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Als der
Urlaubstermin näher rückt, werden vorhandene Radwanderkarten studiert,
alte Reisebücher wieder hervorgeholt, neue Literatur angeschafft, kurz, es
wird gnadenlos geplant. Gar hochfliegend sind die Gedanken: der Jakobsweg
in Spanien ist ein Thema, ebenso eine Reise an die Loire, oder den Rhein
bis nach Holland. Aber ich finde zu jedem Reiseziel einen Nachteil, für
dieses ist der Urlaub zu kurz, für jenes ist die Jahreszeit nicht passend.
Schließlich wird eine alte Idee wieder neu angedacht und variiert: es gibt
seit einiger Zeit einen “Burgenradweg”, der von Mannheim bis Prag führt.
Ein Teilstück davon könnten wir doch fahren! Es ergeben sich gleich noch
ein paar Koordinatenpunkte, die dieses Teilstück eingrenzen: Bamberg
wollen wir sehen und Rothenburg ob der Tauber, Margrit schwärmt mir von
Heidelberg vor. Nun, schon steht die Reiseroute fest. Wir resümieren
nochmals unsere Fulda-Weser-Tour und führen daraufhin folgende
Verbesserungen ein: erstens werden wir mehr Zeit für Sehenswürdigkeiten
einplanen, zweitens werden wir ein Zelt mitnehmen, um günstiger
übernachten zu können und nach Etappenende noch im Freien sein zu
können.
Samstag, 31. Juli 1999 - Anreise von München nach
Bamberg
Wie gewohnt bepacken wir an diesem Morgen unsere Räder
und schlängeln uns durch den Münchner Stadtverkehr zum Hauptbahnhof, wo
wir uns die Wartezeit in einem Café verkürzen. Als es Zeit zum Einladen
ist, sehen wir zu unserem Schreck den ganzen Bahnsteig voller Fahrgäste
und Räder. Aber es sieht schlimmer aus als es ist, unser Adrenalinspiegel
darf sich gleich wieder senken, denn wir haben einen Fahrradstellplatz
reserviert. Warum ist das denn hier so voll? Ach ja, der Zug geht weiter
bis Berlin, da liegen natürlich allerhand Fahrradreviere an der Strecke.
Wir fahren jedoch nicht so lange mit, sondern nur bis Bamberg, das wir
uns heute Nachmittag anzuschauen gedenken. Ein Hotel ist vorbestellt, nach
ein paar Metern Stadtverkehr bald gefunden, der Stadtbesichtigung steht
nichts mehr im Wege. Voller Erwartung - schließlich ist die Stadt
Weltkulturerbe - lassen wir uns durch die Gassen treiben, queren die
Regnitz, wandern Hügel auf, Hügel ab, von Kirche zu Kirche, bis wir uns so
richtig blamieren: halten wir doch überall in der Stadt nach dem berühmten
Bamberger Reiter Ausschau, der in unserer Fantasie ein monumentales
Reiterstandbild sein muß. Ganz bescheiden sind wir dann, als wir im
Reiseführer lesen, daß es sich dabei um eine Skulptur im Inneren des Domes
handelt. Dort sind wir achtlos daran vorbeigelaufen...
Ja ja, etwas
Kultur tut uns schon not! Die Hitze macht natürlich durstig, was gibt es
da angenehmeres als einen Biergarten mit Blick auf die Stadt? Abends
machen wir das erste Mal Bekanntschaft mit fränkischen Bratwürsten und
fränkischem Wein.
