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Plötzlich
stehe ich vor der Situation, 14 Tage - also 2 ganze Wochen - Fahrradreise
planen zu dürfen. Es ist wirklich wahr, ich kann es gar nicht glauben!
Anfangs weiß ich nicht so recht, wohin ich denn nun fahren will, denn
Auswahl gibt es zuhauf: die Romantische Straße, den Burgenradweg, den
Rhein oder die Donau entlang?
Doch auf
einmal ruft das Meer! Gibt es nicht einen Radweg an der Weser entlang? Von
Hannoversch Münden bis Bremerhaven? Der ist aber “nur” 440 km lang, viel
zu kurz für 2 Wochen Ferien. Vielleicht könnte man früher beginnen, in
Fulda, denn das Fuldatal soll auch sehr schön sein. Auf einmal steht die
Planung und die Anreise von Zürich aus gestaltet sich auch denkbar
einfach:
Bei
strömenden Regen radeln wir am Freitagnachmittag zum Zürcher Bahnhof. Wir
haben noch etwas Zeit und gönnen uns am Bahnhof noch einen Kaffee, bis
unser Zug nach Basel bereitsteht. Es folgt, wie üblich: Räder in den
Gepäckwagen, Sitzplatz suchen, die Landschaft draußen betrachten! In einer
Stunde sind wir in Basel, wo wir in einen Schnellzug umsteigen, der nach
Frankfurt, Fulda, sogar weiter bis Wismar und Stralsund fährt. Während wir
das Rheintal nach Norden fahren, erscheint noch kurz die Sonne, eine
freundliche Geste, die uns eine wunderbare Abendstimmung beschert. Es ist
schon dunkel, als wir die Skyline von Frankfurt sehen. Kurz vor
Mitternacht treffen wir in Fulda ein, wo wir im Hotel “Peterchens
Mondfahrt” ein Zimmer reserviert haben. Der Hotelbesitzer selbst öffnet
uns zu so später Stunde noch die Pforte und wir dürfen die Velos im
Vorraum abstellen.
Samstag 2. August - Fulda bis Rotenburg
(76 km)
Früh am Morgen verheißt der Blick aus dem Fenster
nichts Gutes: grau in grau zeigt sich alles, Nebel, Nieselregen. Nach dem
Frühstück ist es zwar trocken, die Wolken hängen indes sehr tief, was
unsere Stimmung nicht gerade hebt. Doch es ist der erste Reisetag und ich
bin trotzdem ganz zuversichtlich. Heute, ganz am Anfang, begehen wir
gleich einen Kapitalfehler, der sich während der nächsten Tage wiederholen
wird: Wir fahren los ohne die Stadt zu besichtigen! Wohl kommen wir an
einem Kirchenkomplex vorbei, nehmen die architektonische Schönheit der
Anlage auch wahr, aber meine Ungeduld treibt uns auf die Straße... Der
Radweg ist bald gefunden und ruhig rollen wir aus der Stadt hinaus. Ab und
zu spüren wir ein paar Regentropfen, aber es reicht nicht aus, um die
Regensachen hervorzuholen. Wir wollen uns noch mit Proviant versorgen, um
zwischendrin ein Picknick veranstalten zu können, finden jedoch nirgends
einen Lebensmittelladen, obwohl wir schon durch vier oder fünf Dörfer
gekommen sind. Als wir jemanden fragen, heißt es, daß man nur noch in der
nächst größeren Stadt einkaufen kann, dort fänden wir auch einen
Supermarkt. Nun, die “größere” Ortschaft Schlitz liegt sowieso auf der
Strecke, die Frage ist nur, was die älteren Menschen in so einem
strukturschwachen Gebiet machen, wenn sie nicht Autofahren
können!?
In Schlitz
finden wir dann den Supermarkt und können unseren Vorrat auffüllen.
