Juni 1994 - Altmühltal und Donau

Für den kleinen Hunger zwischendurch...
 
 
 
 

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Meine Nerven werden wirklich auf die Probe gestellt! Langsam hat sich der Enttäuschung vom Wochenende gelegt, als ein Ersatzfahrrad für Rita bereitsteht. Dafür regnet es jedoch am Donnerstag in Strömen. Für das Wochenende meldet der Wetterdienst immerhin schönes Wetter und so reisen wir trotz der noch dräuenden Regenwolken nach Appertshofen, wo wir bei meinem Onkel und dessen Familie übernachten wollen. Ich bin recht im Zugzwang, weil ich ja Rita das Radreisen nahebringen möchte und deswegen für die erste gemeinsame Unternehmung dieser Art natürlich optimale Bedingungen bräuchte. Aber heute abend sieht es wirklich nicht gut aus! Ich versuche mich halbherzig an den Gesprächen dieses
Abends zu beteiligen und denke mit Bangen an das Morgen...


Freitag - Appertshofen bis Riedenburg

Und wirklich: am Morgen gießt es noch aus allen Kübeln, dementsprechend trübsinnig sitze ich am Frühstückstisch. Der Radiosprecher kündigt jedoch Wetterbesserung im Laufe des Tages an, was mich wieder hoffen läßt. Im Laufe des Vormittags hört es tatsächlich zu regnen auf, wir trauen indes dem Frieden noch nicht so recht. Erst als sich auch die Wolkendecke ein wenig hebt, packen wir unser Gepäck und verabschieden uns in Richtung Altmühltal. Wir befinden uns auf einer Hochebene über besagtem Flußtal; das ist erstmal angenehm, ein kleinerBach fließt in Richtung Altmühl, von einer kleinen Straße begleitet, der wir uns anvertrauen. Sanft bergab werden wir nach Kipfenberg geleitet, wo wir uns in einer Bäckerei mit Croissants und frischen Brötchen versorgen. Nun beginnt eine ideale Radstrecke an der Altmühl entlang, die schon bald in den Rhein-Main-Donau-Kanal übergeht. Es bleibt trocken, ich kann aufatmen und beginne langsam, die Fahrt zu genießen. Beilngries haben wir schon hinter uns als die Sonne durch die Wolken bricht. Jetzt wird es recht idyllisch. Immer wieder kommenwir an Teichen oder stillgelegten Altarmen der Altmühl vorbei, wo uns die Frösche zuquaken, wir sehen allerhand Tiere und Wasservögel. Einzeln oder in Gruppen vorbeiziehende Radtouristen, alle mit Gepäck beladen und gut gelaunt scheinen mich und meine neu entdeckte Reiseform zu bestätigen!

Allmählich wird es Zeit, ein Zimmer für die Nacht zu suchen, es sind bald 60 km gefahren - wir wollen es ja nicht übertreiben - als wir uns Riedenburg nähern. Zuerst fragen wir in 2 Gasthöfen vergeblich nach einem Zimmer nach, man schickt uns von Pontius zu Pilatus, aber schließlich werden wir auf eine kleine Privatpension aufmerksam. Die Wirtin ist an Radreisende gewöhnt und als ich umständlich die Befestigungsriemen meiner Tchibo-Packtasche löse, redet sie mich schief von der Seite an, ich solle mir doch mal “g’scheite” Gepäcktaschen kaufen, damit blieben nämlich die Finger sauber...

Diese sind nun wirklich voll Schmiere geworden, aber ich will mich ja sowieso duschen. Bald sind wir wieder frisch und erkundigen per Pedes den kleinen Ort. Es gibt zwei Burgen, eine mit Falknerei, die jedoch geschlossen ist. Außerdem ist Riedenburg ein Etappenhafen für Passagierschiffe, die in der einen Richtung bis Passau, Wien oder sogar Budapest fahren, oder aber bis Würzburg, Köln oder Rotterdamm wollen. So spürt man in diesem kleinen Städtchen das Flair der “großen weiten Welt”. Ein griechisches Restaurant verschmähen wir nicht, das Essen bekommt jedoch nur eine mittelmäßige Note auf der nach oben offenen Punkteskala. Das ist bald vergessen, als wir beim Heimgehen eine schöne weiße Gans in einem Vorgarten sehen. Wir rätseln lange herum, ob dieses regungslose Geschöpf echt oder künstlich ist, erst als es sich dann doch bewegt, wissen wir Bescheid. Die Besitzerin sieht uns stehen und erzählt uns, daß die Gans über zwanzig Jahre alt wäre und nicht verspeist werden würde, sondern weiter vor sich hinleben darf. Das gibt uns auf dem Nachhauseweg Gesprächsstoff, wie hoch wohl die natürliche Lebenserwartung eines Schweines oder Rindes wäre, wir erörtern dabei noch dies oder jenes.


Samstag - Riedenburg bis Vohburg

Nach dem Frühstück werden die Hände beim Bepacken wieder schmutzig, doch heute ficht mich das ob des traumhaften Sommerwetters nicht an. Hurtig geht’s am Fluß entlang. Leute winken von Ausflugsbooten herüber, Angler dösen
am Flußufer, Radler und Wanderer machen Picknick, die Sonne brütet über allem, meine Nase läuft und meine Augen tränen... Doch was soll’s, es ist schön draußen zu sein! “Brettl-eben” ist der Weg, als wir nach einiger Zeit ein Kristallmuseum erreichen. Die Besichtigung lohnt sich, nicht zuletzt wegen dem Biergarten nebenan. Ich freue mich, als wir Kelheim erreichen, denn nun kommt das Schmankerl, mit dem ich Rita eine Freude machen will: die Schiffahrt durch den Donaudurchbruch bis Kloster Weltenburg.

