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Der
diesjährige Frühsommer zieht ins Land und nach unserem furiosen
Velo-Auftakt zu Ostern – die Tour mit meiner Schwester Andrea und ihrem
Lebenspartner Peter den Regen entlang – unternehmen wir nur wenige
Tagestouren, nur von Zürich aus, um den Greifensee nach Rapperswil, die
Südroute von Zürich nach Rapperswil und einmal von Stein am Rhein nach
Eglisau. In München gewöhne ich mich langsam an die Eigenarten meines
neuen Utopia-Fahrrades und fahre meine Feierabendrouten an der Isar
entlang. Doch unser Augenmerk liegt momentan woanders: wir heiraten im
August und die Vorbereitungen des Hochzeitstages verdrängen alles andere
in den Hintergrund…
Wie es sich gehört folgen auf die
Hochzeitsfeier auch die Flitterwochen und glücklicherweise hat Margrit
nichts dagegen einzuwenden, als ich mit den Planungen für eine erneute
Fahrradreise beginne. Ich bin in Oberviechtach, einer Kleinstadt in
Nordostbayern nahe der Grenze zu Tschechien aufgewachsen und da dort auch
die Hochzeitsfeier stattfindet, läge ein Beginn der Radreise in
Oberviechtach irgendwie auf der Hand. Ausserdem nimmt ein Jugendtraum
wieder Gestalt an, nämlich solange gen Westen zu reisen, bis man an die
französische Atlantikküste, vorzugsweise in der Bretagne trifft.
Heutzutage will ich sowas natürlich mit dem Velo machen. Was liegen da
nicht alles für Velorouten auf der Strecke! Die Naab bis Regensburg; die
Donau bis zum Schwarzwald; den Rhein bis nach Basel; den Doubs durchs
Franche-Comte; die Loire bis an den Atlantik…Ideen über mögliche Routen
sind en masse vorhanden, fehlen tut jedoch die Zeit für dieses Projekt.
Also teilen wir die Strecke in mehrere Urlaubsreisen auf! Soweit steht das
Grundkonzept.
Ein paar Tage
vor der Hochzeit ziehe ich mir dummerweise eine Zerrung im rechten
Oberschenkel zu und hinke auf meiner eigenen Hochzeit, tanze mir während
dieser rauschenden Nacht auch noch richtig das Bein kaputt und kann am
nächsten Tag fast gar nicht auftreten. Damit ist die Reise natürlich in
Frage gestellt und ich dementsprechend frustriert, schliesslich ist die
durch Margrits Sturz arg verkürzte Radreise vom letzten Sommer noch allzu
präsent. Aus diesem Grunde lasse ich mich dann überreden und mich von
einem Notarzt behandeln, der mir zwei Spritzen in „den Platz der Republik"
verpasst, was mir Linderung verschafft und den Heilungsprozess in Gang
setzt. Um schon mal ein wenig Urlaubsstimmung zu bekommen, bauen wir unser
Zelt im Garten meiner Eltern auf und verbringen die Nacht zum Montag
darin. Zwei Tage verbringen wir nun im Oberviechtacher Schwimmbad,
verarbeiten unser Hochzeitsfest und beschliessen, am Mittwoch die grosse
Reise zu wagen.
Mittwoch, 16. August - Oberviechtach bis Bubach (53
km)
Diese erste Tagestour soll uns von Oberviechtach bis zum
Fluss Naab bringen. Meine Eltern werden uns diesen Tag mit den Räder bis
zu einem Landgasthof, den ich von meiner letztjährigen Tour kenne,
begleiten und tags darauf wieder zurück radeln. Wir „satteln unsere
Hühner", machen noch ein paar Fotos vor der elterlichen Garage und brechen
bei moderaten Temperaturen auf. Nachdem im Supermarkt noch Proviant
erstanden worden ist, rollen wir langsam aus dem Ort. Die Oberviechtacher
Einwohner schütteln wohl die Köpfe über die fahrradverrückte Familie
Würfl, die mit vollbepackten Rädern wieder mal in unbekannte Weiten
unterwegs ist. Die Ausfallstrasse nach Niedermurach wird bald schmäler
und bei leichtem Gefälle – fast drei „geschenkten Kilometern" – führen uns
diese ersten Minuten das Tal des Siechenbaches entlang, der Talboden üppig
grüne Wiesen, der mäandrierende Bach mit Weiden gesäumt. Dann die ersten
Steigungen, ein Test für mein Bein, das sich wacker hält und für mein Rad,
das vollbepackt eine gute Figur abgibt, obwohl es trotz des ultraleichten
Bergganges nicht das kletterfreundlichste ist.