Anstatt einen kleinen Abstecher zur Burg zu machen, fahren wir gleich
weiter. Immerhin gönnen wir uns ein Picknick auf einer Wiese, was eine
Gruppe biertrinkender Männer auf einem Pferdewagen recht komisch finden,
als sie an uns vorbeikutschieren. Aber das beruht auf Gegenseitigkeit,
denn uns wiederum erscheint dieser feucht-fröhliche Männerverein recht
sonderbar. Als wir weiterfahren, unterqueren wir ein paar mal die
ICE-Trasse, strampeln im engen, gewundenden Flußtal entlang oder gleiten
durch kleine Fachwerkdörfchen.
Die Fulda ist
hier ein kleines Flüßchen, noch unbegradigt und mit Bauernorchideen
zugewachsen, was Margrit sehr gut gefällt. Von Bad Hersfeld sehen wir nur
die Pizzeria, in der wir einkehren, und eine große Strassenkreuzung! Jetzt
werden wir mit der lauten Bundesstraße konfrontiert, neben der wir ein
Weilchen herfahren müssen. Das Donnern der LKWs schmälert natürlich den
Spaß ganz beträchtlich! Kurz vor Rotenburg an der Fulda fängt es
hartnäckiger zu nieseln an, aus diesem Grunde suchen wir uns hier ein
Zimmer, schließlich sind wir heute lang genug unterwegs gewesen. Und
morgen ist auch wieder ein Tag!
Sonntag 3. August -
Rotenburg bis Hannoversch-Münden (93 km)
Unser neugieriger Wirt
sucht beim Frühstück eine Unterhaltung mit uns anzuknüpfen, fragt nach dem
Woher und Wohin, doch ich bin leider ein Morgenmuffel und Margrit braucht
auch immer eine gewisse Zeit, um morgens wach zu werden, so gestaltet sich
diese Kontaktaufnahme unseres Wirts etwas einsilbig. Erst nachdem ich ein
paar Kilometer gefahren bin, werde ich normalerweise richtig wach.
Heute lichtet sich die Bewölkung bald und wir werden einen
sonnigen Tag erleben. Natürlich schaut dann alles ganz anders aus: sogar
den monumentalen Brücken der ICE-Trasse, kann man eine gewisse Eleganz
nicht absprechen. Einmal mehr radeln wir durch Fachwerkdörfer, bis wir in
Melsungen auf einem Platz unser Kaffee-und-Kuchen-Ritual pflegen. Jetzt
hat die Sonne entgültig die Oberhand über die Wolken gewonnen, Pullis und
Jacken verschwinden in den Packtaschen und die kurzen Hosen kommen zu
Einsatz. Kassel ist nicht mehr so weit weg, es gilt eine Entscheidung zu
treffen, denn momentan läuft die Documenta noch. Wenn wir eine passende
Übernachtungsmöglichkeit fänden, würde ich mir die Kunstmesse gerne einen
Tag lang anschauen. Aber mal sehen!
Als wir uns
der Stadt nähern, merken wir schon, daß da etwas nicht so ganz stimmen
kann: immer mehr Fussgänger sind auf dem Radweg an der Fuldaaue unterwegs,
Autos parken überall kreuz und quer, Polizisten regeln den Verkehr. Immer
mühsamer wird das Vorwärtskommen, schließlich müssen wir absteigen und
schieben. Es ist hier zweifellos ein großes Fest im Gange. Überall Imbiß-
und Getränkestände, auf dem Fluß fahren geschmückte Boote, Blasmusik ist
zu hören. Zuerst nehmen wir’s ganz lustig auf, denken, daß der Spuk bald
ein Ende haben wird, doch immer dichter wird das Gedränge und bald liegen
unsere Nerven blank. Als wir uns an einem Getränkestand mit Flüssigkeit
versorgen, werden wir angeschnauzt, weil wir unsere Räder ungünstig
abgestellt haben.
Als wir das
Gelände dann schließlich verlassen haben, reicht es mir, die Dokumenta
kann mir jetzt gestohlen bleiben, ich will nur weg von den ganzen Leuten.
