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Meine Nerven werden wirklich auf die Probe gestellt! Langsam hat sich
der Enttäuschung
vom Wochenende gelegt, als ein Ersatzfahrrad für Rita bereitsteht. Dafür
regnet es jedoch am
Donnerstag in Strömen. Für das Wochenende meldet der Wetterdienst immerhin
schönes
Wetter und so reisen wir trotz der noch dräuenden Regenwolken nach Appertshofen,
wo
wir bei meinem Onkel und dessen Familie übernachten wollen. Ich bin recht
im Zugzwang,
weil ich ja Rita das Radreisen nahebringen möchte und deswegen für die
erste gemeinsame
Unternehmung dieser Art natürlich optimale Bedingungen bräuchte. Aber
heute abend
sieht es wirklich nicht gut aus! Ich versuche mich halbherzig an den Gesprächen
dieses
Abends zu beteiligen und denke mit Bangen an das Morgen...
Freitag - Appertshofen bis Riedenburg
Und wirklich: am Morgen gießt es noch aus allen Kübeln,
dementsprechend trübsinnig sitze ich am Frühstückstisch. Der
Radiosprecher kündigt jedoch Wetterbesserung im Laufe des Tages an,
was mich wieder hoffen läßt. Im Laufe des Vormittags hört es tatsächlich
zu regnen auf, wir trauen indes dem Frieden noch nicht so recht.
Erst als sich auch die Wolkendecke ein wenig hebt, packen wir unser
Gepäck und verabschieden uns in Richtung Altmühltal. Wir befinden uns auf
einer Hochebene über besagtem Flußtal; das ist erstmal angenehm, ein
kleinerBach fließt in Richtung Altmühl, von einer kleinen Straße
begleitet, der wir uns anvertrauen. Sanft bergab werden wir nach
Kipfenberg geleitet, wo wir uns in einer Bäckerei mit Croissants und
frischen Brötchen versorgen. Nun beginnt eine ideale Radstrecke an der
Altmühl entlang, die schon bald in den Rhein-Main-Donau-Kanal übergeht. Es
bleibt trocken, ich kann aufatmen und beginne langsam, die Fahrt zu
genießen. Beilngries haben wir schon hinter uns als die Sonne durch die
Wolken bricht. Jetzt wird es recht idyllisch. Immer wieder kommenwir an
Teichen oder stillgelegten Altarmen der Altmühl vorbei, wo uns die Frösche
zuquaken, wir sehen allerhand Tiere und Wasservögel. Einzeln oder in
Gruppen vorbeiziehende Radtouristen, alle mit Gepäck beladen und gut
gelaunt scheinen mich und meine neu entdeckte Reiseform zu bestätigen!
Allmählich wird es Zeit, ein Zimmer für die Nacht zu suchen, es
sind bald 60 km gefahren - wir wollen es ja nicht übertreiben - als wir
uns Riedenburg nähern. Zuerst fragen wir in 2 Gasthöfen vergeblich nach
einem Zimmer nach, man schickt uns von Pontius zu Pilatus, aber
schließlich werden wir auf eine kleine Privatpension aufmerksam. Die
Wirtin ist an Radreisende gewöhnt und als ich umständlich die
Befestigungsriemen meiner Tchibo-Packtasche löse, redet sie mich schief
von der Seite an, ich solle mir doch mal “g’scheite” Gepäcktaschen kaufen,
damit blieben nämlich die Finger sauber...
Diese sind nun wirklich voll Schmiere geworden, aber ich will
mich ja sowieso duschen. Bald sind wir wieder frisch und erkundigen
per Pedes den kleinen Ort. Es gibt zwei Burgen, eine mit Falknerei,
die jedoch geschlossen ist. Außerdem ist Riedenburg ein Etappenhafen für
Passagierschiffe, die in der einen Richtung bis Passau, Wien oder
sogar Budapest fahren, oder aber bis Würzburg, Köln oder Rotterdamm
wollen. So spürt man in diesem kleinen Städtchen das Flair der “großen
weiten Welt”. Ein griechisches Restaurant verschmähen wir nicht, das Essen
bekommt jedoch nur eine mittelmäßige Note auf der nach oben offenen
Punkteskala.