Als wir das
Schwarzachtal erreicht haben, hat die Sonne die Oberhand gewonnen und kaum
ein Wölkchen zeigt sich noch am Himmel. Dem wird mit einer Korrektur der
Kleidung Rechnung getragen und bald haben wir den ersten offiziell
ausgewiesenen Fernradweg dieser Reise, den Schwarzachtal-Radweg erreicht.
Von hier bis zum Naabtal-Radweg, unserem Zubringer zur Donau, ist es nur
mehr ein Katzensprung. Schliesslich ist die Naab erreicht, wir schwenken
nach Süden ab und handeln uns damit neben einem wunderbar flachem
Radlrevier auch massig Gegenwind ein. Langsam wird der Wunsch nach einer
Pause laut und dem wird in Schwarzenfeld nachgegangen.
Während
Margrit, mein Vater und ich bananenessend und kauend den Fluss und das
Schwarzenfelder Stadtpanorama betrachten, wird meine Mutter in ein
Gespräch mit einer einheimischen Frau verwickelt, das sich nur mit Mühe
beenden lässt. Aber wir haben nur mehr eine halbe Stunde Fahrt bis
Schwandorf, auf dessen neu renovierten Marktplatz wir uns eine längere
Pause in einem Strassencafé gönnen. Es ist nicht mehr weit bis zum
Etappenziel, ruhig geht‘s im weiten Naabtal dahin. Das weithin sichtbare
Bayerkraftwerk muss in Kauf genommen werden, ein paar hundert Meter sehr
holpriger Feldweg, um eine Steigung zu umgehen (ein Geheimtip meiner
Eltern), schon sind wir in Bubach angekommen und bekommen auf der Terasse
ein Radler serviert. Sowas freut den Radler.
Donnerstag, 17. August - Bubach bis Kapfelberg (55
km)
Das Fenster unseres Hotelzimmers zeigt nach Osten, man
sieht die weite Ebene des Naabtales vor sich. Ein orangeroter Mond geht
auf, als wir zu Bett gehen. Die Nacht im Hotelzimmer entpuppt sich als
typisch: Fenster zu – stickige Luft; Fenster auf – Stechmückenüberfall.
Wir entscheiden uns für beides, lassen zuerst das Fenster offen und die
Mücken herein, anschliessend, nach einer Ernüchterungsphase im Halbschlaf
schliessen wir hektisch dasselbe, haben die Stecher aber schon im Zimmer
und die Stiche schon gespürt und können dafür kaum mehr atmen…Ich führe
das jetzt nur deswegen so aus, weil uns während der paar
Hotel-Übernachtungen dieser Reise immer die selbe Situation begegnet ist.
Am Morgen entschädigt uns aber der Blick aus dem Fenster, wir denken
spontan an eine afrikanische Savannenlandschaft, mit dem Dunst und der
Ebene und den vereinzelten Bäumen. Frohgemut werden nach dem Frühstück die
Drahtesel bepackt und der Kurs nach Süden wird abgesteckt. Meine
Eltern fahren noch ein paar Kilometer mit, bevor wir uns verabschieden und
auf uns alleine gestellt sind: jetzt erst beginnen unsere Flitterwochen.
Und wie! Traumhaftes Wetter, schöne Landschaft, in der Ferne winken blaue
Weiten, wenn ich nicht unterwegs sein dürfte würde ich Fernweh bekommen!