Margrit hätte sowieso nur wegen mir die Messe besucht, also ist sie mit
der Weiterfahrt einverstanden. Allerdings ist es schon später Nachmittag
geworden, eigentlich Zeit für die Zimmersuche, denn wir sind wegen dem
vorherigen Spektakel recht genervt. Doch es will sich keine
Übernachtungsmöglichkeit auftun.
An diesem
Punkt haben wir leider kein Auge für die landschaftlichen Schönheiten,
dabei gibt sich die Fulda doch so große Mühe: gar lieblich zieht sie ihre
Schleifen durch das Waldland, der Weg läßt sich so bequem und immer in
Flußnähe befahren! Doch müde ist müde, bei jedem Dorf ohne Gasthaus wächst
die Enttäuschung. Dann kommt es doch so, daß wir bis nach Hannoversch
Münden weitermüssen, wo am Schluß der Tagesetappe noch eine saftige
Steigung auf uns wartet. Naja, man gönnt sich ja sonst
nichts...
Aber beim
Genießen unseres wohlverdienten Feierabends macht sich dann doch
Zufriedenheit auf unseren Gesichtern breit. Im Treppenhaus unseres Hotels
wirbt ein Plakat für die Sehenswürdigkeiten dieser Region. Es ist von der
Weserrenaissance und der Deutschen Märchenstraße die Rede, vom
Rattenfänger von Hameln und den Bremer
Stadtmusikanten...
Montag, 4. August -
Hannoversch Münden bis Wehrden (67 km)
Ab heute heißt unser
Fluß Weser! Die schöne Altstadt unseres gestrigen Etappenzieles würdigen
wir keines Blickes (oder nur eines kleinen Blickes), schon ruft die
Straße!
Im wahrsten Sinn des Wortes, denn anfänglich müssen wir
heute auf der Landstraße fahren. Die ist Gottseidank nicht stark befahren,
aber wir sind doch froh, als wir wieder auf einen autofreien Weg geführt
werden. Man kann dann nebeneinander fahren und sich besser unterhalten.
Der Fluß, unser ständiger Begleiter ist hier leider schon recht
stark in seinem Lauf reguliert, aber wie zum Trotz schmücken die roten
Orchideen weiterhin die Ufer. Die Landschaft wirkt trotz des Sonnenscheins
etwas düster, was wohl an den dunklen Wäldern liegen mag, die das Bild der
Gegend hier prägen. Ich kann mir ganz gut vorstel- len, daß hier die
Märchen der Gebrüder Grimm entstanden sind. Am frühen Nachmittag erreichen
wir nach der ersten ernstzunehmenden Steigung auf dieser Reise die Stadt
Bad Karlshafen, die einen völlig anderen Baustil aufweist. Das liegt
daran, daß vor ein paar Jahrhunderten aus Frankreich geflohene Hugenotten
diese Stadt gründeten und den französischen Baustil mitbrachten. Wir heben
uns die Stadtbesichtigung wie so oft für spätere Urlaubsreisen
auf.
Später am
Nachmittag setzen wir mit einer kleinen Fähre über den Fluß und finden ein
Zimmer in dem kleinen Ort Wehrden. Da gibt es eine Gaststätte direkt am
Ufer der Weser mit Blick auf Schloß Fürstenberg. So eine Gelegenheit
lassen wir uns dann doch nicht entgehen, so sieht man uns den ganzen Abend
bei Schnitzel, Salat und Radler - das hier schon Alsterwasser heißt - den
Sommer (inklusive Sonnenuntergang) genießen.
Dienstag, 5. August
- Wehrden bis Hameln (75 km)
In der Morgensonne zu radeln,
gehört für mich zu den ganz großen Genüssen. Die Landschaft ist noch
taufeucht und der Himmel ist noch nicht so bleiern schwer wie um die
Mittagszeit, sondern zeigt ein sanftes Blau. Wieder verzichten wir auf
eine Schloß- Besichtigung. Diesmal liegt es daran, daß Schloß Fürstenberg
hoch über dem anderen Flußufer thront! Der Aufstieg will uns gar nicht
recht gefallen. Aber auf unserer Flußseite kommt bald das Kloster
Corvey, wo wir zumindestens in den Innenhof radeln, freilich ohne
abzusteigen oder gar ins Innere zu wollen. Wieder lockt die Ferne! Heute
ist es aber auch interessant: nach jeder Flußbiegung tut sich eine neue
Landschaft auf, wir können uns wirklich nicht über fehlende Abwechslung
beklagen! Als wir in Holzminden Kaffee trinken, sitzen wir in einem
Straßencafé auf der sonnenbe- schienenen “Piazza”, mit all der
mittelalterlichen Stimmung um uns herum.
