Mai 1997 - von Zürich aus um den Bodensee

Premiere...
 
 
 
 
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Margrit besitzt ein gutes Renn-/Tourenrad, speziell auf ihre Körpergröße maßgeschneidert, einem behutsamen Beginn steht eigentlich nichts mehr im Wege. Als die Tage länger werden und die Temperaturen steigen, beginnen wir langsam damit. Zuerst zum Katzensee, dann mit der S-Bahn bis Eglisau und die Glatt entlang bis Zürich, einmal um den Greifensee.
Es geht ganz gut, konditionell ist das alles sowieso kein Problem. Bald reift ein Plan heran: wie wäre es denn, zu Pfingsten um den Bodensee zu fahren? Margrit ist skeptisch denn sie kann sich eine Radtour mit Gepäck nicht so recht vorstellen, sie läßt sich indes auf das Experiment ein...


Samstag - Zürich bis Altenburg

Jetzt ist es also wieder mal soweit - ich weiß gar nicht wohin mit meiner Vorfreude. Am frühen Vormittag holen wir die Räder aus der Tiefgarage, pumpen noch mal Luft nach, montieren das Gepäck und rollen nach Oerlikon, um Anschluß zum Flüßchen Glatt zu bekommen, dessen Uferweg uns bis zum Rhein bringen soll. Für das blaue Schauff ist es die erste Tour in der Schweiz, die erste Tour mit Margrit, überhaupt die erste Mehrtagestour seit langem - also lauter Premieren!

Es ist bedeckt bei recht kühlen Temperaturen, als wir langsam den Stadtbereich von Zürich hinter uns lassen. Am Flughafen Kloten vorbeifahrend, sehen wir die Jets starten, doch diesmal bekomme ich kein Fernweh, befinde ich mich doch soeben auf einer Reise in eine wunderschöne Gegend! Mal geht es durch kleine Vororte hindurch, mal an einem Sportplatz entlang, wo gerade eine Sportveranstaltung ausgerichtet wird, eine Holzbrücke will überquert werden und die Sonne schiebt zaghaft die Wolkendecke beiseite, als das Tal enger wird und wir am Flußufer die erste Pause einlegen. Kurz danach ist auch schon das Rheintal erreicht,wo eine Brücke über den Fluß führt. Drüben radeln wir durch die schöne Altstadt von Eglisau, an hübschen Fachwerkhäuschen vorbei, eine steile Hauptstraße nach oben, bis wir das Rafzer Feld erreichen, eine Hochebene, der wir nach Osten folgen. Hinter Rafz ein kleiner Grenzübergang. Erstmals auf deutschem Boden folgen wir einer Bahnlinie, von der uns eine schöne Aussicht nach Süden vergönnt ist. Lottstetten und Jestetten werden durchquert, danach führt uns am Schluß dieser Tagesetappe eine langgestreckte Abfahrt bis hinunter an den Rhein. Kurz vor der Ankunft am Etappenziel Altenburg müssen wir diese Höhenmeter aber wieder hinaufstrampeln, ehe wir uns im Gasthof Adler ausruhen können. Jetzt kommt die Sonne vollends durch, die Temperaturen steigen an, so daß es sich gemütlich im Freien sitzen läßt. Nach dem Abendessen spazieren wir ein wenig aus dem Ort hinaus und wir kommen gerade rechtzeitig, um die Sonne am Horizont versinken zu sehen, im Vordergrund weit unter uns der Rhein mit dem Kloster Rheinau.


Sonntag - Altenburg bis Ermatingen

Das Wetter scheint uns wohlgesonnen: als wir frisch gewaschen und geputzt am Morgen ausfahren, lacht die Sonne vom Himmel. Ich freue mich auf den ersten Höhepunkt der Reise, den Rheinfall bei Schaffhausen. Langsam arbeiten wir uns an dieses Ereignis heran, überqueren wieder die Grenze zur Schweiz und sehen bald die Gischtwolken des Wasserfalles vor uns. Da wir recht früh unterwegs sind, halten sich die Touristenströme noch in Grenzen. Leider jedoch liegt dieses Naturereignis mitten in Neuhausen, so daß im Hintergrund die Wohnblocks der Stadt zu sehen sind. Mich erinnert das ein wenig an die Niagarafälle, wo ja auch eine moderne Stadt drumherum entstanden ist (Natürlich ist es hier nicht so spektakulär!).

