September 1998 - Bodensee und Hochrhein

Wankelmütiger Petrus...
 
 
 
 
 
 

Im Frühsommer 1998 reisen wir in die Bretagne, um mal wieder eine Weile so “richtig” am Meer zu sein. Leider müssen die Räder zuhause bleiben, weil wir mit dem Zug dorthin reisen. Im September wollen wir jedoch noch eine Radreise unternehmen. Margrit hat aber nur mehr eine Woche Urlaub, deswegen planen wir Folgendes:

wir werden ein Wochenende am Bodensee Radfahren, Margrit wird am Montag dann wieder nach Zürich zurückreisen und in die Arbeit gehen. Ich werde dann ein paar Tage alleine am Bodensee verbringen und in meiner zweiten Urlaubswoche wollen wir dann zusammen von Zürich aus die neu ausgeschriebene Mittellandroute Richtung Genf fahren.


Samstag, 19. September - Rohrschach bis Bregenz (33 km)

Vormittags nehmen wir den Zug von Zürich bis Rohrschach. Heute ist der erste sonnige Tag nach einer langen Regenperiode, wir sind guter Dinge und freuen uns auf die Tour. Die Strecke ist uns schon von der Vorjahrestour bekannt: wir erklimmen zuerst den Rohrschacher Berg, radeln durchs Rheindelta, wo wir eine ganze Schar Brachvögel sehen, und kommen nachmittags in Bregenz an. Dort haben wir im Hotel Central für zwei Nächte ein Zimmer vorbestellt. Doch bevor wir ins Hotel gehen, setzen wir uns noch ein kleines Weilchen in ein Café an der Seepromenade und leisten uns das letzte Eis des Jahres. Nachmittagssonne, klare Luft und weite Sicht über den See versetzen uns in Hochstimmung, aber es ist trotz Sonnenschein recht kühl. Abends erkunden wir Bregenz zu Fuß bis wir hungrig genug sind, um in einem kleinen aber feinen Restaurant unseren Abend zu beschließen.


Sonntag 20. September - Bregenz bis Friedrichshafen (38 km)


Wie das bei Hotelübernachtungen üblich ist, bestimmen die Frühstückszeiten über aufstehen müssen oder liegenbleiben dürfen. In unserem Falle bedeutet das, daß es nur bis 9.30 Uhr Frühstück gibt. Deswegen sind wir schon bald auf den Beinen, bzw. in den Pedalen. Bei herrlich friedlicher Morgenstimmung fahren wir die Seepromenade in Richtung Lindau.


Ähnlich wie vor einem Jahr ist es eine bewegende Sinfonie in Blau! Der See ist spiegelglatt, kein Lüftchen regt sich. Aber es ist wieder recht kühl, deswegen trinken wir am Lindauer Hafen diesmal keinen Kaffee, sondern Tee, als wir in einem Strassencafé sitzend die Touristenscharen beobachten, die die Passagierboote besteigen oder gerade ankommen. Wir beschließen, bis Friedrichshafen weiterzuradeln, dort dann das Schiff zurück nach Bregenz zu nehmen. Als wir wieder unterwegs sind, gesellt sich zur recht niedrigen Temperatur noch ein frischer Wind dazu.


Die Strecke ist uns hinlänglich bekannt, es geht durch Wohnsiedlungen, an Seepromenaden entlang und durchs Eriskirchner Ried, bis wir am Nachmittag Friedrichshafen erreichen. Die Rückfahrt nach Bregenz ist ein wahres Naturschauspiel: die tiefer sinkende Sonne taucht alles in ein mildes Licht, der tiefblaue See ist von den Segelbooten weiß gesprenkelt und als wir am orientalisch anmutenden Schloß Montfort vorbeiziehen, fühle ich mich in ein südliches Land versetzt.