Heute machen
wir uns auch mit einem anderen Phänomen vertraut, das uns die nächsten
Tage begleiten wird: dem Gegenwind. Recht munter bläst es uns entgegen,
jedoch folgen wir dem mäandrierendem Fluß und haben oft mehr Seiten- als
Gegenwind. Heute scheint mir der heißeste Tag zu sein, mir ist so richtig
schwindlig, als wir Hameln erreichen. Ja ja, der liebe Kreislauf!
Hameln ist
ein Kleinod, zudem natürlich sehr touristisch, dazu trägt der Rattenfänger
bei, es ist auch noch teuer, das stellen wir bei der Zimmersuche fest.
Aber heute ist das mal egal, wir wählen nicht das billigste, sondern das
angenehmste Zimmer. Wir gehen noch Kaffeetrinken in die Fußgängerzone,
aber ich fühle mich heute wirklich nicht wohl, so daß ich mich bald aufs
Zimmer begebe und Margrit alleine einen Streifzug durch die Stadt
unternehmen lasse.
Mittwoch, 6. August
- Hameln bis Minden (72 km)
Heute weicht die Weser dem
Wesergebirge aus und macht einen Knick nach Westen. Das bedeutet für uns
Seiten- bis Rückenwind, aber dafür die Sonne im Gesicht! Nun denn, so ist
das halt! Wir sind nicht undankbar, wir hätten ja auch zwei Wochen
Regenwetter erwischen können! Wir verlassen Hameln auf Schleichwegen,
nicht ohne zuvor noch das Frühstücksbuffet im Hotel Christinenhof
dezimiert zu haben. Der momentane Rückenwind bläst uns an den Dörfern
vorbei: Fischbeck heißt eines davon, Hessisch Oldendorf kann man vom
Ortsschild eines anderen ablesen; in Rinteln lädt uns der Marktplatz zum
Verweilen ein. Eine Metzgerei liefert uns Aufschnitt, den wir unterwegs
mitsamt einer Semmel zu verzehren gedenken. Langsam kündigt sich auch
schon die Norddeutsche Tiefebene an: nur mehr der Höhenzug des
Wesergebirges trennt uns noch von dieser. Das Flußtal ist hier schon recht
weit, es wird Getreide angebaut und über den gelben Feldern flirrt die
Luft in der Mittagshitze. Einmal sehen wir eine Windmühle, gewissermaßen
ein Vorbote für die Kulturlandschaft der Norddeutschen Tiefebene.
Bevor der
Fluß wieder nach Norden in seine ursprüngliche Fließrichtung umbiegt, gilt
es für uns einen anstrengenden Anstieg - zum guten Glück im Wald - hinter
uns zu bringen. Danach nähern wir uns der Porta Westfalica, ein markanter
Einschnitt im Wesergebirge, der den Fluß nach Norden entläßt. Aber so
dramatisch ist das nun auch wieder nicht, durch diese Schneise verlaufen
nämlich die von Menschenhand geschaffenen Verkehrswege, da bleibt von
einem Naturschauspiel recht wenig übrig. Gleich hinter der Porta
Westfalica finden wir in Minden ein Hotel , das uns leidlich
zusagt.