Sonntag, 1. August 1999 - Bamberg bis
Waischenfeld (50 km)
Unser erster Radltag wird uns in die
Fränkische Schweiz führen, im Radführer macht man uns auf eine hügelige
Etappe aufmerksam. Doch zuerst raus aus Bamberg, ein Stück am Radweg einer
Ausfallstraße entlang, bis wir nach rechts in eine kleinere Straße
abbiegen. Linkerhand nimmt eine monumentale Schloßanlage den Blick
gefangen, geradeaus sieht man die bewaldeten Hügelkette der Fränkischen
Schweiz anwachsen. In Litzendorf verpassen wir den Weg, der uns durch den
Wald bergauf führen soll, wir fahren deswegen gezwungenermaßen auf der
Landstraße weiter, bis wir vor vollendete Tatsachen gestellt werden: ein
Hügel kommt näher und näher (oder wir ihm), kein Tal will sich links oder
rechts auftun, wir müssen also hinüber. Und richtig: man sieht schon die
Straße sich in Serpentinen aufwärts winden. Das ist schon ein saurer
Apfel, der uns da gereicht wird, doch die Steigung ist weniger anstrengend
als die Motorradfahrer, für die diese kurvige Strecke natürlich ein
Leckerbissen ist und die überhaupt keine Lust haben, langsam zu fahren und
auf Radler Rücksicht zu nehmen. Die Aussicht zurück nach Bamberg ist
jedoch überragend, in der Ferne sieht man den Main zwischen blauen Bergen
verschwinden. Irgendwann sind wir oben, trinken uns erstmal den
Flüssigkeitsverlust wieder an und dürfen jetzt das Tal der Leinleiter
entlang radeln. Die sehenswerte Landschaft läßt uns die Anstrengung gleich
wieder vergessen, außerdem lädt eine Wirtschaft auf eine Apfelschorle ein.
Heiligenstadt und Aufseß heissen die nächsten Orte, immer wieder müssen
wir steil bergauf und werden mit den Motorradfahrern konfrontiert, am
späten Nachmittag erreichen wir jedoch den Campingplatz in Waischenfeld.
Wir finden
einen schattigen Platz für unser Zelt auf einer fast ebenerdigen Wiese.
Der Spätnachmittag und der Abend ist für uns Stadtmenschen einfach eine
Wucht! Als es schon finster ist, baut sich eine Gruppe Musikanten mit
Violinen, einem Cello und einem Kontrabaß vor einem Wohnwagen auf und gibt
ein kleines Ständchen, ein Potpourri aus bekannten klassischen Melodien -
da hat wohl jemand Geburtstag. Selten hat Mozarts Kleine Nachtmusik so
gepaßt wie heute. Lange halten wir uns noch vor dem Zelt auf, wo zuerst
nur die Venus, dann immer mehr Sterne am Himmel zu sehen sind. Es ist
schön, unterwegs zu sein!
Montag, 2. August 1999 - Waischenfeld bis Ebermannstadt (42
km)
Das Zelt ist erstaunlich schnell abgebaut, wobei nebenher
Kaffee getrunken wird. In Waischenfeld überfallen wir eine Bäckerei, da
wir noch keinen Tagesproviant haben. Gleich am Anfang wird’s wieder
anstrengend, die paar Kilometer bis Pottenstein gehen wieder in die Beine.
Als wir nach einiger Zeit jedoch das Städtchen im Tal weit unter uns
sehen, sind wir froh, nicht in anderer Richtung unterwegs zu sein. Mit
angezogenen Bremsen rollen wir vorsichtig hinunter ins Wiesenttal, sehen
in der Altstadt von Pottenstein ein Straßencafé - die erste Pause ist
fällig! Von oben grüßt eine Burgruine, die zur Besichtigung einlädt,
wir geben jedoch der Tropfsteinhöhle den Vorrang, zumal der Weg dorthin
eben ist. Bis Gößweinstein gilt es wieder ein paar Höhenmeter zu
überwinden, dann sieht man ein Bilderbuchschloß, nebenan eine romanische
Basilika, der wir einen Besuch abstatten. Hier geben sich Touristen die
Tür in die Hand, der Parkplatz am Stadtrand quillt über vor lauter
Reisebussen. Wir verlassen etwas mißmutig diesen Ort, weil wir keinen
offenen Lebensmittelladen finden. Dafür dürfen wir gleich steil bergab ins
Tal rollen. Unten angekommen gibt es zwei Wege, an der linken oder rechten
Flußseite entlang.
Ich
interpretiere die Landkarte falsch und führe uns auf einen Feldweg, der
sich am Anfang ganz moderat anläßt, im Laufe der Zeit aber immer
schlechter befahrbar wird und so steile Passagen beinhaltet, daß wir
absteigen und die schweren Räder schieben müssen, manchmal geht sogar das
nur mit äußerster Mühe. Da sinkt natürlich die Laune, zumal man in einem
Gebüschgürtel fährt und von der Landschaft so gut wie gar nichts
sieht.