Wir checken ein, machen es uns auf dem Deck bequem und sind voller Vorfreude auf den Naturgenuß, als eine Blaskapelle, die sich wohl auf Vereinsausflug befindet, just in diesem Augenblick zu spielen gedenkt. Irgendwie passt dann dieser Lärm nicht zum Naturschauspiel, das wir lieber in stiller Andacht hätten erleben wollen. Ich bin ein wenig sauer, aber ich kann’s nicht ändern, den anderen Ausflüglern scheint die musikalische Untermahlung wohl angemessen. Trotz dieser Beeinträchtigung ist dieser Flußabschnitt sehenswert, eine angenehme Abwechslung ist es auf jeden Fall! In Kloster Weltenburg ist heute natürlich der Teufel los, Ausflugsbusse stehen in Reih und Glied und die kleine Verbindungsstraße bis zum Kloster ist überfüllt. Nachdem wir diese Passage schiebender Weise überwunden haben, gilt es, die gleiche Strecke in umgekehrter Richtung zu bewältigen, die mir vor ein paar Wochen die Unfähigkeit meiner Bremsen vor Augen geführt hat. Während wir den Hügel hinaufstrampeln, spielt sich das damals Erlebte wieder in mir ab. Wie anders heute die Landschaft bei Sonnenschein aussieht! Es gibt nochmals eine Kaffeepause in Bad Gögging, bevor wir in Vohburg unsere Tagesetappe beenden. Abends sitzen wir auf dem Vohburger Stadtplatz bei lauen Sommertemperaturen, wo die
Vohburger Stadtschönheiten promenieren und die starken Jungs mit den Mopeds protzen!


Sonntag - Vohburg bis Ingolstadt

Die heutige Etappe führt uns zurück nach Ingolstadt, wo uns meine Tante Rosemarie auflesen wird. Es geht bei nach wie vor herrlichem Wetter am Donaudamm entlang. Die Strecke empfinde ich genauso ereignislos und langweilig wie schon ein paar Wochen zuvor. Wir kommen schon um die Mittagszeit in Ingolstadt an, trinken in Appertshofen noch Kaffee und fahren abends zurück nach München. Man möchte nicht glauben, wie schnell doch 3 Reisetage vergehen können...


Die Aufrüstung beginnt...

Langsam scheine ich meinem Silberpfeil zu entwachsen. Die bei Nässe nicht funktionierenden Bremsen haben meine Begeisterung für den langjährigen Begleiter gedämpft. Wieder in München werden zuerst die Bremsklötze und Bremszüge erneuert, was aber keine große Verbesserung des Bremsverhaltens ergibt. Im August nun verbringen wir einige Zeit
in Oberviechtach bei meinen Eltern. Mutter hat sich ein neues Fahrrad gekauft, mit Nabenschaltung, Rücktrittbremse und vorne einer Cantilever-Felgenbremse. Diese nun gefällt mir bei einer Probefahrt so gut, daß ich auf einmal den Kauf eines neuen Fahrrades in Erwägung ziehe. Doch, siehe da, die Preise sind gestiegen. Die 235,-- DM meines damaligen Rennrades noch im Kopf, muß ich erstmal schlucken, als mir die momentane Preislandschaft gewahr wird: über 1000,-- DM für ein Velo? Und da fängt erst die qualitative Mittelklasse an? Das muß erstmal verdaut werden! Ich will ein Rad mit den neuen Felgenbremsen und einer Kettenschaltung, das ist mir das Wichtigste. Und 1000,-- DM ist die Obergrenze! Mehr bin ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit für ein Fahrrad auszugeben. Während ich noch abwäge, ob ich mir jetzt überhaupt ein Rad leisten will ist die Entscheidung innerlich schon gefallen. Wir schauen “einfach nur so” beim Fahrradhändler meiner Eltern vorbei und kommen nach einiger Zeit mit den Kaufverträgen für zwei Räder wieder heraus. Rita hat ein Damen-Treckingrad erstanden und ich ein City-Treckingbike, Typ “Oxford” von Schauff in blau-metallic mit schwarzen Schutzblechen und Gepäckträger, 21-Gang-Shimano-Schaltung und Cantilever-Bremsen. Eine Lenkertasche und einen Fahrrad-Computer habe ich mir auch noch spendiert. Knapp 1000,-- DM kostet das alles zusammen und ich bin zufrieden mit mir.

Am selben Tag mache ich noch ein Tour im Oberviechtacher Umland und bin begeistert von meiner Neuanschaffung. Es sind nicht nur die Bremsen, es ist auch die Schaltung mit den leichten Berggängen, die mich fasziniert. In München werden noch “professionelle” Packtaschen von Ortlieb erstanden, wasserdicht und mit dem genialen Befestigungssystem. Und jetzt stehe ich unter Strom, weil in diesem Jahr keine Zeit mehr für eine größere Tour bleibt. Allerdings teste ich meinen neuen Liebling bei einigen Tagestouren und erstehe ihm bald zwei Lenkerhörnchen und einen Lowrider-Vorderradgepäckträger. Der Silberpfeil ist jetzt mein Alltagsrad, das blaue Schauff ist das Rad für die gewissen Touren...

Im September verbringen Rita und ich zwei Wochen in der Bretagne. Wir nehmen die Räder mit und machen dort einige kleinere Touren. Dann kommt der Herbst und andere Unternehmungen stehen an: wir wollen im Winter in den Senegal fahren, um einen Tanz- und Trommelkurs zu besuchen und deswegen stelle ich mein Pferdchen zum Überwintern in den Keller!