Donnerstag, 7. August - Minden bis Nienburg (74
km)
Ins Tagebuch habe ich unterwegs für die heutige Etappe nur
den einen lapidaren Satz geschrieben: “die Landschaft ist flach geworden,
der Wind bläst heftig von rechts und die Orte sind hübsch” . Dem gibt es
hinzuzufügen, daß wir nach Minden die Kreuzung der Weser mit dem
Mittellandkanal erreichen. Da kann man schon ob dieser gigantischen
Schleuse bzw. des Hebewerkes staunen! Daß jetzt alles so flach ist,
will man am Anfang gar nicht so recht glauben: Getreidefelder bis zum
Horizont, dazwischen mal ein Wäldchen oder eine Allee. Oder Bauernhöfe und
in der Ferne einen Kirchturm - alles natürlich Backstein! Einmal verirren
wir uns ein bißchen und finden den Weg nicht gleich, ein anderes Mal
nähern wir uns einem Dorf mit dem Namen Rußland. Vorher sehen wir ein
Schild am Straßenrand “letzte Raststätte vor Rußland” mit Pfeil nach
rechts in einen Biergarten zeigend.
Doch je
flacher die Landschaft, desto schmucker die Orte, möchte man meinen. In
Nienburg essen wir nachmittags unser wohlverdientes Eis. Dort machen wir
Pläne für die anstehende Zimmersuche. Eine Ortschaft in der Nähe heißt
"Drakenburg" und dieser Name gefällt uns. Doch dort finden wir nicht was
wir suchen, außerdem hält das Ortsbild nicht was der Name verspricht! Im
Niendorfer Stadtteil Holtorf finden wir dagegen was Passendes.
Zu erwähnen
gibt es noch, daß mein blaues Schauff heute seinen ersten Schaden ge-
nommen hat: nachdem ich ein Schlagloch übersehen hatte, schliffen die
Bremsen am Hinterrad und nach erster Untersuchung und Diagnose bemerkte
ich einen Achter und einen Riß im Mantel. Was tun mitten in der Pampa? Ich
hängte die Hinterbremse aus und fuhr einfach weiter, was Besseres fiel mir
im Moment nicht ein oder übersteigerte meine mechanisch-technische
Vorstellungskraft...
Freitag, 8. August - Nienburg bis Achim (72
km)
Es stellt sich eine gewisse Gleichförmigkeit ein: immer
schönes, heißes Wetter mit Seitenwind (bzw. Seitensturm), immer - wie
schon erzählt - Felder bis zum Horizont, Hecken, vereinzelte Baumgruppen,
Kühe, Pferde, niedliche Dörfer und Städtchen mit fachwerkbunten
Backstein-Häuschen. Heute gibt es aber eine große Abwechslung: mein
Fahrrad kränkelt! Wie schon früher mal erlebt, reparieren sich Räder nicht
von alleine über Nacht! So stehe ich etwas ratlos vor meinem Patienten und
weiß nicht so recht, was ich tun soll. Da die Landschaft aber flach wie
eine Flunder ist, meine ich mit meiner Vorderradbremse auszukommen, das
macht mir keine Sorgen. Aber der Achter im Rad und der Riß im Reifen
beschäftigt mich dann doch. Aber anstatt eine Werkstatt aufzusuchen,
fahren wir weiter. Als ob ich auf rohen Eiern balancieren würde, achte ich
auf jedes Geräusch am Rad, auf jede Veränderung im Fahrverhalten. Und
wirklich, der Riß im Reifen wird größer, der Achter auch. Aber es kommt
kein Fahrradladen in Sicht.
Als wir
Verden an der Aller erreichen, bin ich schlecht gelaunt und in mich
gekehrt, das schöne Stadtbild von Verden mit dem eigenartigen Turm kann
mich erst im Nachhinein begeistern. Kein Fahrradladen hier in der
Innenstadt! Aber beim Passieren einer Storchenkolonie bessert sich
wenigstens meine Laune etwas. Am Spätnachmittag sind wir in Achim
angekommen, einem Vorort von Bremen. Von einem Terassemcafé aus kann man
weit über’s Land blicken, wir beide sitzen den ganzen Abend bis nach
Sonnenuntergang dort oben. Die Weser fließt direkt zu unseren Füssen, es
gibt einen Sandstrand wo noch gebadet wird und viele Sportboote, die von
Bremen zu kommen scheinen. Einmal landet ein Heißluftballon auf den
Wiesen, als die Sonne schon den Horizont berührt hat. Jetzt ist es also
Freitag und wir sind schon bald am Ziel unserer Reise angekommen. Was tun?
