier aufregen - Schnell-Imbiss, Souvenierläden, Reisegruppen wie auf Neuschwanstein - da fällt mir ein dass so ein Chateau natürlich auch unterhalten und immer wieder mal renoviert werden will…naja, und schliesslich sind wir ja auch Touristen. Sogar welche, denen man neugierig und wie's mir scheinen will mit Unverständnis (oder es ist Neid? Im Nachhinein denke ich es kann nur Neid sein…) hinterher glotzt. Irgendwie läuft's heute nicht so wie's soll, obwohl es trocken und mild ist als wir wieder unsere zehn Kilometer bis zum Ausgang fahren. Wir beschliessen, noch bis Cour-Cheverny zu fahren und morgen zu pausieren - schliesslich wollen wir diese Reise ja relaxter angehen lassen. In Cour-Cheverny gibt's dann einen idyllischen, kleinen Camping municipal direkt im Dorf, mit trockenem Rasen und grossen Kastanienbäumen. Die Schwalben fliegen heute schon wieder recht hoch - ein gutes Zeichen. Als es dämmert werden sie von den Fledermäusen abgelöst: hoch oben patrouilliert eine ziemlich grosse Art, bei uns in Bodennähe sind zwei kleine unterwegs. Später am Abend erfinden wir dann noch den Weinfilter aus Papiertaschentuch (vorzugsweise dann anzuwenden wenn man ungeschickterweise beim Öffnen der Weinflasche den Korken zerbröselt und ins Flascheninnere bugsiert…) |
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| Freitag, 30.8. - Cour Cheverny
Heute wird
sich ausgeruht damit sich unsere Batterien wieder aufladen können! |
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| Samstag, 31.8 - Cour Cheverny bis Veigne, 78 km
Lange sind wir gestern noch vor dem Zelt gelegen, haben den Fledermäusen zugeschaut bis die Sterne erschienen sind, heute morgen weckt uns das erste Mal die Sonne, natürlich wölbt sich dabei ein blauer Himmel über uns. Wunderbares
Radfahren in den ersten Vormittagsstunden, im leichten Auf und ab durch
ein welliges Ackerland. Kleine Wirtschaftswege und Landsträsslein, gottverlassene
Bauerndörfer ohne Einkaufsmöglichkeit, nebenan mondän wirkende Eigenheime
mit riesigen Vorgärten. Es ist ein angenehme Fahrt bis wir das geschäftige
Tal des Flusses Cher erreichen. Nun gilt es auf einer mässig befahrenen
Strasse vorwärts zu kommen, den hektischen Ort Montrichard zu durchqueren,
weiter auf der Landstrasse entlang zu fahren - mittlerweile mit einer
wachsenden Anzahl von Reisebussen konfrontiert - bis wir die Einfahrt
zum Chateau Chenonceaux hinunterrollen, von den Parkwächtern die Erlaubnis
bekommen, unser Velos (ausnahmsweise) direkt im Schlosspark abzustellen.
Einer der jungen Ordnungshüter lässt es sich nicht nehmen, mein Velo selber
zu schieben. Was der sich wohl denkt? Ob er wohl selber gern so eine Reise
unternehmen möchte? Oder gefällt ihm nur mein Rad? Dann wird das Schloss besichtigt, irgendwie durch seine Assymetrie mein Favorit unter all den Chateaus. Wir lassen uns mit den anderen Touristen durch die Salons und Säle treiben, bewundern die exakt angelegten Blumenbeete im Park und verschmähen weder den im Self-Service-Restaurant angebotenen Kaffee noch die am Kiosk gekauften Sandwiches. Aber als wir
wieder unterwegs sind, erneut über den Fluss gesetzt haben, quer durch
eine einsame Gegend radeln, ist das beeindruckende Bauwerk nur mehr einen
flüchtigen Gedanken wert… Was irgendwie mehr zählt ist die körperliche
Erfahrung des Windes, der langen, aber leichten Steigungen bis wir auf
dem Hochplateau zwischen den Flüssen Cher und Indré sind, die Weite der
Landschaft, die Müdigkeit in den Beinen, die Freude angesichts der violetten
Disteln am Wegesrand oder die rüttelnden Falken über den Stoppelfeldern.
