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Dem
“Saison-Auftakt” in Stein am Rhein folgen nun einige Tagestouren in der
Schweiz. So fahren wir unsere üblichen Runden um den Greifensee oder
bis nach Rapperswil, erkunden den Radweg an der Aare entlang bis Olten und
Aarau, und erleben auch noch eine herrliche Tagestour von Rapperswil durch
die Linthebene bis zum Walensee. Das blaue Schauff läuft mit den neuen
Speichen wieder wie neu, aber für eine Reise mit Gepäck mag ich es jetzt
nicht mehr benutzen. Deswegen rüste ich mein vor zwei Jahren erstandenes
Arrow Pacer zum Reiserad um, montiere Gepäckträger hinten und vorne, ein
bequemer Sattel und ein Tourenlenker sollen etwas mehr Komfort bringen.
Der Mai kommt und im Kalender sehe ich die eingezeichneten Feiertage:
Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Anfang Juni schließlich Fronleichnam. Da
könnte man doch! Da ginge vielleicht! Auf einmal steht der Plan: ich will
mit dem Fahrrad die Strecke von München nach Oberviechtach fahren!
Jahrelang bin ich mit dem Auto hin und her gependelt, kenne die Autobahn,
die Bundesstraßen und die Ortsumgehungen in- und auswendig. Jetzt will ich
diese Strecke mal mit dem Radl auf kleinen Straßen oder Wegen abseits des
Autoverkehrs “erfahren”.
Organisatorisch soll es so ablaufen, daß ich alleine von München
nach Oberviechtach fahre, Margrit aber an Fronleichnam von Zürich aus mit
dem Zug nachreist, damit wir ein paar gemeinsame Tage bei meinen Eltern
verbringen können.
Freitag, 28. Mai - München bis Freising (40
km)
In meiner Ungeduld möchte ich natürlich keinen Augenblick
verlieren, deswegen plane ich, am Freitag Nachmittag direkt nach der
Arbeit bis Freising zu radeln, wo ich bei Ingrid und Rainer übernachten
kann. Wie es halt vor Urlaubsbeginn bei mir so ist, kommt noch dieser und
jener Auftrag in der Arbeit dazu, weswegen ich relativ gestreßt und
genervt meine freie Zeit beginne. Schnell ist noch Obst eingekauft, ein
paar Kekse und ein gewisses Kontingent an Taschentüchern - es ist
Heuschnupfenzeit - aber bald sitze ich im Sattel, um mein erstes
Etappenziel anzusteuern. Überflüssig zu erwähnen, daß ich mit dem Wetter
wieder mal das große Los gezogen habe: der Frühsommer zeigt sich von
seiner vorteilhaftesten Seite! Um Pfingsten herum war in Bayern
Hochwasser angesagt, sogar unsere regulierte, handzahme Isar war auf
Rekordstand geklettert, ich bin deswegen gespannt, ob ich den Radweg am
Fluß entlang benutzen kann oder auf eine andere Strecke ausweichen muß. Es
geht jedoch ganz gut, nur einmal muß ich für 50 m absteigen und schieben.
Während ich so vor mich hinrolle, fällt die langsam die hektische Stimmung
von mir ab und macht der ReiseStimmung Platz: Zufriedenheit,
Unternehmungslust und Freude!
Die Strecke
nach Freising ist nicht gerade atemberaubend, es geht einfach immer am
Isardamm entlang, rechts die Isar, links Wald oder Gebüsch, aber das
interessiert nicht, ich bin, wie gesagt, froh unterwegs zu sein. Gerade
richtig zum Abendessen treffe ich bei meinen Freunden ein. Wir verbringen
den Abend auf der Terasse, unterhalten uns angeregt bei Wein aus dem
Markgräfler Land, während in der Ferne ein Wetterleuchten die Phantasie
anregt.