Einerseits wären angesichts der Hitzewelle ein paar Badetage am Meer nicht
schlecht, andererseits könnte man noch weiter nach Norden fahren, über die
Elbe setzen, Cuxhaven, Kiel oder Flensburg ansteuern...
Samstag, 9. August - Achim bis "irgendwo hinterm Deich am
Flüßchen Hunte" (74 km)
Zwecks weiterer Planung suche ich heute
in Achim zwei Buchhandlungen auf, aber es läßt sich keine Fahrradkarte von
Schleswig-Holstein auftreiben. Also verschiebe ich das auf später. Jetzt
geht es ohnehin Richtung Bremen. Die große Stadt läßt sich ganz leicht
durchqueren, die Weser entlang zieht sich ein Grüngürtel mit Spazier- und
Radwegen. Wie gewohnt verzichten wir auf den Besuch der Stadt (sträflich,
sträflich...). Jenseits von Bremen begrüßen uns die Kräne des Seehafens,
die wir eine zeitlang an unserer Seite haben, bis das weitläufige Hafen-
und Industriegebiet hinter uns liegt. Dann machen wir Bekanntschaft
mit dem Deich, dem Grasbewachsenen, der uns die Sicht nach rechts
versperrt und uns den Blick auf die Weser vorenthält. So bleibt das jetzt:
links flaches Land mit Wiesen, Kühen, Schafen, Pferden - rechts die grüne,
schräge Wand des Deichs, hier nur mit Schafen (keine Kühe, keine Pferde!).
Bevor ich jedoch anfange mich darüber zu mokieren, fängt das Hinterrad an,
ernsthafte Schwierigkeiten zu machen. Jetzt sollte ich mir aber wirklich
einen neuen Reifen zulegen, denke ich so vor mich hin, während der Riß
immer größer wird und der Schlauch schon wie ein Ballon nach außen
drängt...
Aber die zwei
Fahrradläden, an denen wir vorbeikommen, haben schon geschlossen! Mir
bleibt nichts anderes übrig, als den Reifen mit Klebeband zu bandagieren
-eine absolut professionelle Reparatur - und zu hoffen, daß ich noch bis
Montag weiterfahren kann. Die ganz Sache kostet natürlich Nerven, die
langweilige Landschaft kommt auch noch dazu, deswegen strample ich
mißmutig und mechanisch vor mich hin, nicht ahnend, daß der Tag noch eine
weitere Herausforderung mit sich bringen wird: es gilt nämlich, den Fluß
Hunte zu überqueren. Der ausgeschilderte Radweg führt wieder mal über eine
Eisenbahn- brücke, gar nicht mal so hoch, aber der Radweg ist nicht einmal
einen Meter breit, der Boden besteht aus Gitterrost und von einer Brüstung
sehe ich hier so gut wiegar nichts! Was ist zu tun, wenn der Martin wieder
mal vor lauter Höhenangst in Panik ausbricht? Umkehren und einen anderen
Weg suchen! Nach kurzer Beruhigungsphase kehren wir um und suchen auf der
Landkarte eine Alternativ-Strecke. Margrit nimmt das alles recht locker,
bemerkt jedoch, daß es für heute eigentlich genug ist. Ich kann da nur
zustimmen und das Glück meint es gut mit uns, denn wir finden nach ein
paar Minuten einen Gasthof direkt am Fluß Hunte gelegen, mit einem großen
Garten, einem Bootssteg, auf dem liegend wir den Sonnenuntergang und
erleben, und einem freien, erschwinglichen Doppelzimmer. Außerdem führt
nebenan eine breite Autobrücke über den Fluß...