Es ist schon
mitten am Nachmittag aber der Kilometerzähler zeigt erst 35 km, als wir
recht erschöpft an einem Bänkchen anhalten. Eigentlich reicht es für
heute, wir hatten ja beschlossen, diesmal eine erholsamere Tour zu machen.
Der nächste Campingplatz ist gar nicht mehr soweit weg, kurz vor
Ebermannstadt, bis dahin wird es noch gehen. Auf dem Weg dorthin kommen
wir an einem Schwimmbad vorbei, das die vorbeikommenden Wanderer mit einem
Biergarten zum Verweilen einlädt. Das kommt uns natürlich sehr
gelegen.
Der
Campingplatz kurz vor Ebermannstadt gehört einem Landwirt, der seinen
Obstgarten einer anderen Bestimmung zuführen wollte. Es ist ein bißchen
“einfach”, wir treffen jedoch nette Leute, Kanufahrer, die uns vom
bequemen Radweg an der rechten Flußseite entlang erzählen...
Margrit wirft
mir einen Blick zu, den ich besser nicht deute, doch es gilt: vorbei ist
vorbei! Ich mache mir derweil Gedanken für die nähere Zukunft, genauer
gesagt, für morgen, denn ich überlege, hier vom Burgenradweg abzuweichen
und direkt Rothenburg ob der Tauber anzusteuern, dann könnten wir den
Ballungsraum um Nürnberg und Erlangen vermeiden. Zum guten Glück gibt es
ein attraktive Verbindungsstrecke, den Aischtal-Radweg.
Dienstag, 3. August - Ebermannstadt bis Münchsteinach (74
km)
Anhand des Hahnenschreies zu nachtschlafener Zeit merken
wir, daß wir uns auf dem Bauernhof befinden! Während der ersten Kilometer
der heutigen Etappe merke ich die Anstrengung der letzten zwei Tage noch
in den Knochen, aber dieser Tag wird uns kaum Steigungen bringen. Bis
Forchheim radeln wir zuerst an der Bundesstraße entlang, dabei haben wir
entweder Rückenwind oder aber eine leicht abschüssige Strecke, jedenfalls
laufen die Räder konstant über 22 kmh! So haben wir also schon ein paar
geschenkte Kilometer hinter uns, als wir bei Forchheim die Regnitz
überqueren und ins Aischtal hinüberwechseln. Als sich eine Gelegenheit
ergibt, erstehen wir in einer Metzgerei recht preisgünstig ein paar
Wurstsemmeln, die nicht recht alt werden. In Höchstadt an der Aisch
bekommen wir das bisher beste Eis des Urlaubs in einem Eiscafé am
Marktplatz. Der Charakter der Landschaft ist hier ganz anders als in der
Fränkischen Schweiz: das Aischtal ist weit und flach und vom Getreideanbau
geprägt. Rechter Hand der Steigerwald, links in einiger Entfernung die
Frankenhöhe, der Talgrund jedoch brettl-eben, so läuft es kilometerweit
dahin. Am Spätnachmittag nähern wir uns Münchsteinach, ein um ein Kloster
herumgebautes Städtchen mit dem schönsten Campingplatz der ganzen Reise.
Vor dem
Eintrudeln auf dem Campingplatz erstehend wir in einem Tante-Emma-Laden
noch die Lebensmittel für unser Abendessen, dann wird eingecheckt, Zelt
aufgebaut, der Feierabend genossen! Gleich neben uns schlägt ein
holländisches Ehepaar ihr Zelt auf, die sind von Holland aus den Rhein
herunter geradelt. 6 Wochen haben die beiden Zeit, ist das nicht
beneidenswert?
Mittwoch, 4. August 1999 - Münchsteinach bis Dettwang (71
km)
Bevor wir Münchsteinach verlassen, schauen wir uns noch die
Klosterkirche an. Das ist bald geschehen, die Straße hat uns wieder. In
Neustadt an der Aisch gönnen wir uns ein zweites Frühstück, während wir
das Markttreiben beobachten, anschliessend durchmessen wir eine
Landschaft, die mich an die Weser-Tour erinnert: flach, gelbe
Getreibefelder, siedend heiße Temperaturen und flirrende Luft über den
Feldern! Einmal machen wir Pause im mediterran anmutenden Innenhof
eines Landgutes, einmal kosten wir das in Bad Windsheim angebotene Eis,
verirren uns dabei an diesem Tag das erste Mal, weil wir nicht richtig aus
dem Ort herauskommen.