Montag, 21. September - Bregenz bis Gaienhofen (39 km)

Margrit muß leider nach Zürich zurück, mein Urlaub hat jedoch erst begonnen. Wir regeln das so, daß sie mit dem Zug nach Hause fährt, ich jedoch mit dem Kursschiff bis Konstanz fahre und dann von dort aus mit dem Velo weiterradle. Margrit bringt mich an diesem nebligen Morgen zum Schiff. Es ist die “Austria”, und ich bin der einzige Fahrgast an Bord. Als wir ablegen, sehe ich Margrit traurig am Kai stehen und winken...



Ich mache es mir hinten auf dem Deck bequem, wo ich auf der Stelle von einem freundlichen Stewart einen Kaffee serviert bekomme. Während ich mein Tagebuch aus dem Gepäck hervorhole, lichtet sich der Nebel langsam, so daß die Sonne ihre Strahlen durch die Wolken schicken kann. Ruhig und beschaulich bleibt es jedoch nur bis Lindau, denn dort steigt die erste Reisegruppe zu. Wir legen an jedem Ort an, nehmen jedesmal eine Schar Passagiere auf, es wird immer voller, lauter, quirliger. Immerhin hat der Wind den Himmel blankgefegt, die Sonne hat endlich freie Bahn. Ich komme mit einer älteren Dame ins Gespräch, die mir - sie selber lebt im Ruhrgebiet - von ihren wiederholten Auf- enthalten hier im Bodenseegebiet erzählt und mir von der Gegend hier vorschwärmt. Ich kann ihr da nur beipflichten. Besonders jetzt, da wir uns schon Meersburg nähern und die Alpengipfel hinter uns zurückbleiben und die Landschaft mehr Weite bekommt, gefällt es mir hervorragend.

In Meersburg nehmen wir nochmals eine große Menschentraube auf, die hinüber zur Insel Mainau will, das wir als nächste Station ansteuern. Danach wird es wieder ruhiger, wir nähern uns Konstanz und als wir unter der sich langsam drehenden Imperia dahingleiten, bereite ich mich aufs Ausladen vor. Bevor ich mich an Land in den Sattel schwinge, erstehe ich an einem Kiosk eine Telefonkarte und eine Packung Kekse. Mittag ist jetzt schon vorbei, als ich mir den Weg durch den Konstanzer Stadtverkehr suche. Nach der Altstadt kommen wie heutzutage üblich die unansehnlichen Gewerbegebiete, doch bald radle ich an der Nordseite des Untersees entlang. Die Insel Reichenau grüßt linker Hand herüber, ich bin gut gelaunt, deswegen macht es mir gar nichts aus, daß ich an einem Radweg entlang der Bundesstraße geführt werde. Auch hier ist ein Zugang zum See nur ab und zu möglich. Kurz vor Allensbach jedoch zweigt ein unbefestigter Weg von der Bundesstraße ab. Super! denke ich, aber als ich ein paar Meter auf diesem Feldweg gefahren bin, höre ich ein verdächtiges Geräusch (”Plopp”) und sofort schleift der Hinterreifen an den Bremsen. Das kenne ich doch von irgendwoher! Richtig, als ich mir die Sache ansehe, bemerke ich schon wieder eine gebrochene Speiche und den damit verbundenen Achter.