Sonntag, 10. August - von "irgendwo hinterm Deich am
Flüßchen Hunte" bis Tossens (75 km)
Der Abend war der
erholsamsten einer, gar grausam jedoch war die Nacht: was tut man in einem
Mansardenzimmer, daß sich tagsüber wie ein Backofen aufgeheizt hat, wenn
man das Fenster nicht aufmachen kann, weil sonst Millionen von Steckmücken
über einen herfallen? Richtig! Man läßt das Fenster zu und leidet! Wenn
aber das Fenster zu ist, die Luft siedendheiß, aber schon Stechmücken im
Raum sind, die man aber wegen der Holzdecke nicht sehen und deswegen nicht
totschlagen kann? Man leidet erst jetzt richtig, flucht vor sich hin und
findet keinen Schlaf! Ein Wunder, daß wir am Morgen dennoch einigermaßen
gut gelaunt sind, wenn auch übernächtigt und müde. Heute nähern wir
uns dem eigentlichen Reiseziel. Wir befinden uns auf der linken Weserseite
und müssen dann oben bei Bremerhaven mit der Fähre hinübersetzen, wenn wir
weiter nach Norden fahren wollen. Aber soweit sind wir noch nicht, wir
radeln nämlich gemütlich den Deich entlang, bei weit über 30 Grad und
grellem Sonnenschein. Einmal können wir durch ein Öffnung im Damm direkt
zur Weser fahren, die hier schon dem Einfluß der Gezeiten unterworfen ist.
Als wir an einem kleinen Leuchtturm Rast machen, gesellt sich ein
einheimischer Radfahrer zu uns, der mit uns ein Gespräch über Radreisen
und Wanderungen anknüpft. Er erzählt uns, daß er voreiniger Zeit mit
seiner Frau den spanischen Jakobsweg entlang gepilgert ist. Dabei erwieß
es sich von Vorteil, daß er sich eine Trillerpfeife um den Hals hängte, um
so mit seiner voraus- oder hinterherwandernden Frau Kontakt aufnehmen zu
können... (Überflüssig zu erwähnen, daß ich die Möglichkeit mit Margrit
auch erörterte...) Jedenfalls wechselt das Gesprächsthema auf die hiesige
Gegend, die unsere neue Bekanntschaft in höchsten Tönen lobt, wobei er uns
vor allen Dingen diemalerische Halbinsel Butjadingen zwischen dem
Jadebusen und der Weser nahelegt. Allerdings sei im Augenblick natürlich
Hauptsaison, alle Übernachtungsmöglichkeiten so gut wie ausgebucht, er
wünsche uns trotzdem viel Glück.
Als unsere
Brotzeit beendet ist und wir wieder allein mit uns sind, kommen wir auf
die glorreiche Idee, schon jetzt, am frühen Nachmittag, ein Zimmer
vorzubestellen. Und wirklich: die meisten Unterkünfte sind belegt! Nachdem
ich meine halbe Telefonkarte vertelefoniert habe, finden wir was in
Tossens, einem Küstenort am Jadebusen, wohl 30 km von hier.
Während wir
von der Weser nach Westen abweichen und diese Distanz noch in der
Nachmittagshitze hinter uns bringen, sehe ich vor meinem inneren Auge
Bilder von azurblauem Wasser, gelben Dünen und feinem Sand, gestreiften
Strandkörben und heiser schreienden Seevögeln... Aber - man ahnt es schon
- Fantasie und Realität klaffen oft weit auseinander! Wir sind in einer
neu angelegten Touristengemeinde gelandet, mit Restaurants, einem
Campingplatz, Ferienwohnungen, etc. Das wäre ja nicht so schlimm, aber das
Meer und der Zugang dazu, entspricht gar nicht dem, was ich mir so
ausgemalt habe: Es gibt keinen Sandstrand nur Betonplatten, die den
Schlick eindämmen sollen, das Wasser riecht brackig und am Horizont sieht
man die Kräne der Wilhelmshavener Hafenanlagen. Trotzdem sind wir erstmal
froh für heute untergekommen zu sein.