In einem Dorf eine Strassensperre - ein Radrennen und gleichzeitig ein
Flohmarkt. Die beiden Ordnungshüter, notdürftig mit Kelle und reflektierendem
Band ausgerüstet, werden von der Bar nebenan mit Pastis versorgt. Der
Atem der uns aus einem zahnlosen Mund entgegenbläst (wir verhandeln wegen
der Durchfahrt) ist jedenfalls alkoholhaltig, wahrscheinlich sogar leicht
entflammbar… Nun, man ist uns wohlgesonnen, schliesslich sind wir ja auch
irgendwie "Sports(wo)man", wir dürfen passieren! In Veigne gibt es einen krönenden Abschluss dieses vielfältigen Reisetages in Form eines geöffneten Lebensmittelladens und einem Campingplatz direkt am Flussufer, wo Margrit noch von einem Eisvogel begrüsst wird! |
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| Sonntag, 1.9. - Veigne bis Savigny-en-Véron, 60 km
Auch heute begrüsst uns ein azurblauer Himmel. Ein frischer Nordost-Wind treibt uns das Indrétal hinab. Am Ufer Bootsstege, Trauerweiden, Mühlen, private Badeplätze. Dann das Schloss Azay-le-Rideau. Die Besichtigungspause lohnt sich, denn jedes Chateau hier hat einen eigenen Charakter. Dieses hier gleicht in seiner Ebenmässigkeit einem Juwel. Das dazugehörige Dorf ist zwar hoch-touristisch, bietet aber wegen seiner Häuser aus weiss-gelben Tuffstein mit blau-grauen Schiederdächern und ziegelroten Schornsteinen einen visuellen Augenschmaus! Bei Bréhémont
stossen wir wieder auf die Loire. Der Wind blässt uns die auf der Dammkrone
verlaufende Strasse entlang bis zum nächsten Schloss: Rigny-Ussé. Der Campingplatz in Savigny ist menschenleer, auch eine sonderbare Erfahrung. Gestern gab's lärmende Kids bis spät in die Nacht, heute bleibt uns nur der Ruf der Eulen… |
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| Montag, 2.9. - Savigny-en-Véron bis Les Ponts-de-Cé, 75 km
Heute funktioniert der Campingkocher nicht - wahrscheinlich liegt's am feuchten Piezozünder, der wir haben gestern Abend versäumt den Kocher zu verstauen, damit ihm der Tau nichts anhaben kann. Nun, dann halt auf nüchternen Magen aufräumen, zusammenpacken, wachwerden…gähn…blauer Himmel..streck…schon irgendwo Sonne…aber wir sind leider im Schatten des Sanitärgebäudes und im Schatten ist's ziemlich kalt. Etwas später, ein paar hundert Meter zurück im Dorf, gibt's aber eine offene Bar in der wir Kaffee und das dazugehörige Frühstück serviert bekommen. So lebt sich's gleich besser! Heute steht
die Stadt Saumur auf dem Plan. Ruhige Landstrassen, Pappelwälder, in verschiedenen
Wachstumsstadien in Reih und Glied ausgerichtet. Einmal gut sechzig-siebzig
Höhenmeter steil bergauf und ein Hochplateau mit weitem Panoramablick
entlang, dann wieder unten an der Loire bei mässigem Verkehr. In Saumur Café au lait in der Altstadt: es ist die einzige grössere Stadt an der Loire, der wir einen Besuch abstatten. Wieder unterwegs meint man schon dem Ozean nahe zu sein: das weite Flussbett mit den grossen Sandbänken erinnert an die bretonischen Wattlandschaften bei Ebbe, auch Klima und Vegetation erinnert mich an frühere Reisen in die Bretagne. Wieder treibt uns ein scharfer Nordost vor sich her und hilft uns die Hügel zu erklimmen, denn die letzten zwanzig Kilometer vor Les Ponts-de-Cé, einem Vorort von Angers, gehen noch gewaltig in die Beine. Der Campingplatz hier liegt so schön auf einer Loire-Insel, dass wir für morgen einen Ruhetag beschliessen. Margrit macht heute eine Fleissarbeit und kämpft sich noch bis zum nächsten Supermarkt durch, der sich ein paar Kilometer entfernt in einem Industriegebiet befindet, denn auch diesmal fanden wir unterwegs keine Gelegenheit zum Einkaufen. |