Allmählich wird das Flusstal enger, die Erhebungen des Oberpfälzer Jura
treten näher heran und kurz vor Kallmünz dann eine wunderbare Landschaft
mit Kalkfelsen, Wacholderheide, jagenden Falken und würzigen Düften.
Kallmünz, Kandinsky und Gabriele Münter habe ich ja in vorhergehenden
Reiseberichten schon abgehandelt, der Ort selber erscheint auch im
Vormittagslicht idyllisch und wir pausieren auf der Naabbrücke ein
Weilchen und lassen das Panorama auf uns wirken.
Bald ändert
sich das Landschaftsbild, das Tal wird recht eng und der Weg führt bald
durch kühlen Waldschatten, bald über staubig-heisse Feldwege entlang, so
dass die Gartenwirtschaft in Etterzhausen ein willkommener Platz für eine
Mittagspause ist. Zur Donau ist es nun nicht mehr weit, bis dahin träumen
wir noch in der milden, ruhigen Flusslandschaft vor uns hin. Dann die
Einmündung in den grossen Fluss, die Stadt Regensburg grüsst aus der Ferne
herüber und wir suchen uns flussaufwärts unseren Weg. Die Donau ist nun
unsere Begleiterin, der Donauradweg unsere Route.
Wir treffen
jetzt häufiger auf Radreisende, meist in der entgegengesetzten Richtung
nach Passau oder Wien unterwegs. Uns kümmert das nicht, wir denken
allmählich an das Etappenende, suchen uns einen Campingplatz kurz vor
Kelheim – Kapfenberg heisst der Ort – und bauen gemütlich unser Zelt auf.
Mit Proviant sind wir noch nicht so gut versorgt, deswegen nehmen wir das
Angebot einer Gaststätte an der Donau in Anspruch, schauen den
Wasserskifahrern auf der Donau zu und kommen noch rechtzeitig vor Einbruch
des Gewitters nach Hause, dass sich schon seit einiger Zeit ankündigt.
Freitag, 18. August - Kapfelberg bis Ingolstadt (58
km)
Mit dem Gewitter kommt heftiger Regen, das Zelt wird am
Morgen nass verpackt. Mit nur zwei Tassen Kaffee im Bauch rollen wir die
12 km bis Kehlheim und erstehen in einer Metzgerei erstmal ein paar
Wurstsemmeln, die sogleich verzehrt werden. Als wir durch die Altstadt zur
Schiffsanlegestelle an der Donau fahren, fängt es wieder zu regnen an –
das sind ja schöne Aussichten, denke ich so vor mich hin. Das
Donauschiff steht bereit uns durch die Weltenburger Enge zu bringen, wir
können sofort einchecken und es uns bei einer Tasse Kaffee im Fahrgastraum
bequem machen. Bei der anschliessenden Schifffahrt hält es uns aber nicht
im Inneren, wir stehen mit unseren Regenklamotten im Freien und geniessen
die Flusslandschaft, die durch den Regen eine ungeahnte Sinnlichkeit
erfährt. Auf einmal entdecken wir das erste Wolkenloch mit blauem Himmel
dahinter und bald nach der Ankunft in Weltenburg hört es zu regnen auf.
Es folgt eine
schöne Fahrt bei trockenem Wetter durch die Hopfenfelder der angrenzenden
Holledau. Wenn man diese sanft-wellige Landschaft sieht, möchte man gar
nicht glauben, dass ein paar Kilometer weiter dieses Naturspektakel des
Donaudurchbruchs stattfindet. In Neustadt a. d. Donau gibt‘s eine kleine
Brotzeitpause und auf der anschliessenden Fahrt bis Vohburg regnet es uns
nochmal ein. Aber Regenfahrten – in Massen genossen – haben für mich auch
einen besonderen Reiz. Als wir uns auf dem Donaudamm befinden und damit
schon auf der Zielgeraden unserer heutigen Etappe, kommt die Sonne nun
endgültig durch. Links und rechts des Dammes Biotope und
Urwaldlandschaften mit vielen Wasservögeln, Bauernorchideen und
Froschkonzerten…
Wir erreichen
den Campingplatz Auwaldsee kurz vor Ingolstadt, der, in einem Waldstück
gelegen, eine unangenehme Ausstrahlung hat. Das liegt wohl an den vielen
Dauercampern, von denen man generell misstrauisch betrachtet wird und den
wenigen sanitären Einrichtungen, die auch nicht recht gepflegt sind.