Das ist bald vergessen, als wir beim Heimgehen eine schöne
weiße Gans in einem Vorgarten sehen. Wir rätseln lange herum, ob
dieses regungslose Geschöpf echt oder künstlich ist, erst als es sich dann
doch bewegt, wissen wir Bescheid. Die Besitzerin sieht uns stehen und
erzählt uns, daß die Gans über zwanzig Jahre alt wäre und nicht verspeist
werden würde, sondern weiter vor sich hinleben darf. Das gibt uns auf
dem Nachhauseweg Gesprächsstoff, wie hoch wohl die natürliche
Lebenserwartung eines Schweines oder Rindes wäre, wir erörtern dabei
noch dies oder jenes.
Samstag - Riedenburg bis Vohburg
Nach dem Frühstück werden die Hände beim Bepacken wieder schmutzig,
doch heute ficht mich das ob des traumhaften Sommerwetters nicht an!
Hurtig geht’s am Fluß entlang. Leute winken von Ausflugsbooten
herüber, Angler dösen am Flußufer, Radler und Wanderer machen
Picknick, die Sonne brütet über allem, meine Nase läuft und meine Augen
tränen... Doch was soll’s, es ist schön draußen zu sein! “Brettl-eben”
ist der Weg, als wir nach einiger Zeit ein Kristallmuseum erreichen.
Die Besichtigung lohnt sich, nicht zuletzt wegen dem Biergarten
nebenan. Ich freue mich, als wir Kelheim erreichen, denn nun kommt das
Schmankerl, mit dem ich Rita eine Freude machen will: die Schiffahrt durch
den Donaudurchbruch bis Kloster Weltenburg.
Wir checken ein, machen es uns auf dem Deck bequem und sind voller
Vorfreude auf den Naturgenuß, als eine Blaskapelle, die sich wohl auf
Vereinsausflug befindet, just in diesem Augenblick zu spielen gedenkt.
Irgendwie passt dann dieser Lärm nicht zum Naturschauspiel, das wir lieber
in stiller Andacht hätten erleben wollen. Ich bin ein wenig sauer, aber
ich kann’s nicht ändern, den anderen Ausflüglern scheint die musikalische
Untermahlung wohl angemessen. Trotz dieser Beeinträchtigung ist dieser
Flußabschnitt sehenswert, eine angenehme Abwechslung ist es auf jeden
Fall! In Kloster Weltenburg ist heute natürlich der Teufel los,
Ausflugsbusse stehen in Reih und Glied und die kleine Verbindungsstraße
bis zum Kloster ist überfüllt. Nachdem wir diese Passage schiebender Weise
überwunden haben, gilt es, die gleiche Strecke in umgekehrter Richtung zu
bewältigen, die mir vor ein paar Wochen die Unfähigkeit meiner Bremsen vor
Augen geführt hat. Während wir den Hügel hinaufstrampeln, spielt sich das
damals Erlebte wieder in mir ab. Wie anders heute die Landschaft bei
Sonnenschein aussieht! Es gibt nochmals eine Kaffeepause in Bad Gögging,
bevor wir in Vohburg unsere Tagesetappe beenden. Abends sitzen wir auf
dem Vohburger Stadtplatz bei lauen Sommertemperaturen, wo die
Vohburger Stadtschönheiten promenieren und die starken Jungs mit den
Mopeds protzen!