Samstag, 29. Mai - Freising bis Abensberg (74
km)
Am Morgen beschließen Ingrid und Rainer, mich mit den
Kindern ein Stück zu begleiten. Nach dem wir fertig sind, radeln wir
also los - ich mit den Packtaschen, die anderen beiden mit den Kleinen im
Kindersitz. Doch schon bald heißt es Abschied nehmen, mein Begleitschutz
muß leider umkehren, wogegen ich der Isar noch ein paar Kilometer treu
bleibe, bis ich mich nach links in die Büsche, bzw. die Hügel schlage.,
denn die Holledau ist leider nicht eben. Heute fahre ich überhaupt die
erste richtig hügelige Tagestour mit Gepäck, ich flußradweg-verwöhnter
Mensch betrete also Neuland. Wobei sich die Begeisterung bezüglich des
Bergauftretens schon in Grenzen hält, wenn ich ehrlich bin... Zur
Mittagszeit erreiche ich Nandlstadt und labe mich mit Wurstsalat und
Apfelschorle, bevor ich mich durch die restlichen Hügel bis zum Flüßchen
Abens durchkämpfe. Mit dem Erreichen dieses Flüßchens wird der Weg etwas
ebener, er ist sogar offiziell als “Abens-Radweg” ausgeschildert und ich
kann mich wieder etwas erholen, während der Fahrt eine Banane essen oder
vor mich hinträumen. Mainburg mit seiner sehenswerten Altstadt ist ein
guter Kandidat für eine Eis-Pause. Dort bestimme ich mir dann auch noch
mein heutiges Etappenziel Abensberg, wo ich mir telefonisch gleich mal ein
Zimmer reserviere.
Weiter
geht’s. Elsendorf, kenne ich vom Autobahnwegweiser her wie meine
Westentasche, doch wer hätte gedacht, daß es hier so lieblich ist? Das
gleiche denke ich auch von Abensberg, als ich abends zu Fuß das Städchen
erkundige. Soviel Mittelalter, und dann noch so gut renoviert! Ich sitze
am Marktplatz beim Abendessen, als ich dieses so vor mich hindenke. Die
steigungsreiche Etappe spüre ich gewaltig in den Beinen, darum halte ich
nicht bis zum Einbruch der Dunkelheit hier aus, sondern begebe mich bald
in mein Zimmerchen zurück, wo mir ein kleiner Farbfernseher noch die Zeit
vertreiben wird. 40,-- DM zahle ich heute für ein gemütliches Zimmer in
einem Hotel garni, kein Vergleich zu den Absteigen von letztem Herbst am
Bodensee und am Rhein.
Sonntag, 30. Mai - Abensberg bis Bubach (85
km)
Heute ist der Tag der geschenkten Kilometer! Ich sage nur:
Rückenwind! Doch der Tag fängt ganz anders an, denn beim Frühstück ergibt
ein Gespräch mit der Wirtin, daß Kloster Weltenburg immer noch unter
Wasser steht, auch die Zufahrtsstrassen dorthin sind wegen des Hochwassers
gesperrt. Das heißt für mich, daß ich die im Radführer gar nicht
empfohlene Umfahrung der Weltenburger Enge wählen muß. Steigungen und
vielbefahrene Landstraße bedeutet das im Klartext. Aber um halb neun
starte ich in den blauen Sommermorgen hinein und bin so gut gelaunt, daß
ich die besagte “böse” Wegstrecke ohne nennenswerte Schäden an Leib und
Seele bald hinter mich bringe. Von Kelheim sehe ich nicht viel, weil mich
die Überlegung in Anspruch nimmt, welcher Donauseite ich denn nun folge um
die hohe Eisenbahnbrücke zu umgehen (siehe Donauradtour 1994). Auf der
Karte ist am linken Ufer ein Feldweg eingezeichnet, denn ich mir einfach
mal vornehme. Kurz nach Kelheim merkt man das Hochwasser wieder, aber der
Radweg ist nicht überflutet, es läßt sich sogar recht angenehm
dahinradeln. Der Feldweg ist dann doch etwas gröber als vermutet, aber es
handelt sich nur um sechs Kilometer. Am Spätvormittag hebt sich auf einmal
ein recht starker Südwind, der mir nicht nur die Pollen in die Augen
sondern auch mich wie ein Segelschiff vor sich hertreibt.