Eine
Durchfahrt durch einen malerische Ort wird mit einer Apfel- und
Bananenpause gekrönt. Nach Bad Bernburg verirren wir uns das zweite Mal,
wobei mir der eine oder andere Fluch über die Lippen kommt, bis wir uns
endlich auf der Zielgerade nach Rothenburg befinden. Schließlich taucht
die Silhouette der mittelalterlichen Stadt am Horizont auf. Mit müden
Beinen kämpfen wir uns die langgestreckte Auffahrt hinauf - die Hitze hat
uns heute fertiggemacht - und rollen an der Altstadt vorbei die
Serpentinen hinunter nach Dettwang ins Taubertal, denn dort gibt es einen
Campingplatz!
Donnerstag, 5. August - Rothenburg ob der
Tauber
Heute ist Radlpause! Wir legen uns aber nicht auf die
faule Haut sondern marschieren zu Fuß hinauf in die Stadt, wobei es sich
ganz gut trifft, daß es heute trübe ist, sogar leicht nieselt. Rothenburg
ist größer und beeindruckender, als ich es von früheren Besuchen her in
Erinnerung habe, die Anzahl der Touristen ist jedoch gleichgeblieben. Wir
wandern an der Stadtmauer entlang und schauen immer wieder hinunter ins
Taubertal und auf die Hügelketten jenseits des Flüßchens: Dort hinauf soll
es morgen also gehen! Als wir uns über die vergangenen Reisetage
unterhalten, kommt mir die Idee, die Tauber ein kleines Stückchen hinunter
zu fahren und einen anderen Übergang ins Jagsttal zu suchen, denn die im
Radwanderführer beschriebene Route birgt wieder etliche Steigungen in
sich, dabei haben wir uns gerade so schön ans Flachland gewöhnt! In einem
Buchhandel erstehe ich eine Landkarte die uns neue Möglichkeiten aufzeigt
und wir ändern den ursprünglichen Reiseplan kurzerhand nochmals
ab...
Freitag, 6. August - Dettwang bis Creglingen (29
km)
Der Tag fängt mit einer ganz anderen Stimmung an, als er
aufhören wird! Ganz gemütlich legen wir am Morgen los. Die Sonne lacht
wieder, ein Teilstück des allseits gerühmten Radweges “liebliches
Taubertal” liegt vor uns. Wir sind so entspannt, daß wir sogar auf die
Helme verzichten, die wir vor dem Urlaub erst erstanden und am Anfang brav
aufgesetzt haben. Im Gegensatz zu den ersten Tagen, wo uns kaum
Reiseradler begegnet sind, ist hier natürlich einiges los, immer wieder
werden wir überholt oder überholen selber, die Strecke hier ist
anscheinend wirklich recht beliebt. Es ist aber auch zu schön hier: der
Radweg ist autofrei und angenehm zubefahren, das Taubertal ist recht
idyllisch, die Dörfer und Städtchen fachwerkbunt.
So bewegen
wir uns recht aufgeräumt durch die Landschaft, als ein paar Meter vor mir
ein dicke fette Kröte, den Radweg kreuzt. Ich finde das interessant und
lustig, bremse ein wenig plötzlich, um mir das Schauspiel in Ruhe
anzusehen. Margrit bekommt mein Manöver zu spät mit, legt eine
Vollbremsung hin und stürzt recht unsanft auf den rechten Ellbogen und die
Handflächen. Zwar kann sie gleich aufstehen, aber sie blutet recht stark.
Was tun? Wir sind ein paar Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt.
Also waschen wir die Wunden aus und verbinden sie notdürftig. Es bleibt
uns nichts anderes übrig, als in die nächste Ortschaft zu radeln, um einen
Arzt zu suchen. Das zieht sich aber noch einige Kilometer hin, bis wir in
Röttingen endlich einen Medicus aufstöbern. Margrit hält tapfer
durch...