Immerhin lernen wir ein paar andere Radreisende kennen, ein
österreichisches Paar, die donauabwärts bis Wien unterwegs sind und eine
belgische Familie, die schon seit April mit Kind und Kegel und den Räder
durch Europa reist. Ausserdem gibt es einen Badesee, was den Campingplatz
wieder aufwertet und es bleibt die Nacht über trocken, was dem Zelt zugute
kommt.
Samstag, 19. August - Ingolstadt bis Donauwörth (76
km)
Morgens um 8.30 sind wir heute schon unterwegs in die
Ingolstädter Innenstadt. Dort gibt es nochmal ein zweites Frühstück und
dann geht‘s hinaus in die Felder und Fluren. Die Gegend um Ingolstadt wird
mir als besonders waldreich in Erinnerung bleiben, denn auch westlich der
Stadt breiten sich die Auwälder entlang der Donau aus. Nach Neuburg an der
Donau müssen wir uns mit den Ausläufern der Fränkischen Alb
auseinandersetzen, was uns ein paar mässige Steigungen beschert und die
ein oder anderen Schweisstropfen mit sich bringt. Doch es gibt dadurch
auch schöne Aussichten über die Landschaft, die in der heissen Sommersonne
vor uns ausgebreitet liegt. Die Sommertemperaturen tragen zur
allgemeinen Erschöpfung bei als wir am späten Nachmittag Donauwörth
erreichen und feststellen, dass der Campingplatz 8 km ausserhalb irgendwo
im Lechfeld liegt und meine Landkarte nicht so weit reicht… Nachdem ich
das verdaut habe fragen wir uns einfach durch und erreichen einen
wunderschönen Campingplatz mit einem Badesee, mit sauberen sanitären
Einrichtungen, einem kleinen Laden und einer Zeltwiese mit
kurzgeschnittenem Rasen. Angesichts unserer Müdigkeit, der Sommerhitze und
der dem Badesee beschliessen wir, den Sonntag noch hier zu verbringen und
einen Tag Pause zu machen.
Montag, 21. August - Donauwörth bis Günzburg (73
km)
Der Sonntag entpuppt sich dann als Hochsommertag pur: wir
liegen den ganzen Tag am Badesee und entspannen uns. Als die Nacht herein
bricht, beobachten wir das Erscheinen der Sterne, als die Himmelsbläue in
Schwarz übergeht. Um 2.00 morgens kommt trifft jedoch die angekündigte
Kaltfront in Donauwörth ein und entlädt sich in Form eines heftigen
Gewitters. Am Morgen können wir zwar noch unsere Ausrüstung einpacken,
danach fängt es aber zu regnen an worauf wir unser Frühstück in der
Campingplatz-Gaststätte einnehmen. Wir beschliessen trotz der Witterung
aufzubrechen und legen unsere Regenkleidung an. Nach ein paar Minuten
Fahrt zeigt sich ein blauer Fleck am westlichen Himmel, es wird langsam
trocken – was will man mehr? Während wir uns durch eine Baustelle hindurch
den Weg zurück zum Donauradweg ertasten, bricht die Sonne durch die
Wolkendecke. Wir radeln durch das Donauried, flachem Ackerland, die
Luft ist klar und würzig. Da es landschaftlich keine Abwechslung gibt sind
wir froh, als wir durch die Städtchen Dillingen und Lauingen kommen, Pause
machen und ein Eis essen können. Erst kurz vor Günzburg, unserem heutigen
Etappenziel, ändert sich die Landschaft und wird hügeliger, was wir trotz
der nun zu erklimmenden Höhenmeter als positiv erachten, einfach weil es
eine Abwechslung ist und wir den ein oder anderen Blick aus mässiger Höhe
über die Donau erhaschen. Leider sind wir jetzt gezwungen, zwei Nächte
lang in Hotels zu übernachten, es gibt nämlich eine zeitlang keine
Campingplätze auf unserer Route. In Günzburg finden wir eine Bleibe direkt
in der Altstadt, freuen uns darüber abends noch ein bisschen durch die
Strassen zu flanieren und wieder etwas Zivilisation geniessen zu
können.