Es gilt, Schaffhausen zu durchradeln. Das bedeutet, man muß ein paar Kilometer steigungsreich an der Hauptstraße entlang fahren, ehe man wieder runter an das Rheinufer kommt. Die Altstadt samt der Burg Munot heben wir uns für ein andermal auf, denn nun führt der Weg immer am Fluß entlang nach Osten. Ausflügler mit Motor- und Ruderbooten, Passagierschiffe mit winkenden Fahrgästen - alles versetzt mich in Urlaubsstimmung. So gleiten wir dahin, mal neben einer befahrenen Straße, dann ein paar Kilometer einen miserablen Feldweg entlang, bis wir uns Diessenhofen nähern, wo uns auf der anderen Flußseite ein Biergarten einlädt. (Einladungen soll man annehmen....)

Eine zeitlang sitzen wir dort im Schatten und beobachten den Passagierverkehr auf den Flußschiffen, bis wir uns selber wieder aufmachen und uns Stein am Rhein nähern, wo es ein kleine Brotzeit gibt. Dort sind die Touristen inzwischen in Scharen eingeflogen, was uns aber nicht stört, nach vollendeter Mahlzeit sitzen wir nämlich schon wieder im Sattel, queren aufs Neue den Fluß und haben den ersten Kontakt mit dem See, der hier nicht Boden- sondern Untersee heißt. Früher Nachmittag und ganz schön warm ist es geworden, als wir zuerst etwas erhöht parallel zum Seeufer entlang fahren. Der See zeigt sich uns in einem tiefen Blau mit vielen weißen Segeln. Einmal müssen wir auf eine verkehrsreiche Straße ausweichen, bald jedoch dürfen wir wieder in Ufernähe radeln. Ermatingen heißt unser heutiges Ziel, wir haben ein Zimmer im Ermatingerhof, feudal und gerade noch so erschwinglich, aber mit einem herrlichen Ausblick über den See nach Westen, was wir besonders während des Sonnenuntergangs zu schätzen wissen (Leider versäumen wir es, den Film richtig in die Kamera einzulegen, darum gibt es hinterher eine große Entäuschung und keinerlei Fotos von dieser Reise). Den Spätnachmittag verbringen wir in einem Café direkt am Seeufer mit Blick auf die Insel Reichenau und während uns die tiefer sinkende Sonne noch wärmt, müssen die Segler schauen, daß sie mit dem abflauenden Wind noch ans Ufer kommen.
Uns stört das nicht, denn wir gönnen uns zum Abendessen Fisch und Wein vom Bodensee und verbringen hinterher noch einige Zeit lesenderweise im Garten unseres Hotels.

Montag - Ermatingen bis Horn

Wir haben eine recht neugierige Hotelbesitzerin, so fällt uns der Abschied am Morgen nicht schwer. Die ersten Strecke bis Konstanz fahren wir durch Obstplantagen, heute mit einem fast vergessenen Begleiter: dem Heuschnupfen. Margrit leidet auch leise vor sich hin und so ziehen wir schneuzender und niesender Weise unserer Wege. Kurz vor Konstanz verlässt mich auf einmal der Orientierungssinn. Müssen wir nach Konstanz oder nach Kreuzlingen, über die Grenze oder nicht? Ich bin darüber ein wenig genervt, vermutlich auch wegen des Verkehrs, der Hitze, des Heuschnupfens und des verlorenen Weges, aber nach einer Kaffeepause sieht - wie immer - alles wieder anders aus. Wir finden schließlich den Weg hinaus ans schweizer Seeufer, wo wir uns nochmals zwischen Obstgärten wiederfinden. Das Seeufer ist ab jetzt zugebaut mit Villen und Häusern, die Wohlhabenden haben sich hier ihre Domizile geschaffen, man kann es ihnen nicht verdenken. Für die Radler bedeutet das, zwischen Hecken und der Eisenbahn zu fahren. Diese Stunden sind geprägt von brennender Sonne und Gegenwind. Wir sind darob gar nicht so furchtbar gut gelaunt. Zum guten Glück geraten wir unversehens in ein Areal mit Biergarten, Kinderzoo und Obstbäumen. Das ist ja wirklich dermaßen einladend! Was, jetzt schon wieder ein Päuschen? Naja, man hat ja schließlich Urlaub und blinder Eifer schadet sowieso...

Hinterher beginnt wieder der alte Trott. Der hat aber ein Ende, als Romanshorn mit seiner Seepromenade auftaucht. Endlich der erste richtig schöne Blick auf den Bodensee! Die Strecke wird im folgenden besser, Arbon wird durchradelt und in Horn finden wir eine Bleibe für diese Nacht. Auf einer Seeterasse nehmen wir das Abendessen ein, von der Sonne nach einmal gewärmt und liebkost.