Es ist zwar
nichts gebrochen, aber es sieht gar nicht gut aus und die Ärztin verweist
uns ins Krankenhaus nach Creglingen, etwa 15 km zurück Richtung
Rothenburg. Wie soll das nun wieder vor sich gehen, ohne die Räder? Man
bestellt uns ein Taxi. Der Fahrer chauffiert uns ins Krankenhaus und
langsam wird uns klar, daß eine Fortsetzung der Reise gar nicht so
selbstverständlich ist. Tatsächlich sind die Wunden an den Handflächen
“nur” Hautabschürfungen, doch die Ellbogenwunde erfordert eine Ruhe-
stellung des Gelenkes, denn der Schleimbeutel wird herausoperiert, die
Wunde wird drainiert und Margrit muß mit einer Flasche an einem Schlauch
herumlaufen, in der sich Blut aus der Wunde sammelt - eine recht
appetitliche Angelegenheit.
Der
Taxifahrer hat gewartet und jetzt hole ich mit ihm die Räder von Röttingen
bis hierher nach Creglingen, während Margrit uns im Fremdenverkehrsbüro
ein Zimmer besorgt. Als ich das Taxi bezahle, muß ich trotz der
deprimierten Stimmung schmunzeln, denn die drei Stunden kosten 60,--
DM, für Münchner Verhältnisse ein Spottpreis. Was nun? Margrit hat in
Creglingen ein Zimmer für uns gefunden, es ist eine Privatunterkunft, wo
wir von der Hausbesitzerin sehr freundlich aufgenommen werden. Sie bietet
uns an, eine Ferienwohnung benutzen zu können, falls wir länger bleiben
müssen. Doch wir halten noch die Illusion aufrecht, daß wir morgen
weiterfahren können. Abends sitzen wir in einer Gartenwirtschaft und
versuchen nachzuvollziehen, was dieser Unfall nun nach sich
zieht. Immerhin: die Kröte hat es überlebt!
Samstag bis Mittwoch - Aufenthalt in
Creglingen
Bei der Nachuntersuchung am Samstag Vormittag,
eröffnet uns die Ärztin, daß an eine Weiterfahrt nicht zu denken ist.
Vielleicht am Montag, wahrscheinlich aber erst am Dienstag oder Mittwoch.
Jetzt erst realisiere ich erst alles und versuche mit meiner Enttäuschung
fertig werden. Fieberhaft überlege ich mir, wie wir trotzdem Ausflüge
machen können, um nicht an dieses kleine Nest (das zugegebenermassen recht
idyllisch ist) gefesselt zu sein. Wir kommen auf die Idee, ein Mietauto zu
nehmen, doch das ist nicht einfach. Als wir es schließlich organisiert
bekämen fällt mir ein, daß ich meinen Führerschein in München liegen
habe. So verbringe ich den Großteil dieses Tages damit, mich mit der
Situation abzufinden. Irgendwann gelingt mir das auch. Margrit kann
nur eine Hand gebrauchen, benötigt also alle möglichen Hilfestellungen und
gerade das bringt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück,
schließlich hätte es auch schlimmer ausgehen können.
Wir nehmen
das Angebot der Hauswirtin an uns siedeln in die Ferienwohnung über,
kaufen Lebensmittel ein und machen es uns in dem kleinen Ort gemütlich.
Den Sonntag Nachmittag verbringen wir unten an der Tauber, schauen den
Enten zu, lesen, unterhalten uns. Am Montag fahren wir mit dem Bus nach
Rothenburg, besichtigen nochmals die Stadt. Am Dienstag nimmt uns die
Hauswirtin mit nach Ochsenfurt und erzählt uns allerhand Wissenswertes
über diesen Landstrich. Am Mittwoch können wir weiterfahren.