Dienstag, 22. August - Günzburg bis Munderkingen (77
km)
In der Nacht hat es wieder geregnet, aber pünktlich zum
Frühstück trocknet es ab und die Sonne saugt die Feuchtigkeit auf. Es ist
kühl geworden, wir fahren deswegen mit langen Hosen und Socken in den
Schuhen. Wieder tauchen wir heute in eine Auwaldlandschaft ein. Herrlich
geheimnisvoll muten uns diese sonnendurchfluteten, lichten Wälder an, es
duftet würzig, man hört Froschgequake und Vögelgezwitscher. Passagenweise
ist es ganz still, nicht mal die Zivilisationsgeräusche – Autoverkehr oder
Fluglärm – dringen zu uns durch. Wie muss es wohl zu einer Zeit gewesen
sein, als der Mensch noch keine Kraftfahrzeuge kannte, kein Motorenlärm
die Erde verseuchte? Solche Gedanken kommen einem, wenn man sich aus
der Stille der Wälder einem Ballungszentrum, in unserem Falle Ulm, nähert.
Autobahn, Fernstrassen, kleinere Strassen, Eisenbahnlinien, Luftverkehr:
man kann unserer Zivilisation nur für kurze Zeit entgehen…
Trotzdem
gelangen wir auf angenehmen Wegen nach Ulm hinein, zweigen von der
Radroute ab um der Altstadt mit dem Dom einen Besuch abzustatten. Es gibt
die erste Kaffeepause im Schatten des Ulmer Münsters. Dann eine Weile auf
Uferwegen der schmäler gewordenen Donau entlang, bevor es wieder hinaus
auf die Wiesen und Felder geht. In Erbach verschwenden wir Zeit und Kraft,
als wir den Ort von vorne bis hinten nach einem Biergarten oder einer
Gartenwirtschaft absuchen. Bevor aus der Enttäuschung eine seelische Krise
wird finden wir dann doch noch am Ortsausgang eine Gaststätte um den
Mittagshunger zu stillen und im folgenden ist die Welt dann auch wieder in
Ordnung.
Ab diesem
Zeitpunkt geht es gut gelaunt und in Donaunähe mal über Felder, mal durch
Naturschutzgebiete, aber immer flach dahin. Links und rechts des Flusses
sieht man jetzt aber allmählich die Hügel der Schwäbischen Alb langsam
näher rücken, die Landschaft wird interessanter und bietet mehr für‘s
Auge. Wir erreichen mit unserem Etappenziel Munderkingen ein kleines
verträumtes Städtchen, ein Abendspaziergang rundet den Tag noch ab, bevor
wir uns in unser Hotel verziehen.
Mittwoch, 23. August - Munderkingen bis Sigmaringen (59
km)
Eine wunderbare Fahrt in die Morgenbläue. Hügelige
Landschaft, immer wieder mal Kirchen oder Klöster in der Ferne. Die
Auwälder bleiben nun zurück, die Donau fliesst in einem etwas engeren Tal,
nur ein Streifen Weiden zeigt den Lauf des Flusses an.
Riedlingen
lockt mit seiner historischen Altstadt mit Fachwerkhäusern. Wir sitzen in
der engen Fussgängerzone in einem Strassencafé und beobachten die
Lieferwagen, die sich durch die schmalen Gassen an Tischen, Stühlen,
Verkaufsständen vorbeiquälen.
Es folgt eine
rasante Fahrt mit Rückenwind den Talboden entlang über asphaltierte
Wirtschaftswege. Da fühlt man sich auf einmal wie ein Segelschiff vor dem
Wind, es rollt sich so mit 23-25 Stundenkilometern dahin, der schwerste
Gang tritt sich wunderbar leicht und man weiss gar nicht so recht, wie
einem geschieht, doch auf einmal sind wir schon in Mengen angelangt.