Wir haben die
Unterkunft für zwei Nächte gebucht, die wieder vom schon beschriebenen
Stechmückenproblem geprägt sind. Am nächsten Tag kommen wir überein,
unsere noch verbleibenden Urlaubstage hier in Tossens zu verbringen.
Erstens sind wir in 9 Tagen rund 680 km gefahren ohne einen Ruhetag
einzulegen, dann traue ich meinem Fahrrad nicht mehr über den Weg und
außerdem könnten wir hier oben ja Tagesausflüge machen.
Das tun wir
dann auch. Einmal radeln wir nach Burhave, besichtigen dort ein
Gezeitenmuseum, ein anderes Mal fahren wir abends zum Naturschutzgebiet
"Norddeutsches Wattenmeer" und genießen den Chor der See- und Strandvögel.
Wir wechseln noch einmal die Unterkunft, diesmal bekommen wir eine kühle,
mückenfreie Bleibe, bis wir schließlich die Rückreise organisieren müssen.
Wir wollen
die Räder von hier aus nach Zürich zurückschicken, selber aber nach
München reisen. Das sorgt im Reisebüro in Burhave für einige
Verwirrung, zumal die junge Dame hinterm Schalter sowieso noch neu in
ihrem Metier zu sein scheint. Doch nach einiger Zeit treten wir mit
Fahrkarten, Quittungen und Bestätigungen wieder in den Sonnenschein
hinaus: am Freitagvormittag soll ein Speditionsfahrer unsere Räder vom
Hotel abholen! Der gute Mann auch zur ausgemachten Zeit, jedoch sitzt
er am Steuer eines Kleinwagens und ist nicht auf den Transport von
Fahrrädern vorbereitet. Außerdem fehlt eine Banderole, die am Fahrrad
befestigt sein muß und die wir vom Reisebüro bekommen hätten müssen, wir
haben aber die Quittung über die erfolgte Bezahlung! Es herrscht also
Verwirrung, es wird herumtelefoniert, aber letztendlich geht dann doch
alles klar und wir sind ehrlich neugierig, ob wir unsere Räder
wohlbehalten wiederbekommen. Wir selber machen uns nachmittags mit dem Bus
auf nach Bremerhaven wo wir noch eine Nacht verbringen und am nächsten
Morgen mit dem ICE nach München zurückreisen wollen.
Als wir
abends in Bremerhaven spazierengehen, haben wir das erste Mal das Gefühl,
an der Nordsee zu sein: das Wetter hat nämlich umgeschlagen und ein
frischer Wind trägt die salzige Luft zu uns herüber - sowas nenne ich
Meeresluft und -duft! Morgens um 7.30 fährt der Zug in Bremerhaven ab, wir
kreuzen ein paar Mal in wahnwitzigem Tempo das Fuldatal auf Brücken, die
wir vor kurzer Zeit von unten betrachten durften. Um die Mittagszeit sind
wir in München - so schnell kann das gehen!
Fazit: Als ein paar Wochen vergangen sind, haben wir das
Gefühl, zu wenig von der Radreise mitbekommen zu haben, sind wir doch fast
wie blind an allen Sehenswürdigkeiten vorbeigerauscht, nur immer schnell
weiter, nur ja keine Zeit versäumen! Durch die Übernachtungen in Hotels
und Gaststätten und die oft zweimal am Tag eingenommenen Speisen in
Restaurants war die Reise teurer als ein Karibik-Urlaub für 14 Tage! Wir
nehmen uns vor, das zukünftig anders zu organisieren!
Als wir
wieder nach Zürich kommen, stehen unsere beiden Räder zuverlässig bei der
Gepäckaufbewahrung, lediglich ein paar ganz kleine Schrammen sind zu
erkennen. Als ich mein Fahrrad zwecks Behebung des Achters in die
Werkstatt gebe, stellt sich heraus, daß am Hinterrad ein Speiche gebrochen
ist. Der Mechaniker führt das auf meinen wackeligen Gepäckträger zurück,
der vollbepackt hin und herschlenkert wie ein Kuhschwanz. Und was macht
der Martin? Er besorgt sich sogleich einen stabilen
Gepäckträger... |