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| Dienstag, 3.9. - Ausflug nach Angers
Heute ist Ruhetag, die Velos halten seit gestern die Wäscheleine! Vormittags fahren wir mit dem Bus nach Angers und lassen uns ein bisschen durch die Gassen treiben, nachmittags gibt's eine ausgedehnte Siesta auf dem Zeltplatz. Jeder der Campingplätze war bisher schön gelegen, war gepflegt und jedesmal haben uns die Rufe der Eulen und Käuze in den Schlaf gewiegt und das Singvogelkonzert am Morgen geweckt. Obwohl: ein paar Mal sind wir auch durch das schnarrenden Krächzen einer Elster geweckt worden… |
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| Mittwoch, 4.9. - Les Ponts-de-Cé bis Ancenis, 69 km
Ein neblig-trüber Morgen. Damit hat keiner gerechnet, man gewöhnt sich so schnell an trockenes Wetter - die Regentage am Anfang der Reise liegen gedanklich schon weit zurück. Immerhin ist es trocken und einigermassen warm, das geht ja noch! Gestern hat sich die Windrichtung geändert, wir haben wieder Wind und Wetter aus Westen und damit ist's wohl vorbei mit der stabilen Witterung der letzten Tage. Wir nehmen das am Campingplatz angeboten Frühstück in Anspruch (hmmm…wunderbar gesalzene Butter) und sind schon bald auf Piste. Durch die Vororte von Angers hindurch nieselt es leicht, aber einige Kilometer ausserhalb der Stadt kommt die Sonne langsam durch den Nebel und bringt eine eigenartig mystische Stimmung hervor. Der Fluss ist hier sehr breit mit seinen vielen Neben- und Altarmen. Alles gleicht heute einem Sonntagsausflug: Sonnenschein und milde Temperaturen, eine sanfte Landschaft, unser eigenes Tempo zurückgeschraubt. Das "klassische" Loiretal ist nun durchfahren, kein weltbekanntes Schloss mehr am Wegesrand, die Ortsbilder wechseln von weiss zu grau: Granit ist hier das vorherrschende Baumaterial. Auch die Platanen- und Pappelalleen an den Uferpromenaden sind verschwunden. Bei Ancenis queren wir das letzte Mal den Fluss und verabschieden uns von der Loire, der Anmutigen. |
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| Donnerstag, 5.9. - Ancenis bis Blain, 58 km
Wie schön muss die Welt gewesen sein als es noch keine Verbrennungsmotoren gab: wenn man kilometerlang durch eine ruhige Landschaft radelt, minutenlang nur den Wind in den Bäumen, vielleicht ab und zu das heisere Rufen eines Greifvogels über sich hört, höchstens vielleicht noch das Muhen der Kühe oder das Bellen eines Hundes, und plötzlich wird man vom Gekreisch eines Mopeds oder vom Röhren eines LKWs aus seinen Träumen gerissen, dann überkommen einem Bedürfnisse nach einer ruhigen, stillen Welt… Heut morgen habe wir bei Ancenis der Loire Lebewohl gesagt, gut 560 Kilometer sind wir ihr seit Nevers gefolgt. Um die Städte Nantes und St. Nazaire zu vermeiden folgen wir nun einer gedachten Diagonale nach Nordwesten. Es wird eine der schönsten Tagesetappen werden: herrliches Spätsommerwetter, leicht-wellige, angenehme Topographie, meist ruhige, verkehrsarme Strassen und immer wieder weite Ausblick über's Land. Der Gegenwind beeinträchtigt unsere Fahrt in keinster Weise, schirmen uns doch immer wieder Hecken, Buschgruppen und Wäldchen vor ihm ab. Morgen werden wir also das Meer erreichen, das drei Urlaube dauernde Projekt "Oberviechtach bis zum Atlantik" wird damit abgeschlossen sein. Naab- und