Dort führt
die Bundesstrasse leider mitten durch das Städtchen, eine ruhige
Fussgängerzone ist hier nur ein frommer Wunsch, wir essen also ein,
übrigens fabelhaft schmeckendes, Eis direkt neben dem vielbefahrenen
Verkehrsweg. Nun ist es nicht mehr weit bis Sigmaringen, unserem heutigen
Ziel. Die Landschaft ändert sich die paar Kilometer aber noch: auf einmal
wird das Donautal recht eng, ein Weitblick auf entfernte Höhenzüge ist
nicht mehr möglich. Dafür werden wir in Sigmaringen mit dem
Hohenzollernschloss belohnt, dass auch den Ausblick vom Campingplatz
dominiert. Früh am Nachmittag bauen wir heute unser Zelt schon auf,
betreiben etwas Materialpflege, reinigen unsere Ausrüstung und die Räder.
Morgen steht eine anstrengende Tagestour an.
Donnerstag, 24. August - Sigmaringen bis Engen (77
km)
Diese Nacht gab es sehr viel Tau, das Zelt ist nass wie
nach einem Wolkenbruch, doch die Sonne lacht vom Himmel: es verspricht ein
heisser Tag zu werden. Langsam wird das Tal noch enger, es wird von
Felsen so eingeengt, dass nur mehr Platz für die Eisenbahn und ein paar
Wirtschaftswege bleibt. Vom Donaudurchbruch in Weltenburg einmal
abgesehen, ist das hier für uns der schönste Abschnitt der bisherigen
Reise. Aber auch der anstrengenste: die Naturstrasse am Talrand klettert
immer wieder mal einige Höhenmeter hinan und wenn diese Steigungen auch
nicht lange andauern, ermüden sie uns doch im Zusammenspiel mit der
brütenden Mittagshitze. Es bleiben idyllische Augenblicke im Gedächtnis:
steil aus dem Wasser ragende Felsklippen, Burgen über schwindelerregenden
Abgründen, ein ruhig seinen Windungen folgender Fluss. Von den Brücken aus
kann man recht grosse Fische (Forellen?) im Wasser patroullieren sehen
(uns macht das Appetit…).
Kurz vor
Tuttlingen weitet sich das Tal wieder, wir müssen noch eine Entscheidung
treffen. Es gilt, das Donautal zu verlassen und einen Weg zum Rheintal zu
finden. Wie wir es auch drehen und wenden, ohne Steigungen lässt sich das
nicht bewerkstelligen. Die Frage dreht sich darum, ob wir heute noch die
25 km bis Engen, wo es den nächsten Campingplatz gibt, auf uns nehmen,
oder ob wir hier in Tuttlingen ein Zimmer suchen. Die Lagebesprechung
findet in einem Strassencafé in der Tuttlinger Innenstadt statt.
Wir
entscheiden uns, heute noch nach Engen aufzubrechen und klinken uns
deswegen kurzfristig in den „Hohenzollern-Radweg" ein. Es gilt den
Höhenzug „Die Egg" zu überwinden, das heisst wir fahren und schieben das
Rad ein paar Kilometer steil bergauf. Man möchte es nicht glauben,
irgendwann sind wir wirklich oben und auf einmal tut sich ein wunderbarer
Panoramablick über die Vulkanlandschaft des Hegau vor uns auf und
entschädigt uns für die soeben geleistet Arbeit. Margrit entlockt es: „das
schönste Panorama Europas".
Wir staunen
und fotografieren und füllen uns auf wundersamste beschenkt und belohnt.
Die verbleibenden 15 km nach Engen geht es nur mehr bergab, eine angenehm
zu fahrende Zielgerade, auch wenn wir mit mehr Verkehr konfrontiert
werden. Der Engener Campingplatz liegt schön und ist vergleichsweise
luxuriös ausgestattet, wir feiern den Tag mit unserer obligatorischen
Flasche Rotwein vor dem Zelt liegend und versuchen uns die Sternbilder zu
erklären…Auch hier ist der Platz fest in holländischer Hand, unsere
Nachbarn aus dem Beneluxland scheinen sich in Deutschland wirklich wohl zu
fühlen. Ich kann das mittlerweile gut nachvollziehen, den bei schönem
Sommerwetter kann man es bei uns wirklich geniessen - wenn auf das Wetter
halt mehr Verlass wäre.