Was nun folgt, ist unter der Rubrik “Glück im Unglück” einzuordnen: in Allensbach finde ich eine Fahrradwerkstatt, die geöffnet hat und mir den Schaden sofort behebt - als Reiseradler genießt man am Bodensee anscheinend Vorrechte! Jedenfalls ist in einer halben Stunde alles erledigt, ich bekomme sogar eine Übernachtungsmöglichkeit hier im Ort empfohlen. Das würde mich einerseits schon reizen, weil man von dieser Seeseite aus bestimmt den Sonnenuntergang gut sehen könnte. Aber es ist mir zu früh. Den ganzen Vormittag habe ich auf dem Schiff verbracht, ich verspüre jetzt einfach noch Bewegungsdrang. Aber ich will nicht viel Zeit mit der Zimmersuche verbringen, deswegen reserviere ich mir ein Zimmer im “Sunnehof” in Gaienhofen voraus, bevor ich mich wieder auf den Weg mache. In Radolfszell pausiere ich auf der Seepromenade und bevor ich in Gaienhofen eintreffe, radle ich in der Spätnachmittags- sonne am Untersee entlang, mit den Vulkankegeln des Hohenstoffeln und des Hohentwiels im Rücken. Mein Zimmer erweist sich dann als rechte Rumpelkammer, ich kann mich kaum umdrehen, aber es ist preisgünstig, was mir nach dem exklusiven Bregenz ganz gut bekommt. Abends sitze ich in der Wirtsstube, verzehre ein Pfeffersteak mit dem vom Wirt empfohlenen Spätburgunder Weisherbst von der Insel Reichenau und lasse bei Schlagermusik vom Radio den heutigen Tag nochmals an mir vorüberziehen.


Dienstag, 22. September - Gaienhofen bis Hohentengen (76 km)

Wie früher schon mal erwähnt hat es für mich einen eigentümlichen Reiz, wenn ich morgens das Rad bepacke und dann in den jungen Tag hinausgleite, Verheißung liegt in der Luft, ich freue mich auf die Landschaften, die ich durchradeln und “erfahren” werde!



Heute hat es Hochnebel, der sich einfach nicht lichten will, der See liegt verlassen da. Mich friert und ich will einfach nicht warm werden, also ziehe ich alles an, was ich an warmen Sachen dabeihabe, T-Shirt, Fleecepulli, Fleeceweste und Windjacke. Das reicht dann gerade mal aus. Wie ich da so alleine im Nebel vor mich hinradle, fühle ich mich ein wenig einsam, kein anderer Radler weit und breit, nicht mal Autos sind unterwegs, dabei ist es mitten am Vormittag. Das ändert sich in Stein am Rhein, dort scheint immer was los zu sein. Ich rolle die mir schon bekannte Strecke nach Schaffhausen, bin überrascht, daß die schlechte Wegpassage vom Vorjahr inzwischen asphaltiert ist, trinke in Schaffhausen Kaffee und beschließe, mir das Kloster Rheinau anzuschauen.


Ich bin inzwischen ein alter R(h)einfall-Hase, darum radle ich ohne großen Aufenthalt am Wasserfall vorbei, bis ich das Kloster Rheinau erreiche. Dort halte ich mich auf dem Vorplatz eine Weile auf und schaue mir das Gebäude von außen an, kann mich aber nicht so recht zu einer Besichtigung der Innenräume durchringen. Bis Eglisau möchte ich die linke Rheinseite hinunterfahren, die ist mir nämlich unbekannt. Da führt der Weg alsbald durch den Auwald, dann muß ich nach der Ortschaft Flaach den Irchel hinaufstrampeln (auf der anderen Bergseite in Serpentinen bergab), bis ich den Zusammenfluß der Töss mit dem Rhein erreiche, ein wahrhaft nettes Fleckchen Erde.








Eine Jugendgruppe überholt mich mir ihren Rädern, als ich gerade, in launiger Betrachtung versunken, einen Apfel vertilge. Ein paar Minuten später sehe ich die jungen Radler am Wegesrand stehen und einen Schlauch flicken. Der “Anführer”, ein Jugendarbeiter, hat keine passende Luftpumpe dabei, ich aber schon, und so mache ich eben nochmals ein Päuschen und habe noch ein nettes Pläuschchen...