Donautal, der Hegau, das Rheintal, Sundgau, Doubs, Burgund, Loire - Flüsse und Landstriche entlang des Weges. Ich erinnere mich noch genau wie ich vor einigen Jahren vom Gipfel des Altenschneebergs, dem Oberviechtacher Hausberg (oder -hügel) nach Westen in die untergehende Sonne und auf die in der Ferne immer transparenter werdenden Hügelketten blickte und mir diese Reise voller Sehnsucht ausmalte. Ich sah die melancholische oberpfälzer Landschaft zu meinen Füssen ausgebreitet und hörte doch schon das Möwengekreisch, spürte das Ziehen von Ebbe und Flut, den salzigen Geruch den der Wind hereinträgt. Jetzt, am Vorabend der Ankunft, hat sich die Sehnsucht längst relativiert, zuviel Zeit ist seit dem ersten Reiseabschnitt im Sommer 2000 verstrichen - man sollte solche Projekte in einem Atemzug durchziehen können, sieben oder acht Wochen hätten dafür locker gereicht.Trotzdem freue ich mich diese ganze Strecke mit dem Velo zurückgelegt zu haben, obwohl ich mir manche Passagen, zum Beispiel damals den Start in Oberviechtach, ganz anders ausmalte. Heute übernachten wir in Blain, einem Städtchen am Canal Nantes du Brest. Irgendwie ist man hier in Frankreich noch nicht an dem Punkt wo man sich Gedanken um autofreie Innenstädte macht: wie schon im Städtchen Nort, durch das wir heute im Laufe des Tages kamen, wird auch in Blain der Schwerverkehr quer durch die Innenstadt, an Marktplatz und Kirche vorbei, geleitet. Nichtsdestotrotz gibt es hier direkt hinter der Kirche einen Supermarché und einen unserer angenehmsten Campingplätze. Abends machen wir noch die Bekanntschaft eines jungen französischen Paares, das mit den Rädern den Kanal entlang fahren will. Die staunen nicht schlecht als wir ihnen von unserer Reise erzählen. Wir haben bisher erstaunlich wenige Reiseradler gesehen, hier im Lande scheint man von der in Deutschland, der Schweiz und Österreich herrschenden Radreisewelle nichts zu merken. |
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| Freitag, 6.9. - Blain bis Pénestin, 67 km
Es ist vollbracht.
Das Meer erreicht. Um 15:30 fotografiert uns ein junger Windsurfer mitsamt
den Rädern am Strand von Pont-Mahé. Zuerst decken wir uns in Blain noch mit Tagesproviant ein, essen Pain au chocolat am Parkplatz des Supermarktes und kommen auf die glorreiche Idee, ein Stück am Kanal Nantes du Brest entlang zu fahren - die Radler von gestern Abend haben uns Appetit darauf gemacht. Auf dem ersten Blick erscheint das zwar als gute Entscheidung, aber erstens ist die Strecke furchtbar eintönig, zweites ist der Weg teilweise von so grober Qualität dass er ein zügiges Vorankommen behindert, die Tacho-Anzeige friert bei 12 kmH ein - das ist schon ein bisserl langsam finde ich. Dann ist plötzlich Regenalarm. Also Regenmontur inkl. Gamaschen und Handschuhe hervorholen und anziehen. Nach 15 Minuten ist der Spuk vorbei, also alles wieder einpacken… Dann bis Pontchateaux eine kleine Asphaltstrasse, wahrscheinlich der beste Abschnitt dieses Tages. In Pontchateaux verpasse ich die kleine, besser für uns geeignete Strasse und so arbeiten wir uns halt die grosse D33 voran, Steigung folgt auf Abfahrt, Sonnenbrille aufgesetzt und Windjacke ausgezogen, weil's plötzlich heiss und grell wird, Sonnenbrille runter und Jacke wieder angezogen weil's schon wieder kalt und dunkel wird - Aprilwetter. Die zwei einzigen Konstanten heute sind der frische Gegenwind und der nicht minder stürmische Verkehr. Wohl deswegen erscheint uns diese