Freitag, 25. August - Engen bis Schaffhausen (46
km)
Engen hält was der Campingplatz verspricht, wir rollen
durch ein nett renoviertes Landstädtchen. Nun geht‘s also durch den Hegau,
diese Vulkanlandschaft, die ich mir schon länger als Radlrevier auserkoren
habe. Die Sonne meint es gut mit uns, als wir entlang einer Bundesstrasse
nach Singen rollen. Kurz vor Singen dann eine schöne Passage am Flüsschen
Aach entlang, dann die Stadt selber, die uns nichts gibt, lediglich für
eine Kaffeepause taugt. Schon sind wir nach Süden – zum Rhein hin –
unterwegs, fahren zum ersten Mal bei Ramsen über die Schweizer Grenze und
haben den Hegau schon fast hinter uns gelassen, es bleibt der Eindruck
eines dicht besiedelten und von vielen Verkehrsadern durchzogenen
Ballungsraumes. Kurz nach Stein am Rhein treffen wir auf den Rhein und
folgen nun einer unserer Hausstrecken, freuen uns auf ein Eis in
Diessenhofen. Dort sitzen wir zuerst recht lange in „unserem" Biergarten
am Rhein und stellen Betrachtung hinsichtlich der verschiedenen Charaktere
der Flüsse an: der Rhein erscheint uns hier kindlich-verspielt, im
Gegensatz zur Donau, die uns schwermütig vorkam. Die Naab war die
Sinnlich-Idyllische.
Mit der
Absicht, Lebensmittel für‘s Abendessen einzukaufen, besuchen wir noch die
Diessenhofener Innenstadt, treten jedoch zuvor in eine „Konsumfalle" und
erstehen in einem Fahrradladen „Funktionskleidung". Anschliessend
probieren wir die linksrheinische Variante des Rheinradweges aus, handeln
uns damit einige Kilometer auf einem ruppigen Waldweg ein und erreichen
dann einen angenehmen Campingplatz kurz vor Schaffhausen mit einer
Liegewiese und einer Badeanstalt direkt am Rhein. Wenn einem soviel
Schönes wird beschert…
Samstag, 26. August - Schaffhausen bis Zurzach (44
km)
Auch heute radlen wir durch hinreichend bekanntes Gebiet.
Der Schaffhausener Stadtverkehr ist wie immer kein reines Vergnügen, wir
beschliessen, den Rheinfall weiträumig zu umfahren, folgen einer
regionalen Radroute, die uns direkt nach Jestetten führt. Durch die
Dörfer Lotstetten, Rafz und Hüntwangen hindurch erreichen wir bei
Hohentengen wieder den Rhein, folgen dem Fluss auf wohlbekannten Pfaden
bis kurz nach Zurzach, wo wir – auf Empfehlung – einen Campingplatz kurz
vor Waldshut aussuchen, der jedoch nur eine mittelmässige Note bekommt.
Wir schlagen unser Zelt unter Obstbäumen und zwischen Fallobst auf. In der
Nacht fängt es zu regnen an, sodass wir wieder einen Pausetag einlegen und
uns tagsüber die Zeit so gut es geht vertreiben.
Montag, 28. August - Zurzach bis Aarburg (75
km)
Heute soll das Wetter wieder besser werden und wirklich ist
es am Morgen trocken, es hängen lediglich Nebelfetzen in den bewaldeten
Hügeln. Also, auf geht‘s, trotz nüchternem Magen! Das nasse Zelt und die
inzwischen etwas klammen und muffigen Klamotten verstauen sich schon fast
wie von alleine… Zuerst rechtsrheinisch nach Waldshut. Bald radeln wir
neben der vielbefahrenen Landstrasse und werden erstmal mit dem
LKW-Verkehr konfrontiert. Als wir bei Waldshut über die Rheinbrücke fahren
wird es auch nicht besser: auf dieser Seite rollt der Schwerverkehr
ebenfalls in Richtung Basel oder nach Konstanz. Wenigsten finden wir einem
Kiosk um ein spartanisches, verspätetes Frühstück zu uns nehmen zu können.