Sonntag - Vohburg bis Ingolstadt
Die heutige Etappe führt uns zurück nach Ingolstadt, wo uns
meine Tante Rosemarie auflesen wird. Es geht bei nach wie vor herrlichem
Wetter am Donaudamm entlang. Die Strecke empfinde ich genauso ereignislos
und langweilig wie schon ein paar Wochen zuvor. Wir kommen schon um die
Mittagszeit in Ingolstadt an, trinken in Appertshofen noch Kaffee und
fahren abends zurück nach München. Man möchte nicht glauben, wie schnell
doch 3 Reisetage vergehen können...
Die Aufrüstung beginnt... Langsam scheine ich meinem
Silberpfeil zu entwachsen. Die bei Nässe nicht funktionierenden Bremsen
haben meine Begeisterung für den langjährigen Begleiter gedämpft.Wieder in
München werden zuerst die Bremsklötze und Bremszüge erneuert, was aber
keine große Verbesserung des Bremsverhaltens ergibt. Im August nun
verbringen wir einige Zeit in Oberviechtach bei meinen Eltern. Mutter
hat sich ein neues Fahrrad gekauft, mit Nabenschaltung, Rücktrittbremse
und vorne einer Cantilever-Felgenbremse. Diese nun gefällt mir bei
einer Probefahrt so gut, daß ich auf einmal den Kauf eines neuen Fahrrades
in Erwägung ziehe. Doch, siehe da, die Preise sind gestiegen. Die
235,-- DM meines damaligen Rennrades noch im Kopf, muß ich erstmal
schlucken, als mir die momentane Preislandschaft gewahr wird: über
1000,-- DM für ein Velo? Und da fängt erst die qualitative Mittelklasse
an? Das muß erstmal verdaut werden! Ich will ein Rad mit den neuen
Felgenbremsen und einer Kettenschaltung, das ist mir das Wichtigste. Und
1000,-- DM ist die Obergrenze! Mehr bin ich zu diesem Zeitpunkt noch
nicht bereit für ein Fahrrad auszugeben. Während ich noch abwäge, ob
ich mir jetzt überhaupt ein Rad leisten will ist die Entscheidung
innerlich schon gefallen. Wir schauen “einfach nur so” beim
Fahrradhändler meiner Eltern vorbei und kommen nach einiger Zeit mit
den Kaufverträgen für zwei Räder wieder heraus. Rita hat ein
Damen-Treckingrad erstanden und ich ein City-Treckingbike, Typ “Oxford”
von Schauff in blau-metallic mit schwarzen Schutzblechen und Gepäckträger,
21-Gang-Shimano-Schaltung und Cantilever-Bremsen. Eine Lenkertasche
und einen Fahrrad-Computer habe ich mir auch noch spendiert. Knapp
1000,-- DM kostet das alles zusammen und ich bin zufrieden mit mir. Am
selben Tag mache ich noch ein Tour im Oberviechtacher Umland und bin
begeistert von meiner Neuanschaffung. Es sind nicht nur die Bremsen,
es ist auch die Schaltung mit den leichten Berggängen, die mich
fasziniert. In München werden noch “professionelle” Packtaschen von
Ortlieb erstanden, wasserdicht und mit dem genialen Befestigungssystem.
Und jetzt stehe ich unter Strom, weil in diesem Jahr keine Zeit mehr
für eine größere Tour bleibt! Allerdings teste ich meinen neuen
Liebling bei einigen Tagestouren und erstehe ihm bald zwei
Lenkerhörnchen und einen Lowrider-Vorderradgepäckträger. Der Silberpfeil
ist jetzt mein Alltagsrad, das blaue Schauff ist das Rad für die
gewissen Touren...
Im
September verbringen Rita und ich zwei Wochen in der Bretagne. Wir nehmen
die Räder mit und machen dort einige kleinere Touren. Dann kommt der
Herbst und andere Unternehmungen stehen an: wir wollen im Winter in den
Senegal fahren, um einen Tanz- und Trommelkurs zu besuchen und deswegen
stelle ich mein Pferdchen zum Überwintern in den Keller!
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