letzte Etappe als die beschwerlichste. Trotzdem geht uns das Herz auf als wir nach Assérac das erste Mal die Silberfläche des Meeres zwischen Hecken und Maisfelder blitzen sehen! Auf dem Campingplatz in Pénestin sind wir unter lauter Muschelsammlern: zur Zeit ist Grande Marrée, eine besonders starke Ebbe, und da kommen die Liebhaber der glitschigen und krakeligen Meeresbewohner an diesem Wochenende von weit her um sich den ein oder anderen kulinarischen Leckerbissen zu sammeln oder zu fangen. Wir machen beim Einchecken die Bekanntschaft einer Familie aus Nantes, die aus diesem Grunde mit Kind und Kegel wie jedes Jahr angereist sind. Von einer angebotenen Kostprobe der soeben gesammelten frischen Austern nehmen wir aber dann doch Abstand, wofür wir wohlwollen ausgelacht werden. Dafür gibt's abends im Restaurant des Campingplatzes die ersten Muscheln seit langem, wobei wir mit Musik von Alan Stivell, dem bretonischen Harfenspieler, beschallt werden. Und hinterher bein Abendspaziergang nimmt uns das Meer dann doch gefangen, als die Ebbe langsam zieht, der Wind uns die Regentropfen ins Gesicht wirft und die Möwen im Aufwind der Klippen auf und ab patrouillieren. |
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Samstag, 7.9. - Pénestin Heute ist wieder mal ein Ruhetag angesagt. Wir schlafen lange, beobachten die Karawane der Muschel- und Austernsucher, sitzen nachmittags, als uns zwei regenfreie Sonnenstunden vergönnt sind, am Strand. Irgendwie ist die Radreise abgeschlossen. Die uns noch verbleibende Woche werden wir hier in der Gegend verbringen. Morgen noch eine Etappe bis Locmariaquer am Golfe du Morbihan, dort wollen wir uns für die restlichen Tage einquartieren, ein paar Ausflüge nach Carnac oder zur Halbinsel Quiberon machen. |
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| Sonntag, 8.9. - Pénestin bis Port Navalo, 68 km
Samstagabend fängt es ziemlich stark zu regnen an, wir ziehen uns in die Campingplatz-Gaststätte zurück und hören von der einen Seite Oldies von der Stereoanlage, von der anderen Seite des Gastzimmers tönen die Kommentare eines Sportreporters aus der Flimmerkiste… Am Morgen spielt es dann wieder mal keine allzu grosse Rolle, ob das Zelt vom Tau, vom Kondenswasser oder vom Regen nass geworden ist… Heute haben wir wieder Aprilwetter erwischt: auf der einen Strassenseite Platzregen und auf der anderen Seite strahlender Sonnenschein. Natürlich Gegenwind, ist ja klar. Die Grande Marrée läuft immer noch, als wir aus dem Ort fahren kommt uns ein schier endloser Strom an Fahrzeugen entgegen. Was wollen die alle in dem kleinen Dorf? Alles Muschelsucher? Nun, uns soll's recht sein, wir fahren in die entgegengesetzte Richtung, leider heute hauptsächlich auf grossen Strassen, denn die Küste ist hier voller Buchten, Flussmündungen und Fjorde und wenn wir noch bis Locmariaquer kommen wollen, müssen wir damit leben, dass wir heute nicht allein auf der Strasse sein werden. Es rollt ja auch ganz gut, wir sind schon über die Villaine gefahren, dann in Muzillac (hier sieht man auf den Ortsschildern bereits den französischen und den bretonischen Ortsnamen), dann in Sarzeau, wo wir uns in einem Restaurant stärken, in unmittelbarer Nachbarschaft einer überaus lauten und aufdringlichen dicken Matronin, die inmitten ihrer Familie Hof hält. Plötzlich Polizeisirenen, Motorräder, Begleitfahrzeuge. Und ein Pulk Rennradfahrer - ein lokales Radrennen! Gleich ist der Spuk auch wieder vorbei…es