Dienstag - Horn bis Lindau

Heute werden wir die schönste Tagesetappe erleben! Weil die Sonne es immer noch gut mit uns meint, starten wir guter Dinge von Horn aus Richtung Rohrschach am See entlang. Den Rohrschacher Berg spüren wir kaum, oder sagen wir mal, nur ein wenig, dann fahren wir vom See abgewandt nach St. Margarethen und befinden uns schon fast im Rheindelta. Dort wollen wir bis vor zum Rheinspitz radeln.

Doch zuerst nehmen wir den falschen Weg, den, der uns zwar in gerader Richtung nach Bregenz führen würde, aber dahin wollen wir jetzt noch nicht. Also umkehren und suchen, bis wir die richtige Abzweigung finden! Ruhig und beschaulich geht’s auf kleinen Sträßchen nach Norden zum See. Irgendwann ist für Autos gesperrt und wir sind alleine in der stillen Natur. Ganz flach ist es hier, im Rücken sehen wir die Alpen und vor uns ist Moor, Moos, Schilf und alles was sonst noch so zu diesen Feuchtgebieten gehört. Am See gibt es einen idyllisch gelegenen Campingplatz mit Gaststätte, die wir - man ahnt es schon - aufsuchen, um unseren obligatorischen Kaffee zu trinken. Beim Weiterfahren meldet sich bald der kleine bzw. große Hunger, was uns am Anfang nur ein müdes Lächeln kostet; von Kilometer zu Kilometer wird dieses Problemchen indes ernster. Ein paar mal kommen wir an geschlossenen Lokalitäten vorbei, dann wiederum gefällt uns ein geöffnetes nicht, bis wir an einem Kiosk am Wegesrand vorbeikommen, gewissermaßen zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Jedenfalls verschmähen wir die angebotenen Bratwürstchen keineswegs.

Solchermaßen gestärkt überqueren wir noch den Rhein, die Bregenzer Ache und noch einen Bach und trudeln am frühen Nachmittag in Bregenz ein, nun wieder mit dem Ausflugsverkehr konfrontiert.
Bevor wir Lindau erreichen, dürfen wir noch diese wunderbare Passage direkt am Seeufer entlang fahren, alles ist wie im Bilderbuch: kaum Wind, strahlender Sonnenschein, Segelboote, die Berge - eine Sinfonie in Blau!

Doch auch das geht vorüber, denn der Straßenverkehr nimmt gewaltig zu, je mehr wir uns dem Nadelöhr Lindau nähern. Wir schieben die Räder durch die Lindauer Altstadt bis wir unser Hotel gefunden haben. Abends sitzen wir lange am Hafen in einem Restaurant, beobachten die Passanten und warten aufs Dunkelwerden. Margrits Magen schlägt jedoch Purzelbäume, so daß wir den Abend leider nicht ganz ungestört genießen können.


Mittwoch - Lindau bis Konstanz

Am Morgen den Hafen nochmals kurz zu besuchen, ist Pflichtprogramm, bevor wir uns auf dem Weg nach Konstanz machen. Wie auf der schweizer Seeseite müssen wir durch Wohnsiedlungen und an Hecken entlang fahren, haben also wieder wenig Zugang zum See. Das wird aber immer dann durchbrochen, wenn eine der größeren Ortschaften am Wege liegt. Dort werden wir immer an der Uferpromenade geführt. Wasserburg, Nonnenhorn und Langenargen mit dem orientalisch anmutenden Schloß Montfort erleben wir auf diese Art und Weise. Bevor wir Friedrichshafen erreichen, geht’s noch durch das Eriskirchner Ried, einem Naturschutzgebiet. Schließlich sind wir in Friedrichshafen, wo mir die Luft ein wenig ausgeht, denn im grellen Sonnenlicht durch Städte mit vehementem Autoverkehr zu radeln, gehört nicht gerade zu meinen Stärken. Das relativiert sich, als wir in einer Parkanlage am See erstmal eine Kleinigkeit essen. Viel bessert sich meine Stimmung aber nicht, weil wir nun immer an der Autostraße entlang nach Meersburg kurbeln.

Erst als wir auf einer Anhöhe ein altes Weingut entdecken und in der dortigen Gartenwirtschaft pausieren, geht mir wieder das Herz auf: Ein Blick ist das! Weit sieht man übers Wasser, im Süden die Alpenkette, auf unserer Uferseite Weinberge und überall Segelboote und Segelboote und nochmals Segelboote...