Danach erreichen wir bald die Aare-Mündung und folgen nun dem
schweizer Fluss nach Süden. Die Sonne vertreibt die Wolken wieder, es ist
aber recht kühl und es will einfach nicht so rund laufen, wie wir‘s
gewohnt sind. Bis Brugg haben wir einige Steigungen zu überwinden, biegen
mal falsch ab und verfahren uns, haben Gegenwind und die Landschaft
gefällt uns wegen der Industrialisierung des Aaretales nicht so recht, auf
jeden Fall ist unsere Laune auf dem Tiefpunkt angekommen, als wir in Brugg
endlich in einer Pizzeria sitzen und mal durchatmen und resümieren können.
Mit gefülltem Bauch lässt es sich dann doch besser radeln, jedenfalls
bessert sich im Folgenden unsere Stimmung, die Landschaft wird schöner,
die Streckenführung besser.
In Aarau
gibt‘s nochmal eine kurze Pause, wir reservieren uns ein Zimmer für die
Nacht in Aarburg vor, in Olten kaufen wir noch Lebensmittel ein,
schliesslich treffen wir am späten Nachmittag in Aarburg ein und beziehen
Quartier. Die Aare erscheint mir als der müde, resignierte Fluss. Die
Wasser scheinen von ihrem anstrengenden Weg durch das Gebirge ermüdet zu
sein und sich gar nicht mehr gegen die Knechtung durch den Menschen wehren
zu wollen, ja sogar froh zu sein, als sie sich in den Rhein ergiessen
können…
Wir
jedenfalls sind auch etwas erschöpft, erkunden aber das Städtchen noch mit
einem Abendspaziergang, nach dem wir unser Zelt im Hotelzimmer zum
Trocknen aufgehängt haben.
Dienstag, 29. August - Aarburg bis Solothurn (40
km)
Heute meint es das Wetter ebenfalls wieder gut mit uns, die
Sonne begleitet uns auf unserem Weg nach Süden, aber heute will ebenfalls
nicht so recht Stimmung aufkommen. Wir stellen fest, dass wir nur mehr
unterwegs sind, um „Strecke zu machen". Wir sind durch die vielen
Impressionen der letzten Tage so übersättigt, dass wir gar nicht mehr
aufnahmefähig für all die neuen Eindrücke sind. Nach einigen
Überlegungen beschliessen wir, die Radreise in Solothurn zu beenden und
noch einige ruhige Tage in Zürich zu verbringen. Im übrigen scheint es
morgen sowieso zu regnen und so kommen wir wenigstens trocken zuhause an.
Gesagt, getan! Die Strecke bis Solothurn wartet dafür noch mit allerhand
Naturschönheiten auf: Wälder und Wiesen des schweizer Mittellandes, kleine
fachwerkbunte Städtchen, Dörfer mit ehrwürdigen, alten Bauernhäusern,
immer die Bergkette des Juras am rechten Horizont.
Als wir
Solothurn erreichen, dann noch ein Aha-Erlebnis: die Atmosphäre der Stadt
mutet uns südländisch, mediterran an, es ist, als ob wir einen Kulturkreis
hinter uns gelassen und soeben die Tür zu einem neuen geöffnet hätten!
Ist das nicht
ein schönes Ende einer Reise und gleichzeitig auch eine Möglichkeit der
Weiterführung? Wir sind froh um unsere Entscheidung, die Reise hier zu
beenden und sitzen schon bald im Zug nach Zürich. In nicht mal eineinhalb
Stunden sind wir dort angekommen und schon stellt sich dieses typische
Vakuum ein, wenn eine ereignisreiche Reise zu Ende ist und man noch im
Bann der ganzen Eindrücke steht…. |