geht halt doch schneller ohne Gepäck! Wir sind auf der Zielgeraden, am untersten östlichsten Zipfel des Golf du Morbihan, wo wir eine Fähre nach Locmariaquer erhoffen. Die Strasse nach Port Navalo ist befahren wie eine Route Nationale, ich frage mich wo diese Leute in ihren Autos alle hinwollen, denn voraus ist ja so gut wie gar nichts mehr, nur mehr der kleine Ort Port Navalo… Port Navalo, ein wie aus dem Ei gepellt wirkendes ehemaliges Fischerdorf mit einem riesigen Yachthafen, Kurzentrum und mondänen Wohnsitzen - und einem Spielcasino. Nach der Ortseinfahrt und zwei Verkehrskreisel weiter sind alle Autos spurlos verschwunden…wollte die also doch hierher? Ist nicht unsere Sache, wir wollen ja zum Fährhafen. Dort ist zwar reger Betrieb, zwei Schiffahrtsgesellschaften bieten Rundfahrten durch die Lagune des Golf du Morbihan an, auch Locmariaquer - kaum einen Kilometer von hier entfernt am anderen Ufer - wird angesteuert. Eigentlich alles in Ordnung. Es werden nur keine Räder mitgenommen…der einzige Fährmann der uns übersetzen könnte hat für dieses Jahr dicht gemacht… Irgendwie nutzt da auch unsere Enttäuschung nichts. Wir haben zwei Möglichkeiten: entweder wir bleiben hier oder wir fahren um den ganzen Golf, was uns wohl zwei Tage kosten wird. Wir entscheiden uns dafür hier im Ort zu bleiben, es gibt einen Campingplatz direkt am Meer und das Städtchen hier ist eigentlich wunderbar gelegen. Nachdem sich unsere Gemüter etwas beruhigt haben, akzeptieren wir Port Navalo als westlichsten Endpunkt der Reise, vorgegeben durch die geographischen Bedingungen und den gegebenen Zeitrahmen. |
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| Montag, 9.9. - Port Navalo, Rundfahrt im Golf du Morbihan
Obwohl es morgens, als ich die Nase zum Zelt hinausstrecke, noch nicht so aussieht, vertreibt der Wind bald die zusammenhängende Wolkendecke und es wird strahlend schön. Da unser Campingkocher immer noch streikt, radeln wir hinunter zum Hafen und frühstücken in einer der Bars am Kai. Wir erkunden unseren Aufenthaltsort mit dem Rad und erleben von einer Klippe die Gewalt des Gezeitenstroms mit. Wir befinden uns an der schmalen Öffnung des 12.000 Hektar grossen Golfes zum Meer und die Wassermassen die im sechsstündigen Wechsel hinein- und herausgedrückt werden erzeugen einen reissenden Strom. Nachmittags fahren wir mit dem Ausflugsboot durch die Insellandschaft des Golfes - blauer Himmel und tiefblaues Wasser, weisse Segel und bunte Flaggen, ockerfarbene Strände und dunkelbraune Tangfelder, dunkelgrüne Wälder und helles Schilf - alles im klaren Licht der Spätsommersonne. Darüber ziehen Cumuluswolken wie grandiose Segelschiffe ihre Bahn… |
| Dienstag, 10.9. - Ausflug nach Vannes
Obwohl uns gestern ein Gewitter eine zeitlang am Einschlafen hinderte sind wir heute hellwach und guter Dinge. Kein Wunder: die Sonne verwöhnt uns schon am frühen Morgen. Wir fahren heute mit dem Bus nach Vannes und versuchen unsere Heimreise zu organisieren. Vorher bekommen wir im Hafen noch die Bestätigung, dass wir nachmittags auch mit dem Schiff von Vannes aus zurückfahren und nochmals die Landschaft im Golf geniessen können. In Vannes erleben wir eine sehr rührige Dame am Info-Schalter des Bahnhofs, die alle Hebel für uns in Bewegung setzt, dass wir nur ja wieder nach Hause kommen (will man uns denn hier so schnell loswerden?). Es ist jedoch nicht möglich mit den Rädern von hier nach Zürich zu gelangen, es sei denn man benutzt