Wir fotografieren - leider umsonst, wie sich dann herausstellt - und jetzt bin ich wieder gut gelaunt, darum machen mir auch die restlichen Kilometer Autostraße bis Meersburg nicht mehr viel aus. Von Meersburg aus nehmen wir die Fähre nach Konstanz. Dort sagen wir ein bereits vorbestelltes Zimmer außerhalb der Stadt ab, weil wir nämlich im Hotel Graf Zeppelin eine wunderschönes, altmodisches Zimmer bekommen haben. Abends besichtigen wir die Stadt und landen in einem chinesischen Restaurant - heute mal keinen Bodenseefisch!


Donnerstag - Insel Mainau

Heute ist fahrradfreier Tag! Wir nehmen am Morgen das Schiff zur Insel Mainau und lassen uns durch den botanischen Garten treiben. Es gibt neuerdings ein Schmetterlinghaus mit freifliegenden Tieren. Eigentlich finde ich das ganz schön, diese großen exotischen Falter aus nächster Nähe zu sehen, als ich aber schon eine zeitlang in der Voliere bin, werde ich doch ein wenig unruhig, weil sich diese Viecher ja überall hinsetzen und ich mit Insekten ja überhaupt nichts anfangen kann. Aber auf einmal sitzt ein großer blauer Falter auf meiner Hand und strömt soviel Ruhe aus, daß es mir schlagartig besser geht und ich mich wie beschenkt fühle! Die Besuchermassen sind enorm, als wir das nächste Schiff nach Meersburg nehmen, dort die Stadt und die Burg besichtigen und abends wieder im Graf Zeppelin eintrudeln.

Als wir uns langsam Gedanken über die Rückreise machen, kommen wir auf die Idee, ein Stück mit dem Schiff zu fahren, zumindestens bis Stein am Rhein. Als wir uns am Hafen nach einer Passage erkundigen, teilt man uns mit, daß wir sogar bis Schaffhausen auf dem Schiff bleiben könnten. Allerdings kann man keinen Fahrradstellplatz reservieren und die Räder werden nur mitgenommen, wenn genügend Platz ist, was mich mal wieder beunruhigt, denn die Rheinschiffe sind kleiner und bieten nicht so viel Platz wie die Seeschiffe - und diese waren auf der Fahrt zur Mainau heute hoffnungslos überfüllt.
Ich rechne jedoch damit, daß die meisten Radler erst mal ausschlafen werden...


Freitag - Rückreise nach Zürich

Um 7.30 sind wir am Hafen und warten in der Morgensonne auf unser Schiff, das von Kreuzlingen her erwartet wird. Außer uns gibt es nur noch ein Radlerpaar und eine handvoll Fahrgäste, darum dürfen wir mitsamt den Drahteseln an Bord. Als diese vorne am Bug abgestellt sind, machen wir es uns auf dem Vorderdeck im Freien bequem. Ein windstiller, traumhafter Frühsommermorgen ist das heute, der See ist spiegelglatt und strahlt eine unwahrscheinliche Ruhe aus. Nur das Tuckern des Schiffsmotores stört diese Stille. Langsam gleiten wir an der Insel Reichenau vorbei, landen und nehmen neue Passagiere auf. Bei Stein am Rhein wird aus der Seefahrt eine Flußfahrt. Vom Wasser aus sieht man immer wieder mal Strände, kleine Badebuchten und allerhand idyllische Fleckchen, die zum Verweilen einladen. Ein paar Mal müssen wir den Kopf einziehen, als wir die niedrigen alten Flußbrücken, zum Beispiel in Diessenhofen, passieren. Nach 4 Stunden sind wir in Schaffhausen angekommen und laden etwas benommen unsere Räder aus.

Jetzt geht’s den gleichen Weg zurück, den wir schon von der Anreise her kennen: durch den Schaffhauser Stadtverkehr, am Rheinfall vorbei bis zum Dörfchen Rafz, wo wir unsere Velos in die S-Bahn verladen, um uns nach Zürich zurück transportieren zu lassen. Und dann ist’s auf einmal wieder vorbei, die Räder sind abgepackt und im Keller, die Wäsche rotiert schon in der Waschmaschine, die Ausrüstung ist gereinigt...

Eine schöne Woche war das! Und, zu guter Letzt das Wichtigste: Margrit hat es auch gefallen und sie will im Sommer mit mir 2 Wochen lang mit dem Velo unterwegs sein, die Strecke darf ich mir noch aussuchen...

 
 
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