Jetzt komme ich wieder durch bekanntes Gebiet: Eglisau, das Rafzer Feld - ich fahre inzwischen wieder rechtsrheinisch. Langsam mache ich mir Gedanken über eine Bleibe für die Nacht. Ich würde mir heute gerne etwas Komfortableres suchen, denn nach dem gestrigen Wohnklo und der kalten Tagesetappe sehne ich mich nach einem gewissen Grad an Gemütlichkeit. Die etwas teureren Hotels in der Umgebung sind jedoch ausgebucht, was ich finde, ist eine Privatpension zu einem günstigen Preis. Aber mir wird schnell klar, daß ich gar keine Wahl habe und froh sein muß, wenn ich überhaupt was bekomme. Naja, als ich in Hohentengen, meinem Etappenziel, ankomme, entpuppt sich das vorbestellte Zimmer als ausgebauter Keller. Aber ich habe eine Heizung und Dusche und zahle nur 30,-- DM inkl. Frühstück. Wenigstens kommt abends noch die Sonne durch. Ich lustwandle noch eine zeitlang am Rhein und gönne mir abends ein hervorragendes Abendessen in einem Fischrestaurant.


Mittwoch, 23. September - Hohentengen bis Rheinfelden (70 km)

Am Morgen gibt es wieder Nebel, was mir ziemlich die Stimmung verhagelt, außerdem war’s gestern ein langweiliger Abend in meinem Kellerloch. Deswegen spiele ich mit dem Gedanken, von hier aus gleich nach Zürich zu radeln und ein paar Tage zu pausieren, zum Wochenende wollen wir ja zu zweit nochmals wegfahren in Richtung Genf.



Beschließe dann doch, den heutigen Tag noch unterwegs zu sein, schließlich kenne ich das Rheintal in Richtung Basel bisher nicht. Also fahre ich über die Brücke nach Kaiserstuhl auf die schweizer Seite, lächle dem Zollbeamten freundlich zu und rolle durch den Nebel dahin. In Zurzach lichtet sich der Nebel, er hält sich aber noch, als ich in Koblenz wieder das Ufer wechsle. Erst hinter Waldshut wird mir ein wunderbarer Frühherbsttag beschert. Weil die Hügel des Schwarzwaldes nahe an den Fluß heranreichen, muß ich öfter mal ein wenig klettern, es geht jedoch trotzdem zügig dahin und angesichts der wunderbaren Flußlandschaft bin ich froh, mich für’s Weiterfahren entschieden zu haben.




Lauter Bilderbuchstädtchen säumen meinen Weg: Laufenburg zum Beispiel, oder Bad Säckingen, wo ich am Marktplatz eine Gulaschsuppe esse, während eine bulgarische Volksmusikgruppe ein Ständchen gibt. Solchermaßen kulinarisch wie seelisch gestärkt, rolle ich gut gelaunt am Flußufer dahin, ach, was ist es doch wunderbar, unterwegs zu sein! Ich nähere mich dem Einzugsgebiet von Basel, als ich während der Durchfahrt durch den Innenhof von Schloß Beuggen einen Platten fahre - diesmal am Vorderrad. Nun, das ist jetzt wirklich nicht schlimm und während ich immer noch guter Dinge meinen Schlauch wechsle, beobachte ich neugierig ein junges Paar, daß sich am Wegesrand ein heftiges Wortgefecht liefert. Da stecke ich nun lieber in meiner Haut... Nach kurzer Zeit erreiche ich bei immer stärker werdendem Verkehr Rheinfelden, nochmals eine Stadt aus dem Bilderbuch. Ich entschließe mich, auf die paar Kilometer nach Basel zu verzichten, die ohnehin an der Bundesstraße entlang führen und nehme von hier aus den Zug nach Zürich. Froh und zufrieden setze ich mich in den Gepäckwagen neben mein Velo und freue mich auf die kommenden Tage. Doch leider wird nichts aus der geplanten Reise nach Genf, denn Petrus öffnet am nächsten Tag seine Schleusen und beschert uns einen naßkalten Herbst, ich komme nicht mal mehr dazu, das Fahrrad zu reinigen...





 
 
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