den Nachtzug mit Autoverlad, der hier noch bis Samstag direkt bis Genf fährt. Aber leider dürfen da keine Velos mit, es sei denn man zerlegt und verpackt sie zu einem kompakten Gepäckstück… nun, das scheint nicht unmöglich zu sein, ein Experiment ist es auf alle Fälle. Wir stimmen zu und halten schon bald die Billets für die Zugfahrt am Donnerstag Nacht und die Reservierung für eine Zweibettkabine im Schlafwagen in den Händen. Guter Dinge spazieren wir nun durch sehenswerte Altstadt gen Hafen, essen irgendwo in einer Crêperie mit laschem Kellner zu Mittag, bummeln ein bisschen. Es tut gut, zwischendurch auch mal ohne Räder unterwegs zu sein. Unten am Yachthafen schickt man uns zum Gare Maritim, von wo aus die Schiffe in den Golf hinaus fahren. Es ist dann doch ein langer Spaziergang geworden als wir endlich am Kai ankommen. Dort erfahren wir von "unserer" Schiffahrtslinie dass eben kein Schiff von hier aus nach Port Navalo fährt - da weiss wohl die linke Hand nicht was die Rechte tut! Nach unserem Ärger über diese sonderbare Informationspolitik tun wir uns was Gutes und leisten uns ein Taxi zurück zum Busbahnhof. Eigentlich wollten wir ja morgen noch die Gegend hier mit dem Velo erkunden und am Donnerstag dann nach Vannes radeln, aber als wir jetzt mit dem Bus auf der Schnellstrasse zurück nach Port Navalo fahren, wird uns ganz unwohl bei dem Gedanken dass wir diese Strasse übermorgen selber fahren müssen. Warum nicht schon morgen das ganze Gepäck mitnehmen, uns auf kleinen Strassen langsam an Vannes heranpirschen und dabei noch die Gegend anschauen? Als wir diesen Plan besprechen sitzen wir gerade im "Restaurant de la Plage" beim Abendessen und nach einigen Tropfen Muscadet fällt es uns nicht schwer die Idee als gut durchführbar und schlichtweg genial zu bezeichnen… |
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| Mittwoch, 11.9. - Port Navalo bis Penvins, 38 km
Ostwindlage! Traumwetter! Morgenbläue über dem Meer. Zuerst sieht man uns mit all unseren Habseligkeiten runter zum Hafen rollen und frühstücken. Dann sind wir auf Piste. Ziel ist es unter Vermeidung der grossen D 780 einen der Campingplätze in der Nähe des Chateau Suscinio zu erreichen. Es dauert ein Weilchen bis wir wirklich fernab vom Verkehr unsere Bahnen ziehen, denn trotz der 1:25.000er Regionalkarte finde ich den richtigen Weg nicht, aber schliesslich kommen wir auf einem extra für Radfahrer ausgeschildertem Strässlein heraus - hört, hört, sowas gibt's also hier auch… In St. Gildas de Rhuys gibt's eine Abtei zu besichtigen, Granit mit Flechten, violette, schon halb verblühte Hortensien, die Stände des Wochenmarktes werden gerade abgebaut. Die Gegend hier an der Südküste ist zersiedelt, riesengrosse Arreale werden mit Ferienhäusern bebaut. Oder es sind Altersresidencen. Oder Wochenenddomizile. Wer kann hier schon auf Dauer leben? Und von was? Immer wieder
kommen wir mit dem Meer in Berührung, auch hier sind die Muschelsucher
auf den von der Ebbe freigelegten tangbedeckten Felsen unterwegs oder