Deswegen ist
die Naabmündung bald erreicht. Vorher werfe ich der hohen Eisenbahnbrücke,
die mich vor Jahren geärgert hat, noch einen bösen Blick zu, in einem
Biergarten wird wieder Pause gemacht, wo sich gerade eine Blaskapelle
aufbaut. Mich stört das jedoch nicht, denn nach kurzer Zeit ist das
alles nur mehr Erinnerung. Die Naabmündung ist erreicht, der Weg schwenkt
nach Norden ab, ruhiger und beschaulicher wird die Landschaft. Der Wind
legt sich mächtig ins Zeug, ich bin ganz erstaunt, daß der
Tageskilometerzähler schon über 50 km zeigt.
Als ich mich
Kallmünz nähere, versuche ich mir vorzustellen, wie Kandinsky und Gabriele
Münter damals vor dem ersten Weltkrieg mit dem Fahrrad von Regensbug aus
hierher kamen und den ganzen Sommer in Kallmünz verbrachten. Ob sie wohl
von diesen Kalksteinfelsen aus die oberpfälzer Landschaft malten?
Zusammen mit
dem Wind ballen sich nun auch die Wolken und es schaut hinter meinem
Rücken gar nicht gut aus, deswegen nehme ich mir in Bubach in einem neuen
renovierten Landgasthof ein Zimmer. Es ist zwar erst 15.30, aber ich bin
gut vorwärtsgekommen und zufrieden. Besonders, als ich auf der überdachten
Terasse sitzend das Gewitter erlebe, fühle ich mich rundherum behaglich,
um nicht zu sagen: sauwohl!
Montag, 31. Mai - Bubach bis Oberviechtach (55) km
Das Gewitter
hat die Luft gereinigt, der Himmel ist wieder blau, lediglich der Wind ist
geblieben. Wohl wissend, daß meine heutige Etappe um die Mittagszeit schon
zu Ende sein wird, bin ich eher ein wenig traurig. Ich kann ja auch meinen
Gefühlen freien Lauf lassen, denn treten brauche ich fast nicht, denn der
Wind besorgt den Antrieb. Das Naabtal weitet sich hinter Schwandorf, die
Ausläufer des Oberpfälzer Juras treten zurück, so hat der Wind ein
leichtes Spiel. Ich zweige bei Schwarzenfeld in den Schwarzachtal
Radweg ab, folge dem allmählich enger werdendem Tal, immer noch ohne von
Steigungen belästigt zu werden. Dann muß ich die letzten 20 km auf der
Landstraße nach Oberviechtach fahren, wo dann doch der eine oder andere
Hügel auf mich wartet. Kurz nach Mittag treffe ich schließlich in meiner
Heimatstadt ein.
Eigentlich
wäre ich gerne noch weitergefahren, aber es ist ja erst Montag und ich
habe noch die ganze Woche vor mir! Deswegen mache ich am Dienstag gleich
eine Tagestour nach Neunburg, um dem Eixendorfer Stausee, Wutzschleife,
Rötz und zurück... Mittwochs fahre ich mit meinen Eltern von Amberg
nach Schmidmühlen und zurück... Am Donnerstag vormittag hole ich
Margrit vom Bahnhof ab, abends machen wir zu zweit noch eine kleine
Spritztour, um das Fahrrad auszuprobieren, daß meine Eltern für sie
ausgeliehen haben...Am Freitag wird das Wetter schlechter, doch wir radeln
zu viert den Regen entlang von Nittenau bis Walderbach... Am Samstag
fahren wir einen Rundkurs um den Murner See und die neu entstandene
Seenplatte im ehemaligen Braunkohle-Abbaugebiet bei
Wackersdorf...
Am Sonntag
bringt uns der Zug nach München zurück. Als ich so im Zug sitze kann ich
noch gar nicht glauben daß die Velo-Woche schon vorbei ist, aber ich bin
rundum satt und glücklich, es war einfach eine Traumwoche!
Fast 500 km
sind zusammen gekommen, es scheint daß ich in diesem Frühling schon mehr
Kilometer gefahren bin als im ganzen letzten Jahr zusammen. Aber das ist
noch nicht alles: der Sommerurlaub steht im August an. Zwei Wochen
Radreise! 14 Tage Velofahren - das muß man sich mal auf der Zunge zergehen
lassen! |