Mittwoch, 11. August - Creglingen bis Bad Mergentheim (35
km)
Recht
unsicher sind wir heute auf den Beinen bzw. auf den Rädern, müssen
nochmals an der Unglücksstelle vorbeifahren. Langsam kehren die
Lebensgeister zurück, ich habe wieder einen Blick für die Landschaft. Um
die Mittagszeit erreichen wir Weikersdorf, daß mit einem mittelalterlichen
Ortskern und einem Renaissance-Schloß aufwarten. Heute ist der Tag der
Sonnenfinsternis, und während wir unsere Schutzbrillen, die wir
vorsorglich mitgenommen haben, herauskramen, merkt man schon eine
Veränderung des Lichts. Ganz allmählich schiebt sich der Mond vor die
Sonne, es ist zwar bewölkt, doch durch Wolkenlücken sieht man immer wieder
auf das Geschehen. Leider sind wir etwas außerhalb der idealen
Beobachtungszone, deswegen wird es nicht stockdunkel, doch es reicht, um
mir Gänsehaut über den Rücken kriechen zu lassen.
In
nachdenklicher Fahrt folgen wir weiter der Tauber. Links und rechts
wachsen Weinberge empor, als wir schließlich Bad Mergentheim erreichen.
Hier besuchen wir das Deutschordensschloß mit Museum und tauchen in die
Vergangenheit des Ritterordens ein, werden - wie schon die ganze Zeit auf
dieser Reise - mit dem Mittelalter konfrontiert. In Rothenburg habe ich
immer versucht, mir die einzelnen Menschen vorzustellen, die am Bau der
Kirchen und Häuser beteiligt gewesen waren, wie sie Stein auf Stein
geschichtet haben, die Straßen gebaut, die Mauern hochgezogen haben.
Solche Gedanken beschäftigen mich auch jetzt, als wir aus dem Museum
herauskommen.
Doch die
letzten paar Kilometer bis zum Campingplatz bewältigen sich nicht von
selbst, wir müssen also noch ein halbes Stündchen in den Sattel, bis wir
unser Zelt aufbauen können. Margrit hält sich recht gut, es scheint mit
dem Arm einigermaßen zu funktionieren, zudem nähern wir uns ja rapide dem
Ende unseres Urlaubs. Wir sitzen vorm Zelt, bereiten unser Abendessen
zu, öffnen die obligatorische Flasche Frankenwein, beobachten die gerade
ankommenden Radler, lassen den Tag noch mal vor unserem inneren Auge
vorüberziehen...
Donnerstag, 12.August - Bad Mergentheim bis Jagsthausen (45
km)
Als ich heute
die Nase aus dem Zelt herausstrecke, denke ich nur ein Wort: “Herbst”!
Es ist kühl, der Nebel liegt im Tal, die Luft hat eine besondere
Beschaffenheit - wie im Frühherbst eben. Obschon die Sonne den Nebel
vertreibt, bis wir reisefertig sind, habe ich das Gefühl, daß der Sommer
fast schon vorbei ist. Dementsprechend melancholisch ist mir zumute, als
wir einen mäßigen Höhenzug hinaufstrampeln, der das Tauber- vom Jagsttal
trennt. Oben angekommen werden wir jedoch auf’s Fürstlichste belohnt, denn
es wartet eine kilometerlange Abfahrt auf uns.
Im Jagsttal
angekommen, wenden wir uns nach Westen, wo der Weg bald in
Flußnähe dahin führt. Die Jagst ist hier wohl ein Kanu-Paradies,
jedenfalls tönt immer wieder Stimmengewirr vom Wasser her. Dieses Tal ist
von Ackerbau geprägt, es gibt keine Weinberge. Macht auch nichts.
In der Nähe
von Berlichingen erreichen wir einen großen Klosterkomplex, wo wir eine
Kirche besichtigen, vor der barocker Pracht wir andächtig den Hut (besser
gesagt: den Helm) ziehen. Das Klostercafé versorgt uns mit Kaffee und
Kuchen. Von hier bis nach Jagsthausen ist es eigentlich nur mehr ein
Katzensprung, doch will diese Wegstrecke auf einer stark befahrenen Straße
zurückgelegt werden, was an den Nerven zerrt.
In
Jagsthausen gibt es natürlich die Götzenburg zu besichtigen, doch
angesichts der touristischen Aufbereitung des Areals, lassen wir es bei
einem Anblick von außen bewenden. Innerlich denken wir uns jedoch das
bekannte Zitat! Unser heutiger Campingplatz ist eigentlich nur für
Club-Mitglieder, aber da wir höflich fragen und Margrit den verbundenen
Arm vorzeigt, dürfen wir als einzige Fremdgäste für einen Spottpreis die
Nacht hier verbringen.