arbeiten mit Körben und Werkzeugen in den Austerngärten. Chateau Suscinio. Als ich vor neun oder zehn Jahren das letzte Mal hier war fiel das Auge auf eine Ruine. Inzwischen wurde sehr viel getan, die runden Türme stehen wieder und das Dach ist schiefergedeckt. Und es wird weiter renoviert. Wir machen Pause in der Crêperie im Nachbarort. Die Musik einer regionalen Musikgruppe tönt aus dem Lautsprecher, Rockmusik mit bretonischen Elementen, irgendwie wie Jethro Tull auf modern… wieder mal Musik die ich zuhause nicht bekommen werde. Einer spontanen Eingebung zufolge frage ich den Kellner ob ich wegen Beschaffungsschwierigkeiten in der Schweiz die CD hier mitnehmen könnte und grinsend überlässt er mir sein Exemplar - ich merke, dass ich nach drei Wochen Abstinenz meine Gitarren vermisse. Gleich hier in der Nähe ist ein Campingplatz in der Landkarte eingezeichnet. Der hat sogar offen, allerdings nur mehr für die Dauercamper, Toiletten und Duschen sind geschlossen…äh…waschen sich Dauercamper nicht? Dafür werden wir einen Ort weiter, in Penvins, fündig. Wir checken auf einem riesigen Zeltplatz ein, der fast leer ist, aber einen Schwimmbecken mit Whirlpool für uns hat! Den nutzen wir natürlich noch aus, das Wetter ist ja danach. Als ich nachts nochmal aus dem Zelt muss, sehe ich zum ersten Mal seit langem wieder mal die Milchstrasse am sternenklaren Nachthimmel. |
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Donnerstag, 12.9. - Penvins bis Vannes, 32 km Wie zu erwarten lacht die Sonne vom Himmel. Erstaunlicherweise ist das Zelt trocken - kann mich nicht erinnern, dass ich das Zelt jemals trocken mit nach Hause hätte nehmen können. Mit dem Bewusstsein, dass heute unser letzter Reisetag ist, rollen wir ganz langsam dahin, kleine Strassen um die Ostküste des Golfs herum, alles ist ruhig und klar und blau. Einmal fliegt eine Schar weisser Schwäne über uns, gefolgt von einem Ibis-artigen weissen Vogel mit schwarzem Kopf und Hals und schwarz gesäumten Flügeln. Wir versuchen auf einer kleinen Landzunge eine Fähre zu bekommen, um auf der anderen Seite einer kleinen Strasse nach Vannes folgen zu können. Aber Fährbetrieb ist hier nur im Sommer, also im Juli und August. Macht nix, war nur ein kleiner Umweg, dafür können wir nochmal eine schöne Aussicht geniessen. Sonderbarerweise bricht mir auf der Zielgeraden eine Speiche am Hinterrad, warum gerade jetzt noch, so kurz vor Urlaubsende? Naja, zuhause wird repariert… Irgendwann ist Schluss mit den kleinen Strassen und wir müssen uns wohl oder übel zum Verkehr auf den Einfallstrassen gesellen, auf der wir am frühen Nachmittag Vannes erreichen. Wir vertreiben uns noch so gut es geht die Zeit in der Stadt, denn unser Zug geht erst kurz vor 21:00 Uhr. Später noch eine Sonderaktion: wir ziehen uns auf ein Bahnsteigende zurück und ich schraube unsere Räder auseinander. Gepäckträger, Schutzbleche, Laufräder, Lenker, alles wir demontiert und mit Klebeband und Mülltüten zu einem kompakten Bündel verschnürt. Und irgendwann fährt unser Zug ein und man hilft uns sogar noch unsere Sieben Zwetschgen in den Waggon zu laden. Alles passt gerade so in unser Abteil, und bald stehen wir noch glücklich mit von Kettenfett verschmierten und notdürftig gewaschenen Händen mit einem Bier in der Hand da und erzählen uns immer wieder Episoden dieser herrlichen Reise nach… |
| Freitag, 13.9. - Zürich
Um acht Uhr
bekommen wir vom Stewart unser Frühstück serviert. Der grinst schon seit
gestern über beide Ohren als er unser vollgestopftes Abteil sieht. Um 9:23 sind wir in Genf. Kaum zu glauben, dass wir letzten Abend noch in Vannes am Bahnsteig standen. Um 13:00 Uhr treffen wir am Zürcher Bahnhof ein, benötigen als letzte Aktion noch zwei Taxis nach Hause, weil zwei zerlegte Velos samt Packtaschen immer noch zu gross für einen einzigen Kofferraum sind! |
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