Wir haben
direkten Zugang zur Jagst, an deren Ufer wir den Sonnenuntergang erwarten.
Freitag, 13. August - Rückreise nach Zürich
An
diesem Morgen finde ich mich selber nicht recht und schleppe eine Zeit
lang eine schlechte Laune mit mir herum. Dabei dürfen wir zuerst ein
paar Kilometer durch ein Naturschutzgebiet fahren, dessen Stille mich
besänftigt. Das ist jedoch gleich wieder ver- gessen, als wir in
Möckmühl das Krankenhaus suchen, um Margrits Arm nachschauen zu lassen.
Das Krankenhaus liegt oben am Berg und bis da rauf gibt es nur
Hauptstraße. Wenn man so aus der Ruhe heraus mit dem Straßenverkehr
konfrontiert wird, wird einem der ganze Wahnsinn dahinter erst so richtig
bewußt. In der Klinik müssen wir den Arzt dazu überreden, daß er
Margrits Arm nicht gleich eingipst, sondern ihr nur einen steifen Verband
anlegt. Es war wohl doch nicht die beste Idee, die zwei Tage noch zu
fahren, denn eigentlich sollte der Ellbogen still gehalten werden, aber
das wird nun in Zürich nachgeholt werden.
Uns wird
schnell klar, daß die Reise hier und jetzt zu Ende ist, aber Margrit muß
zumindestens noch bis zum Bahnhof fahren können. Das funktioniert auch.
Von Möckmühl aus gibt es zwar keine Direktverbindung nach Zürich, dafür
aber nach Stuttgart, wo wir um die Mittagszeit eintreffen. In Stuttgart
lacht uns das Glück, da der ICE nach Singen ein Fahrradabteil mitführt,
dieses ist zwar ausgebucht, doch es kommt niemand von den “Reservierten”
und wir dürfen die Velos mitnehmen. Wir fahren den Neckar entlang nach
Süden, was natürlich sofort als zukünftige Radlstrecke angedacht
wird. In Singen dann noch den Anschlußzug nach Zürich und kurz vor
18.00 sind wir wohlbehalten in der Wohnung angekommen. Am nächsten Tag
kommt Margrit mit einem Gips vom Zürcher Krankenhaus zurück...
Trotz des
Unfalls ziehen wir ein positives Resumee: wir haben viel mehr von der
Gegend gesehen als bei der Fulda-Weser-Tour, die kürzeren Tagestouren
haben uns gutgetan, das Übernachten auf dem Campingplatz war ein
Volltreffer, es hat soviel Spaß gemacht - und preisgünstiger sind wir auch
noch weggekommen!
Wenn man
nicht aufpasst, greift der Velovirus von einem Besitz, er nistet sich ein
und lässt einen nicht mehr los. Das kann sich zum Beispiel so auswirken,
daß man auf Tour kritisch und mit Interesse die Ausrüstung der anderen
Radler mit der eigenen vergleicht und daraus gewisse Schlüsse
zieht...
Es war jetzt
die zweite Radreise mit dem Pacer Arrow. Es hat wunderbar durchgehalten,
aber die sportliche, unkomfortable Sitzposition passt nicht so recht zu
unserer gemütlichen Fahrweise. Zuhause in München fällt mir ein Prospekt
der Firma Utopia aus Saarbrücken in die Hände, die robuste, maßgefertigte
Alltags- und Reiseräder in ihrem Programm führen, speziell auf
komfortables Reisen mit viel Gepäck ausgerichtet. Und wie es im Leben
manchmal so geht, entdecke ich zufällig in München einen Händler, der
diese Räder im Angebot hat...
Fünf Wochen
später unternehme ich die letzte Tour in diesem Jahr mit dem neuen
Utopia London, einem Urgestein von einem Rad, die Isar entlang nach
Wolfratshausen.
Was kommt
nächstes Jahr? Endlich mal in die neuen Bundesländer? Es gäbe Fernradwege
in Mecklenburg, oder die Elbe entlang oder den
Ostseeküstenradweg... |